Ernährung

Gib mir die Kugel

Bubble Tea mit Fruchtperlen ist angesagt. Experten warnen: Kleinkinder könnten sich verschlucken

- Der erste Schluck ist süß und fruchtig. Dann saust eine Fruchtperle durch den Strohhalm in den Mund, zerplatzt dort und ein Sirup fließt heraus. Der qietschbunte Bubble Tea ist seit zwei Jahren der Renner bei Berliner Kindern und Jugendlichen. Doch es gibt auch kritische Stimmen: Kinderärzte und Krankenkassen warnen vor dem Modegetränk: zu viele Kalorien und Koffein. Und Kleinkinder könnten sich außerdem noch leicht an den Fruchtperlen verschlucken.

Im Wilmersdorfer Bubble-Tea-Shop boBarlicous herrscht Hochbetrieb. Zwischen ungeduldigen Schülern und neugierigen Familien sitzen Sabrina, Ha Van und Aurélie auf dem roten Sofa. Die drei Freundinnen sind oft hier. Sie mögen die gemütliche Atmosphäre - und die süßen Tees. Ihre Bestellung dauert deshalb nicht lange und Inhaber Ilian Karadjov bereitet die bunten Tees schnell zu: Er mixt grünen oder schwarzen Tee mit Fruchtsirup und Eiswürfeln wie einen Milchshake, bis es schäumt. "Daher hat der Bubble Tea auch seinen Namen", erklärt der 25-jährige über die Theke, "wegen der vielen kleinen Bläschen an der Oberfläche."

Fruchtperlen im Mund

Wer will, kann auch Milch, Joghurt und Fruchtfleischtücke dazubestellen. Am wichtigsten aber sind die Fruchtperlen im Getränk: Kleine bunte Kugeln aus dem pflanzlichen Geliermittel Alginat. Sobald man auf eine dieser Kugeln beißt, platzen diese und es fließt Sirup heraus. Daher der Name: popping Bobas.

Insgesamt kann man neben den 20 Sirupsorten im boBarlicious auch aus mehreren Sorten der popping Bobas wählen. Ha Van greift aber auch gern zur Alternative: Die Tapioka-Kugeln aus Stärke der Maniokwurzel sind von Natur aus geschmacklos. Sie werden gekocht, bis man sie wie Gummi kauen kann und mit einer Zuckerlösung überzogen. "Ich mag die so sehr, weil die Perlen so lange im Mund bleiben", schwärmt die Abiturientin.

Als vor 25 Jahren das Teegetränk in Taiwan erfunden worden ist, gab es weder bunte Fruchtkugeln, noch 20 verschiedene Sirupe zur Auswahl. Um Tee für Kinder interessanter zu gestalten, mischten Verkäufer an den Straßenecken einen Fruchtsirup und Milch zu frisch aufgebrühten Teeblättern. In den 90er Jahren erreichte das Getränk Korea, Japan und die USA. Seitdem ist der Bubble Tea bunt, schrill und sehr süß. Die Teeblätter wurden durch Instantteepulver ersetzt, die Sirupe mit Zuckerzusätzen erweitert und Farbstoffe kamen ins Spiel.

"Das geht aber auch anders", sagt Ilian Karadjov. Vor fünf Wochen hat er sein Bubble-Tea-Geschäft eröffnet und will damit Alternativen zum übersüßten Teegetränk aufzeigen. "Wir benutzen 100 Prozent natürliche Tees, gießen die immer frisch auf und nehmen nur Natursirupe ohne extra Zuckerzusatz." Das lockt neben den jungen Gästen auch viele Erwachsene an. Einmal hätte sogar eine 70-jährige neben zwei Jugendlichen einen Bubble Tea getrunken, erzählt Ilian Karadjov und schüttelt die Zutaten weiter. Dann versiegelt er den Becher und steckt einen dicken Trinkhalm durch die Folie. Durch diesen saugt man neben dem Getränk auch die Kugeln in den Mund. Für Kinder ist das gefährlich, sagt etwa Ernährungswissenschaftlerin Jessica Fischer von der Verbraucherzentrale Berlin: "Die Kügelchen im Bubble Tea haben eine kritische Größe, sodass sie leicht von Kleinkindern verschluckt oder eingeatmet werden können. Im schlimmsten Fall kann es dadurch zu Lungenentzündungen oder einem Kollaps der Lunge kommen." Auch der Bundesverband der Kinder und Jugendärzte warnt und fordert mehr Hinweisschilder in den Läden. Bei boBarlicious steht der Hinweis bisher nur auf der Menükarte. Aber seine Mitarbeiter hätten die Anweisung, das Getränk nicht an Kinder unter fünf Jahren zu verkaufen und Eltern auf die möglichen Gefahren hinzuweisen. Für die kleinen Gäste bietet boBarlicious einen Rotbuschtee an, der weder Fruchtperlen noch Koffein enthält.

Der Koffeingehalt im grünen und schwarzen Tee ist ein weiterer Punkt, warum Ernährungswissenschaftlerin Jessica Fischer von dem Trendgetränk für Kinder bis zum Vorschulalter abrät: "Koffein regt den Kreislauf an und hat bei einem kleinen Kinderkörper eine viel stärkere Wirkung. Wenn Kinder zu viel Koffein zu sich nehmen, kann das zu Schlaflosigkeit sowie zu Kopf- und Bauchschmerzen führen."

Trotz der Warnungen stehen immer wieder auch ganze Familien vor dem Tresen im boBarlicious: Die Wilmersdorferin Nele Pahl trinkt öfter mit ihren beiden Kindern einen Bubble Tea und nimmt die Gefahren ernst: "Das ist schon Thema bei uns Zuhause. Gerade beim letzten Rest des Tees muss man aufpassen, weil dann die Kugeln tierisch schnell beim Einsaugen in den Rachen rasen können. Deswegen sage ich immer zu meinen Kindern, dass sie aufpassen sollen, aber man kann auch nicht alles verbieten." Sogar ihre zweieinhalb Jahre alte Tochter liebt den Tee. Doch Nele Pahl hält dagegen: "Das muss alles in Maßen sein, wie bei Süßigkeiten. Bubble Tea ist für mich gleichwertig mit Kuchen oder Eis und deshalb gibt es das auch nur ab und zu. Und wegen des Koffeins auch nicht abends."

Die drei Freundinnen auf dem Sofa daneben mögen dagegen den Koffeingehalt sehr, weil es dadurch besser schmecken und wach machen würde. Entsetzt sind sie hingegen, als sie von den vielen Kalorien hören. "Deswegen würde ich jetzt nicht mehr jeden Tag einen Becher trinken, aber ab und zu kann man sich das gönnen", sagt Sabrina.

Es sind die bunten Fruchtperlen, die neben dem Sirup für den hohen Kaloriengehalt im Getränk sorgen. "Wir sind noch auf der Suche nach Bobas, die weniger Kalorien und auch weniger Zusatzstoffe enthalten", sagt der boBarlicious-Chef. Ein 0,5 l Bubble Tea mit Tee und Sirup hat durchschnittlich 200 Kalorien. Die Kalorienanzahl variiert jedoch von Becher zu Becher stark. Wer den Tee lieber süßer mag und sich für mehr Sirup, popping Bobas und Fruchtfleisch entscheidet, muss mit bis zu 500 Kalorien pro Becher rechnen - das ist etwa eine Hauptmahlzeit für Erwachsene.

Was bunt und süß ist, enthält aber nicht nur viele Kalorien, sondern ist auch mit einer großen Anzahl von Farb- und Konservierungsstoffen versetzt. "Aber ausnahmslos nur farbstofffreie Tees zu verkaufen, das ist nicht möglich. Wir brauchen süße Alternativen, sonst würden 50 Prozent unserer Kunden wegbleiben", erklärt Ilian Karadjov.