Interview

"Ein Stück Solidarität bleibt erhalten"

Harald Freyberger, Experte für Stasi-Opfer, über doppelte Wirklichkeiten, Schamgefühle - und die Schwierigkeit zu verzeihen

Harald Freyberger ist Arzt und Professor für Psychiatrie, psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Greifswald. Er gilt als Experte für traumatisierte Holocaust- und Stasi-Opfer. Mit ihm sprach Antje Hildebrandt.

Berliner Morgenpost:

Herr Freyberger, als Psychiater und Psychotherapeut behandeln Sie auch Kinder von Stasi-Mitarbeitern. Mit welchen Symptomen kommen sie zu Ihnen?

Harald Freyberger:

Sie kommen gar nicht unbedingt wegen irgendwelcher Symptome, sondern weil sie Probleme haben, mit ihrer Herkunft fertig zu werden. Das hat eine doppelte Ursache. Einmal sind viele dieser Kinder in einem Stasi-Ghetto groß geworden, das durch nachrichtendienstliche Erziehungsmethoden geprägt wurde. Die zweite Dimension ist die Scham. Stellen Sie sich vor, Sie lernen einen neuen Partner kennen, und der fragt Sie: Was machen eigentlich deine Eltern?

Inwiefern prägt es die Kinder, wenn der Staat in Gestalt der eigenen Eltern in ihre Privatsphäre eingreift?

Stellen Sie sich vor, Ihre Eltern leben in einer doppelten Wirklichkeit, sie müssen nach außen hin eine ganz andere Figur abgeben als nach innen. Sie wissen nicht genau, was Ihre Eltern machen. Gleichzeitig wird penibel darauf geachtet, dass Sie sich linientreu verhalten, was natürlich in der Adoleszenz zu erheblichen Problemen führen kann.

Was macht das aus den Kindern?

Diese Kinder wachsen in einer Welt auf, die sie nicht entschlüsseln können. Sie haben kein Korrektiv, das ihnen hilft, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Entweder die Kinder werden ängstlich und misstrauisch - oder sie ziehen sich in eine Protesthaltung zurück

Eltern, die schweigen. Kinder, die lernen, dass es besser ist, keine Fragen zu stellen. Kann da überhaupt Vertrauen entstehen?

Menschen sind außerordentlich flexibel. Ich habe viele Stasi-Kinder kennengelernt, die in den Jahren der Wende erwachsen geworden sind. Sie hatten genügend Möglichkeiten, ihr schiefes Bild von der Realität zu korrigieren. Wer zum Zeitpunkt der Wende schon vierzig war, hat mehr Mühe, sich zu öffnen.

In vielen Familien schaukelten sich pubertäre Rebellion und Protest gegen den Staat gegenseitig hoch. War das nicht ein unlösbarer Konflikt?

Dieser Konflikt war nur sehr begrenzt lösbar. Die Stasi hat ja ihre eigenen Mitarbeiter genau beobachtet und massiv unter Druck gesetzt. Deshalb mussten die Eltern peinlich darauf achten, dass ihre Kinder in der Spur bleiben. In der Pubertät potenzierte sich dieser Konflikt.

Das Beispiel der Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld zeigt, dass eine Versöhnung mit den Eltern möglich war. Von welchen Faktoren hängt das ab?

Es hängt davon ab, wie gestört die Beziehung ist. Es gab in diesen Familien durchaus auch Gewalt und viele zerrissene Ehen. Sobald einer der beiden Partner bei der Stasi war, bekam ein Beziehungskonflikt eine politische Dimension. Scheidung galt als No-Go.

Sie haben auch die "Täter" behandelt. Hat Ihnen das die Arbeit mit den Opfern erleichtert?

Ja, sehr sogar. Egal, wie stark man von den eigenen Eltern drangsaliert wurde - ein Stück Solidarität bleibt erhalten. Die Kinder müssen als Erwachsene differenzieren lernen: Wo waren Eltern Eltern? Und wo waren sie in ihrer Rolle als Stasi-Mitarbeiter gefangen? Den einen Teil kann man verzeihen - den anderen Teil nur schwer.

Leiden die Täter genauso wie die Opfer?

Das ist unterschiedlich. Es gibt Täter, die keinerlei Reue empfinden und heute mit einer unglaublichen Schamlosigkeit in der Öffentlichkeit auftreten. Denken Sie an das ARD-Interview von Margot Honecker. Und es gibt Täter, die unter ihrer Schuld leiden.

Warum fällt es vielen auch heute noch schwer, über die Stasi zu sprechen?

Viele Täter bekleiden heute wieder öffentliche Ämter. Das schüchtert die Opfer ein. Ich kenne Menschen, die gehen zum Arbeitsamt und sitzen ihren alten Vernehmern gegenüber.

Was haben die Stasi-Kinder mit den Kindern nationalsozialistischer Täter gemein?

Die unglaubliche Scham - und möglicherweise auch ein Gefühl von Schuld, wenn man mit den Opfern der Eltern konfrontiert wird.

Wie hoch schätzen Sie die Chance für eine Versöhnung ein?

Ich glaube, dass es schon eine großartige Leistung vieler Kinder ist, sich mit dem Schicksal ihrer Eltern auseinanderzusetzen, um für sich einen Schlussstrich zu ziehen. Siebzig bis achtzig Prozent der Eltern sind aber nicht bereit, sich zu öffnen. Die Schuld, die dann sichtbar würde, wäre desaströs.

Könnte die Gesellschaft die Verständigung befördern?

Wir haben in Deutschland keine Tradition, was den respektvollen Umgang mit Opfern betrifft. Das hat mit der unverarbeiteten Schuld zu tun, die seit dem Holocaust auf diesem Land lastet. Es ist ja kein Zufall, dass erst seit den achtziger Jahren auch über die deutschen Opfer des Zweiten Weltkriegs geforscht wird, zum Beispiel über vergewaltigte Frauen oder Kriegskinder. Wir müssen lernen, die Dialektik auszuhalten, dass wir zugleich Opfer und Täter waren.

Würde es den Kindern der Stasi-Mitarbeiter helfen, wenn sie Wiedergutmachung in Form einer Rente reklamieren könnten?

Ich glaube, dass es einigen Opfern massiver elterlicher Gewalt gut tun würde. Für DDR-Heimkinder, die ebenfalls um ihre Anerkennung kämpfen, wäre das allerdings ein kaum zu ertragenes Signal.