Kultur

Cyndi Lauper mit Handicap

"Yes we can": So lautet das Motto einer musikalischen Revue von jungen Menschen mit Behinderungen. Es versinnbildlicht den Traum vom eigenen Leben - und vom Dazugehören

Berlin - Michi hat sich auf ihren Auftritt bis ins Detail vorbereitet. Sich zum Minikleid schwarze Netzstrümpfe, Netzshirt und Netzhandschuhe angezogen. Einen Nietengürtel um die Hüften geschlungen. Schmuck angelegt und die Lippen grellrot geschminkt. Mit festem Schritt betritt die junge Frau die Bühne und greift zum Mikrofon. Die Musik setzt ein - "Like a Virgin" von Madonna. Michi beginnt mitzusingen und sich im Takt zu bewegen, immer schneller und schneller. Sie geht in die Knie, sie dreht sich um die eigene Achse ... stolpert und fällt auf den Bühnenboden. Keine fünf Sekunden später hat sie sich lachend wieder aufgerappelt und in den Rhythmus zurück gefunden. Souverän tanzt Michi weiter, bis zum Schluss. Ein zufriedenes Lächeln liegt auf ihrem Gesicht. Begleitet vom Applaus des Publikums schwebt sie von der Bühne.

Es ist Showtime im Pastor-Braune-Haus in Lankwitz. Wochenlang haben sich die Kinder und Jugendlichen, die in der Einrichtung für junge geistig und körperlich behinderte Menschen leben, auf diesen Abend vorbereitet. Sie haben Songs gelernt, Tanzschritte ausprobiert, Bühnenbilder gemalt, Abläufe einstudiert. Sich ausdrücken lernen und sich weiterentwickeln, im Mittelpunkt stehen und sich beweisen, Anerkennung erhalten: Das sind nur einige der Ziele, die die Betreuer und Bewohner mit der Veranstaltung im Sinn haben. "Es ist so wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen erleben, dass sie etwas können", sagt Erzieher Roland Ehlers, der als Koordinator für die Freizeitgestaltung die Idee entwickelt und das Projekt gemeinsam mit den Therapeutinnen Miriam Rölle, Hae-Kyung Chung und den Bewohnern umgesetzt hat. "Im Alltag sind sie oft benachteiligt und bekommen wenig Anerkennung. Das zehrt." So ist der Titel der musikalisch-tänzerischen Revue fast wie eine Kampfansage an alle Zweifler zu lesen. Er zeugt von der Sehnsucht der jungen Menschen nach Freiheit und Selbstverwirklichung - und von Selbstbewusstsein: "Yes we can!"

Unterstützung von Freunden

Während Michi alias Madonna sich noch von ihren Freunden feiern lässt, die am Rand des Veranstaltungsraums auf ihre Auftritte warten, zupft Saskia auf der Bühne ihr pinkes T-Shirt zurecht. Cyndi Lauper heißt ihr Alter Ego, "Time after Time" ihr Song. Schüchtern wirkt sie, doch mit ihrem bezaubernden Lächeln gewinnt sie schnell das Publikum für sich. Knicklichter werden geschwenkt, die anderen Kinder und Jugendlichen winken Saskia aufmunternd zu. Maria, die den Song "Mercy" von Duffy interpretiert, bekommt ebenfalls viel Unterstützung. Auch ihr merkt man an, dass sie sich etwas unsicher fühlt. Während des Schlussapplauses schaut sie ungläubig ins Publikum - nahezu fassungslos angesichts der Tatsache, dass sie gerade einen Solo-Auftritt bewältigt hat.

Diese Momente von Stolz und Freude, sie werden noch lange nachwirken, weiß Dr. Michael Elpers, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. "Etwas Neues auszuprobieren, die eigenen Grenzen zu überschreiten und damit Erfolg zu haben lässt das Selbstbewusstsein enorm wachsen", sagt er. Daher empfiehlt er Kurse, in denen es um Präsentation geht - sei es Tanz, Musik, Theater oder Akrobatik - als eine mögliche therapeutische Maßnahme für alle Kinder und Jugendlichen, die unter Unsicherheit leiden.

Und meist profitieren nicht nur die Darsteller. Im Pastor-Braune-Haus jedenfalls sieht man auch den Zuschauern an, wie die Revue ihr Herz berührt. Es sind heute vor allem die Mitglieder vom Freundeskreis des Pastor-Braune-Hauses und von der Stiftung "Kinder in Not". Beide Organisationen sowie die ICM Investmentbank haben das Projekt durch Spenden ermöglicht. So konnten für den Fächertanz Originalkostüme aus Korea angeschafft werden. Beim Bühnenaufbau unterstützte eine Eventagentur das Haus. Das gab Sicherheit und den Kindern und Jugendlichen die kostbare Erfahrung, wie wertvoll sie sind. "Ich bin begeistert", fasst Reinhard Hellmuth vom Freundeskreis seine Emotionen zusammen. "Beeindruckt" zeigt sich Walter Purschke von der Stiftung "Kinder in Not". "Während der Aufführung ist mir bewusst geworden, was man jungen Menschen durch Zuwendung und Miteinander alles beibringen kann - egal ob behindert oder nicht behindert." Jedem Menschen solle die Chance gegeben werden, seine Talente auszuleben.

Für die Kinder und Jugendlichen, die im Pastor-Braune-Haus zu Hause sind, ist das oftmals nicht so einfach. Rund 90 junge Menschen, überwiegend zwischen zwei und 21 Jahren, leben in elf Wohngruppen im Haus. Die Beeinträchtigungen reichen von leichten bis schweren geistigen Behinderungen, Lern- und Verhaltensproblematiken, Beziehungs- und Bindungsstörungen bis hin zu schwerst mehrfachen Behinderungen. "Unser Ziel ist es, die jungen Menschen zu fördern und Rahmenbedingungen zu schaffen, dass sie so selbstbestimmt wie möglich leben können", erklärt Leiterin Barbara Strickmann. Nichtsdestotrotz bleibt ein Großteil der Bewohner lebenslang auf Hilfe angewiesen. Die Kinder und Jugendlichen besuchen Schulen für geistig Behinderte und arbeiten, wenn überhaupt, auf dem zweiten Arbeitsmarkt. Das sei für viele bitter, erzählt Erzieher Roland Ehlers. Denn in vielen Bereichen können sich die Kinder und Jugendlichen sehr wohl mit ihren gesunden Altersgenossen messen - und tun es auch.

Breakdance gelernt

Gerade die mitwirkenden jungen Männer sprühen vor Energie. Manuel etwa, der einen lässigen Xavier Naidoo mimt und "Dieser Weg" interpretiert. Kevin, der in der Rolle eines David Hasselhoff aufgeht und lauthals "Looking for Freedom" singt. Und natürlich Oliver und Paul, die eine fast perfekte Breakdance-Show auf die Bühne bringen. "Das haben wir uns alles abgeguckt und selbst beigebracht", erzählen sie. "Wir waren auch schon bei einer Battle am Kudamm dabei." Fachkundig erklären sie Tanzschritte wie "Six Step" und "Top Rock". "Wir mussten die Jugendlichen gar nicht motivieren, ihr Können vorzuführen - sie wollten es von sich aus", sagt Erzieher Roland Ehlers. Das ist die beste Voraussetzung, findet Psychiater Michael Elpers: "Erwachsene sollten Kinder nicht unter Druck setzen, etwas zu präsentieren, sondern lieber die Lust auf das Selbermachen wecken", sagt er. Und wenn ein Kind partout nicht beim Auftritt dabei sein wolle, solle man das respektieren. Schon die Erfahrung, Teil eines Ganzen zu sein, sei wertvoll - ganz nach dem Motto "Der Weg ist das Ziel".

Für Kevin alias David Hasselhoff war der Auftritt allerdings das Größte. "Das war aufregend! Das war lustig! Das war Showbiz ohne Ende!", ruft er aufgedreht. Jenifer fasst ihre Erfahrungen mit einem Song von Yvonne Catterfeld zusammen. Der Refrain geht so: "Du bleibst immer noch du / Gehörst noch immer dazu / Ich steh zu dir lass dich nicht allein / Denn ich bin bei dir um dir ein Freund zu sein. / Du bleibst immer noch du / Denn ich lass nicht zu / Dass irgendwas dich zu ändern versucht / Ist das Leben auch mal trist, bleib wie du bist."