Schülerpressekonferenz

Warum fällt so viel Unterricht aus, Frau Senatorin?

| Lesedauer: 25 Minuten

Bei der 6. Schülerpressekonferenz der Berliner Morgenpost befragten 200 junge Reporter die Bildungssenatorin Sandra Scheeres: Warum ist sie Politikerin geworden? Wie sollen Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam lernen?

- Über den Dächern Berlins kamen gestern rund 200 junge Reporter zusammen: Bei der 6. Schülerpressekonferenz der Berliner Morgenpost stellte sich Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) den Fragen von Nachwuchsjournalisten zwischen neun und 18 Jahren. Was den Schülern wirklich wichtig ist und welche Probleme es an den Schulen gibt, das wurde an den vielen, auch kritischen Fragen deutlich, die sie mitgebracht hatten. In der von Morgenpost-Chefredakteur Carsten Erdmann moderierten Runde im 19. Stock des Verlagsgebäudes kamen umstrittene Themen wie Unterrichtsausfall, Gewaltvorfälle an Schulen, das jahrgangsübergreifende Lernen, die Verkürzung der Schulzeit an den Gymnasien oder die Ausstattung mit Laptops zur Sprache. Und natürlich wollten die Teilnehmer auch Persönliches wissen von der 42-jährigen Politikerin, die Mutter von zwei Söhnen ist. Anbei dokumentieren wir die Fragen der Schülerreporter und die Antworten von Sandra Scheeres:

Persönliches

Beatrice (14), Landesschülersprecherin, Köpenick:

Wofür wollen Sie sich besonders in den Schulen einsetzen?

Sandra Scheeres:

Die Beteiligung der Schüler in den Schulen ist mir sehr wichtig, deshalb habe ich mich auch schnell nach meinem Amtsantritt mit der Landesschülervertretung getroffen. Ich möchte die Schülervertretungen stärken und viele Schüler motivieren, sich einzubringen. Mein besonderes Anliegen ist, dass der Unterricht stattfindet und genügend Lehrer an den Schulen sind. Eine ausreichende Personalausstattung ist mir wichtig. Wenn ein Lehrer ausfällt, sollen die Schulen die Möglichkeit haben, mit einem eigenen Budget Fachkräfte als Ersatz einzustellen. Wenn ältere Lehrer in Pension gehen, können sofort neue eingestellt werden. Das war früher nicht so. Da gab es nur zwei Einstellungstermine im Jahr. Da sind wir heute flexibler.

Sándor (12), Goethe-Gymnasium, Wilmersdorf:

Warum wollten Sie Schulsenatorin werden?

Sandra Scheeres:

Ich bin schon lange politisch aktiv. Es macht mir Spaß, mich für andere einzusetzen und etwas zu verändern. Außerdem bin ich gelernte Erzieherin und habe auch Erziehungswissenschaften studiert. Diese Erfahrungen bringe ich gern in die Politik ein und will etwas bewegen. Ich möchte Kindern Chancen eröffnen, egal wo sie herkommen.

Friederike (14), Katholische Theresienschule, Pankow:

Beziehen Sie in Ihrer Arbeit auch Ihre persönlichen Erfahrungen als Mutter ein?

Sandra Scheeres:

Persönliche Erfahrungen haben sicherlich auch einen Einfluss. Natürlich auch meine als Mutter. Meine fachliche Qualifikation ist auch ein wichtiger Hintergrund für meine Arbeit, so kann ich mich gut in die Pädagogen und in die Eltern hineinversetzen. Es gibt ja oft den Vorwurf, dass Politiker zu abgehoben sind. Mir ist es wichtig, dass ich immer einen Praxisbezug behalte.

Unterrichtsausfall

Anouk und Meta (beide 11), Grundschule auf dem Tempelhofer Feld:

Unsere Englischlehrerin erwartet ein Baby und darf nicht mehr arbeiten. Für sie fand sich aber kein Ersatz. Referendare, die bei uns unterrichtet haben, arbeiten jetzt als Beamte in Brandenburg, weil sie dort besser bezahlt werden. Warum gibt es in dieser Stadt nicht genug Lehrer? Wir waren echt enttäuscht und sauer.

Sandra Scheeres:

Ich kann verstehen, dass ihr enttäuscht seid. Aber eure Schule hat noch Vertretungsmittel, die sie einsetzen kann. Ich werde dieses Jahr über 1172 Lehrer einstellen; davon arbeiten schon 350 an den Berliner Schulen und um unsere Referendare hierzubehalten, unterbreiten wir frühzeitige Einstellungsangebote für unbefristete Stellen. Aber natürlich müssen wir den Lehrerberuf noch attraktiver machen, nachdenken über Arbeitszeiten, Entlastung, Fortbildung. In puncto Gehalt verdient ein junger Lehrer in Berlin sogar besser als Angestellter, als wenn er verbeamtet wäre. Es kommen übrigens viele Lehrer aus anderen Bundesländern hierher, die die Stadt und die Vielfältigkeit der Berliner Schulen anzieht. Außerdem will ich die Ausbildung verbessern und insgesamt mehr Lehrer ausbilden. Dazu packen wir jetzt gerade das Lehrerbildungsgesetz an. Wir müssen es schaffen, mehr junge Leute zu motivieren, auf Lehramt zu studieren. Das gilt besonders für die naturwissenschaftlichen Fächer. Wir fangen schon in der Schule, in den oberen Jahrgängen, an, für den Lehrerberuf zu werben. Ein beruf, der Spaß macht, der natürlich auch anstrengend ist, aber in dem man viel Freude erleben und weitergeben kann.

Hakan (12), Bröndby-Oberschule, Lankwitz:

Bei uns gab es viel Unterrichtsausfall, weil die älteren Schüler Prüfungen hatten. Kann man das ändern - zum Beispiel, indem wir einfach woanders unterrichtet werden?

Sandra Scheeres:

Dieses Jahr waren durch die doppelten Jahrgänge die Prüfungszeiten tatsächlich eine große Belastung für die Lehrer und eine organisatorische Herausforderung für die Schulen. In Berlin wurde das unterschiedlich gehandhabt, zum Beispiel gab es dann Projekttage oder es wurden Ausflüge gemacht. Den Unterricht grundsätzlich auszulagern, wenn Abiturprüfungen geschrieben werden, wird nicht funktionieren.

Sina (11), Rixdorfer Grundschule, Neukölln:

Was tun Sie, damit in Zukunft weniger Unterricht ausfällt?

Sandra Scheeres:

Wir versuchen schon ganz viel, damit für euch weniger Unterricht ausfällt. In den nächsten Jahren werden durch den demografischen Wandel die Schülerzahlen sinken. Trotzdem habe ich mich dafür eingesetzt, dass die Lehrerzahl gleich bleibt. Mein Kollege, der Finanzsenator, hätte diese Stellen sonst gern eingespart.

Alina (14), Gustav-Heinemann-Oberschule, Tempelhof:

Ich habe den Eindruck, dass viele Probleme an Schulen nicht öffentlich benannt werden. An unserer Schule fehlen zum Beispiel fünf Prozent der Lehrer. Davon liest man nichts in den Medien.

Sandra Scheeres:

Ich finde schon, dass viele Probleme benannt werden. Ich würde mir hingegen wünschen, dass häufiger die Erfolge und Fortschritte widergespiegelt werden. Zum Beispiel ist es ein großer Erfolg, dass dauerkranke Lehrer auch ersetzt werden. Das ist nicht in allen Bundesländern üblich.

Ausstattung

Mica (10), Klecks-Grundschule, Pankow:

Wenn es so vielen Schulen in Berlin schlecht geht - könnten nicht reiche Firmen den Schulen etwas spenden?

Sandra Scheeres:

Das ist eine gute Idee. Und punktuell findet das auch statt. Letzte Woche habe ich mit der Handwerkskammer gesprochen. Auch da gab es den Vorschlag, dass zum Beispiel umliegende Betriebe eine Schule unterstützen. Davon hätten nicht nur die Schülerinnen und Schüler etwas, sondern auch der Betrieb selbst: Er steht bereits in Kontakt mit Schülerinnen und Schülern, die eventuell später eine Ausbildung dort machen wollen.

Sebastian (18), Merian Oberschule, Köpenick:

Die SPD hat die Lernmittelfreiheit abgeschafft, seitdem müssen wir unsere Schulbücher selbst bezahlen. Könnten Schulbücher nicht wieder kostenlos gestellt werden?

Sandra Scheeres:

Wir geben insgesamt mehr Geld für die Bildung aus, obwohl das Land Berlin hoch verschuldet ist. Trotzdem müssen wir überlegen, wo Schwerpunkte gesetzt werden. Wir wollen, dass alle Kinder, unabhängig, aus welcher Familie oder welchem sozialen Umfeld sie stammen, Zugang zu Bildung haben. Deshalb muss in Berlin niemand Kita- oder Studiengebühren zahlen. Das kostet natürlich viel Geld. Und deshalb haben wir beim Thema Lernmittelbefreiung Abstriche gemacht. Familien, die wirklich kein Geld haben, bekommen weiterhin Unterstützung.

Richard (12), Goethe-Gymnasium, Wilmersdorf:

Warum ist die Ausstattung in meinem Gymnasium so schlecht, während die benachbarte Friedrich-Ebert-Sekundarschule in allen Räumen Smartboards und neue Instrumente hat.

Sandra Scheeres:

Die Ausstattung der Schulen kann nur nach und nach modernisiert werden. In dem konkreten Fall müsste ich mich informieren und mit dem Schulträger im Bezirksamt Rücksprache halten. Das mache ich gerne.

Tasnim (10), Rixdorfer Grundschule, Neukölln:

Was können Sie tun, damit unser Schulhof grüner wird?

Sandra Scheeres:

Mir ist wichtig, dass ihr euch in der Schule wohlfühlt. Dazu zählt auch, dass das Umfeld schön grün ist. An manchen Schulen geht das besser, an anderen ist es schwieriger. Aber da könnt ihr an eurer Schule auch selbst aktiv werden. Vielleicht gibt es im Umfeld der Schule Unternehmen wie Gärtnereien, die Euch gern helfen würden, eure Schule grüner zu machen.

Rosmarie (10), Klecks-Grundschule, Pankow:

Viele Schulen sind in einem sehr schlechten Zustand. Können die nicht renoviert werden?

Sandra Scheeres:

Wir stecken sehr viel Geld in diesen Bereich. Über eine Milliarde Euro wurden in den letzten Jahren investiert und auch für die nächsten Jahre steht schon fest, dass wir das Schul- und Sportstättensanierungsprogramm fortsetzen. Ich würde mir auch wünschen, dass man alles auf einmal macht, aber das geht leider nicht. Und so werden die Schulen nach und nach saniert.

Tobias-Christian (18), Merian-Oberschule, Köpenick:

Warum gibt es in Brennpunkten Schulen wie die Rütli-Schule, die jede Förderung bekommt, und andere wie die Otto-Hahn-Schule. Wo einfach nur alle Schüler reingesteckt werden, die woanders keinen Platz gefunden haben?

Sandra Scheeres:

Es ist richtig, dass die Rütli-Schule, nachdem die Lehrer den Brandbrief geschrieben hatten, ganz besonders unterstützt wurde. Das war auch nötig, damit hier wieder überhaupt ein normaler Schulalltag stattfinden kann. Aber auch andere Schulen erhalten in sozial benachteiligten Gebieten eine bessere Personalausstattung. Durch die Abschaffung der Hauptschulen gelingt es den Sekundarschulen auch eine bessere Schülermischung zu erreichen. Schulen in schwierigen Gebieten, sollten versuchen, durch besondere Profile für alle Bewerber attraktiv zu werden. Sie müssen ganz deutlich machen, welchen besonderen Wert es hat, an diese Schule zu kommen.

Turbo-Abitur

Tara (13), Evangelische Schule Frohnau:

Soll die Schulzeitverkürzung an den Gymnasien, kurz "G8", in Berlin weiter bestehen?

Sandra Scheeres:

Im Moment sind da keine Änderungen vorgesehen.

Marianna (14) und Stella (13), Leonardo-da-Vinci-Gymnasium, Neukölln:

Warum müssen die Schüler am Gymnasium auch die Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss machen, obwohl sie doch eigentlich das Abitur anstreben?

Sandra Scheeres:

Es gibt auch am Gymnasium Schüler, die nicht bis zum Abitur kommen. Mit dem MSA haben sie dann wenigstens einen Schulabschluss in der Hand. Aber es ist auch wichtig, die Erfahrung einer Prüfungssituation zu haben. Das hilft beim Abitur und auch im späteren Leben. Wir werden auswerten, wie der MSA an den Gymnasien verlaufen ist, und uns Gedanken machen, ob wir am MSA etwas verändern oder nicht.

Gewalt

Louisa (15), Gebrüder-Montgolfier-Gymnasium, Treptow:

Wie wollen Sie die wachsende Drogen- und Gewaltbereitschaft an Berliner Schulen verringern?

Sandra Scheeres:

Wir haben aufgrund der Gewaltmeldungen festgestellt, dass die Gewaltbereitschaft an Berliner Schulen offenbar sinkt. Ich wünsche mir, dass es so weitergeht. Aber es ist wichtig, das Thema Gewalt transparent und offen zu diskutieren, einzugestehen, wenn es an einer Schule Vorfälle gibt und damit offen umzugehen. Es gibt viele präventive Angebote, um Schüler zu stärken, mit gefährlichen Situationen umzugehen. An vielen Schulen gibt es zum Beispiel Streitschlichter, Konfliktlotsen und Kooperationen mit der Polizei, die Präventionsbeamte als Ansprechpartner hat. Diese beantworten Fragen wie: 'Wie soll ich mich verhalten, wenn ich in eine aggressive Situation gerate?' Neben unseren Notfallplänen, die als Handlungsanleitung die Schulen unterstützen, gibt es für ganz schlimme Situationen Amokalarmierungssysteme an den Schulen. Wir haben festgelegt, dass Schulen Gewaltvorfälle der Senatsverwaltung melden müssen.

Oliver (14), Leonardo-da-Vinci-Gymnasium, Neukölln:

Warum wurde an unserer Schule der Wachschutz abgeschafft, obwohl wir auf dem Weg zum Sport von den Siebtklässlern immer provoziert und beleidigt werden?

Sandra Scheeres:

Wachschutz ist keine generelle Regelung für alle Schulen. Für die Sicherheit der Schulen sind die Bezirke zuständig. Wenn Schulen der Meinung sind, dass sie einen Wachschutz brauchen, müssen sie sich mit dem Problem an den Bezirk wenden. Viele wollen aber gar keinen Wachschutz, sondern versuchen die möglichen Probleme anders zu lösen. Die Schulen sollten Gesamtkonzepte für mehr Sicherheit entwickeln. Dabei kann auch die Bildungsverwaltung helfen.

Integration

Nila und Alina (beide 14), Gustav-Heinemann-Sekundarschule, Marienfelde:

An unserer Schule sind wir im Durchschnitt 31 Kinder pro Klasse, obwohl die Höchstzahl ja eigentlich bei 29 liegt. Es gibt keine freien Räume. Wie stellen Sie sich vor, wie die Inklusion von behinderten Kindern in der Praxis aussehen soll, wenn es nicht genügend Räume und Lehrer gibt? Was tut Berlin für seine Inklusions-Schüler?

Sandra Scheeres:

Beim Thema Inklusion möchte ich die bisherigen Pläne überarbeiten. Es gibt den Auftrag der Europäischen Union an die Mitgliedsländer, die Inklusion von Kindern mit Behinderungen zu verbessern. In Berlin wollen wir eine bessere Verteilung an den Schulen erreichen. Ich finde es wichtig, dass es weiterhin Förderschulen gibt und habe das Konzept der Berliner Vorgängerregierung erst einmal gestoppt. So eine Reform sollte man nicht übers Knie brechen. Ich möchte einen Beirat einrichten, in dem wir das mit Vertretern von Kitas, Schulen, Verbänden und Eltern besprechen. Grundsätzlich denke ich, dass man erst einmal die Lehrerausbildung anpassen muss, wenn man das Konzept der Inklusion umsetzen will. Dazu muss natürlich auch Geld investiert werden. Bezüglich eurer hohen Klassenfrequenz handelt es sich um einen besonderen Schulversuch für das Fach Japanisch, ansonsten liegt die Klassenfrequenz für Sekundarschulen bei 26.

Yassir (10), Rixdorfer Grundschule, Neukölln:

Warum haben nicht alle Schulen einen Fahrstuhl, damit auch Schüler mit einem Rollstuhl dort lernen können.

Sandra Scheeres:

Die Integration von Kindern mit Behinderungen ist ein wichtiges Thema für mich. Wir haben dafür bereits eine Million Euro für Umbaumaßnahmen im Haushalt eingeplant. Unser Ziel ist es, dass mehr Kinder mit Behinderungen an Regelschulen unterrichtet werden. Es ist aber nicht möglich, alle Schulen sofort behindertengerecht auszustatten.

Bennet (14), Gustav-Heinemann-Schule, Tempelhof:

Es kommen immer mehr Flüchtlingsfamilien nach Berlin, die überhaupt kein Deutsch sprechen können. Was können Sie machen, damit diese Kinder beschult werden können?

Sandra Scheeres:

Es gibt tatsächlich einige Bezirke, in denen Kinder ankommen, die überhaupt kein Deutsch können. Wir haben den betroffenen Schulen die Möglichkeit gegeben, für diese Kinder temporäre Lerngruppen einzurichten. Dafür erhalten sie zusätzliche Lehrer und Unterrichtsmaterialien. Ein Problem ist aber auch die Verständigung mit den Eltern, die meist auch kein Deutsch sprechen. Um die Familien besser zu unterstützen, brauchen wir auch zusätzliche Sprachmittler. Für eine Berlinweite Lösung werde ich mich stark machen.

Schulreform

Luisa (13), Bröndby-Oberschule, Lankwitz:

Warum wurde eigentlich das Sitzenbleiben an den Sekundarschulen abgeschafft?

Sandra Scheeres:

Das haben wir getan, weil sich die Leistungen von Wiederholern kaum verbessert haben. Ich finde es schwierig, wenn ein Kind beispielsweise in ein bis zwei Fächern schlecht, aber in anderen gut ist, dass es dann den ganzen Stoff eines Schuljahres wiederholen muss.

Richard (12) Goethe-Gymnasium, Wilmersdorf:

Warum wird die Bildungsarmut nicht besser bekämpft? Berlin liegt in Vergleichsstudien hinter anderen Bundesländern.

Sandra Scheeres:

Wir haben in Berlin in den letzten Jahren eine große Reform auf den Weg gebracht: Die Haupt-, Real- und Gesamtschulen wurden zusammengelegt zu Sekundarschulen. Die Sekundarschulen führen - genauso wie die Gymnasien - auch zum Abitur. Davon versprechen wir uns bessere Bildungschancen für alle. Das funktioniert natürlich nicht von heute auf morgen. Andere Länder, in Skandinavien beispielsweise, haben gute Erfahrungen mit diesen Ansätzen gemacht.

Nina (11) Goethe-Gymnasium, Wilmersdorf:

Denken Sie, dass die Sekundarschulen die Gymnasien gefährden können?

Sandra Scheeres:

Beide Schulformen sind wichtig und beide führen zum Abitur. Die Sekundarschule in 13 Jahren und die Gymnasien in zwölf Jahren. An den Sekundarschulen haben die Schüler länger Zeit bis zum Abitur und einen höheren Praxisbezug. An den Gymnasien sollen leistungsstarke Schüler lernen, die schnell Abitur machen wollen. Wir brauchen beide Schulformen und die Anmeldungen zeigen, dass beide gut angenommen werden.

Malte (13), Evangelische Schule Frohnau:

Ich bin gegen Sekundarschulen. Aber welche Gründe sprechen Ihrer Meinung dafür?

Sandra Scheeres:

Es hat sich gezeigt, dass Kinder, die ihren Schulabschluss auf einer Hauptschule machen, viel geringere Chancen auf einen Ausbildungsplatz haben. Auch war das Schulsystem nicht durchlässig. Das heißt, es war auch für einen guten Hauptschüler schwer, auf eine Realschule zu wechseln. Im Leben ist es aber manchmal so, dass es am Anfang nicht so gut läuft in der Schule und man dann plötzlich aber die Kurve kriegt und richtig durchstarten könnte. Sogar bis zum Abitur. Ist man dann aber schon Hauptschüler, ist das kaum möglich. Deshalb halte ich diesen Weg für richtig.

Schulwahl

Marianna (14) und Stella (13), Leonardo-da-Vinci-Gymnasium, Neukölln:

Ist es sinnvoll, dass Gymnasien auch Schüler mit Hauptschul- oder Realschulniveau aufnehmen. Unsere Schule musste viele Schüler aufnehmen, die woanders keinen Platz bekommen haben.

Sandra Scheeres:

Alle Schüler erhalten vor der Anmeldung an der Oberschule eine Förderprognose mit einer Empfehlung, welche Schulform geeignet ist. Die Eltern müssen sich aber nicht an die Empfehlung halten. Sie können selbst entscheiden, ob sie ihr Kind am Gymnasium anmelden, auch wenn die Grundschule eigentlich die Sekundarschule für das Kind empfohlen hat.

Christian (17), Katholische Salvator Schule, Reinickendorf:

Warum gibt es 1000 Schüler, die nicht an eine ihrer drei Wunschoberschulen einen Platz bekommen haben. Warum können sich die Schüler die Schule nicht frei auswählen?

Sandra Scheeres:

Das können sie schon, es reichen nur nicht immer die Kapazitäten, also die Plätze in den jeweiligen Schulen, aus. Immerhin haben aber 95 Prozent der Grundschüler einen Platz an einer ihrer drei Wunschschulen bekommen. Das zeigt, dass die Eltern von ihrem Wahlrecht auch erfolgreich auch Gebrauch gemacht haben. Nur bei 1000 Kindern ist das nicht gelungen. Diese Schüler werden aber auf jeden Fall einen Schulplatz bekommen und wir werden geeignete Lösungen für sie finden. Seit gestern versenden die Bezirke die Bescheide zur Schulplatzvergabe. Die Kinder, die nicht an ihrer Wunschschule untergekommen sind, erhalten darin Alternativangebote.

Marisa (12), Waldorfschule Kleinmachnow:

Warum gehen immer mehr Kinder auf Privatschulen. Sind die besser?

Sandra Scheeres:

Wir haben tatsächlich einen leichten Anstieg bei den Privatschülern, aber dramatisch ist der nicht. Die Privatschule eine Schulform von vielen verschiedenen. Ich finde es gut, dass wir diese Vielfalt haben und freue mich, dass sie angenommen wird.

Beatrice (14), Landesschülervertreterin, Köpenick:

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Sekundarschulen und Gymnasien zu wenig Werbung an den Grundschulen machen. Die Schüler sind häufig nicht genug aufgeklärt über die Angebote. Wie können sich die Oberschulen besser präsentieren?

Sandra Scheeres:

Das ist ein guter Hinweis. Es gibt schon viele Integrierte Sekundarschulen, die mit Grundschulen kooperieren. Da gehen zum Beispiel Lehrer der Sekundarschule in den Unterricht der Grundschule oder Schüler der Grundschule besuchen den Unterricht an der Sekundarschule. Diese persönlichen Kontakte sind wichtig. Und ich hoffe, dass sich andere Schulen diese guten Beispiele ansehen und wir da schnell weiter vorankommen.

Greta (9), Klecks-Grundschule, Pankow:

Manchmal klappt es nicht, dass man auf das Gymnasium kommt, das man sich wünscht. Kann man das ändern?

Sandra Scheeres:

Wir haben das Aufnahmeverfahren bereits geändert, weil wir den Elternwillen wichtig finden. Man kann sich nun anmelden, wo man will und drei Wünsche angeben. Bis jetzt konnten wir immerhin 95 Prozent der Wünsche erfüllen. Bei fünf Prozent hat es leider nicht geklappt. Daran arbeiten wir weiter. Aber dass immer alle Wünsche erfüllt werden können, ist unwahrscheinlich.

Klassengröße

Darius (10), Spreewald-Grundschule, Schöneberg:

Wir sind 27 Kinder in einer Klasse. Das sind ganz schön viele. Könnte man diese Zahl nicht auf 20 absenken?

Sandra Scheeres:

Die durchschnittliche Klassenstärke ist gesunken. An Grundschulen beträgt sie jetzt 23 bis 26 Schüler, an Schulen mit hohem Anteil von Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache etwas weniger.

Johanna (16), Fichtenberg-Oberschule, Steglitz:

Bei einer Freundin von mir waren es in der siebten Klasse auf dem Gymnasium sogar mal 38 Schüler in einer Klasse, weil sich so viele eingeklagt haben. Können Sie das nicht abschaffen?

Sandra Scheeres:

Das ist natürlich nicht so gedacht, dass die Klassen so groß sind. Dass Eltern sich an Schulen einklagen, kann ich leider nicht verhindern, dazu haben sie das Recht.

Grundschulen

Lara (13), Leonardo-da-Vinci-Gymnasium, Neukölln:

An meiner Grundschule hat das jahrgangsübergreifende Lernen (Jül) nicht gut funktioniert, die dritte Klasse war immer benachteiligt. Warum schafft man das nicht wieder ab?

Sandra Scheeres:

Viele Schulen kommen sehr gut damit klar, an anderen gibt es Schwierigkeiten. Das wissen wir. Deshalb haben wir eine Änderung vorgenommen. Die Schulen können jetzt in der Schulkonferenz mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit über Jül abstimmen. Das erleichtert ihnen einiges, denn sie müssen jetzt, um Jül abzuschaffen, keinen Antrag mehr an den Senat schicken. Bis jetzt führen 70 von 300 Grundschulen kein jahrgangsübergreifendes Lernen durch.

Maximilian (10), Spreewald-Grundschule, Schöneberg:

Warum gibt es an der gebundenen Ganztagsschule keine Ferienbetreuung mehr für die 5. und 6. Klasse?

Sandra Scheeres:

Ich finde es wichtig, dass viel mehr Kinder die Möglichkeit der Hortbetreuung in der 5. und 6. Klasse bekommen. Bislang haben in der 5. und 6. Klasse nur 2700 Kinder bei besonderem Bedarf der Eltern das Betreuungsangebot annehmen können. Jetzt haben 40.000 Familien die Möglichkeit, einen Antrag zu stellen. Ich finde aber, dass Kinder in der 5. und 6. Klasse auch alt genug sind, andere Angebote wie etwa im Sportverein wahrzunehmen. Ich werde mir das Thema der Ferienbetreuung noch einmal ansehen.

Milena (10), Spreewald-Grundschule, Schöneberg:

Wer bestimmt die Schulanfangszeiten?

Sandra Scheeres:

Das kann jede Schule mit ihrem Träger abstimmen.

Antonia (12), Grundschule im Hasengrund, Pankow:

Warum dürfen verbeamtete Lehrer nicht streiken?

Sandra Scheeres:

Sie sind Staatsangestellte und haben besondere Privilegien, die andere nicht haben. Dafür müssen sie aber sicherstellen, dass der Unterricht immer gewährleistet ist.

Lernen fürs Leben

Anna-Sophia (14), Katholische Theresienschule, Weißensee:

Welche Lehrinhalte sind denn für die Praxis wichtig?

Sandra Scheeres:

Alle Lehrinhalte sollten auch einen Praxisbezug haben. Das ist eine Frage, die ihr mit euren Lehrern im Unterricht klären solltet.

Felix (19), Schulfarm Insel Scharfenberg, Reinickendorf:

Bei einer Umfrage ist heraus gekommen, dass ein Drittel der Berliner Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren Probleme haben, mit Geld umzugehen. In anderen Bundesländern gibt es Wirtschaft als Schulfach, damit man auch diese ganzen Begriffe lernt. Wäre das nicht auch ein Modell für Berlin?

Sandra Scheeres:

Das ist ein Bereich, der auch in anderen Fächern wie zum Beispiel Sozialkunde gut bearbeitet werden kann. Manche Schulen haben auch eine Kooperation mit einer Schuldenberatung, die dann Mitarbeiter in die Klassen schickt. Die Sekundarschulen haben bereits das Fach Wirtschaft, Arbeit, Technik. Aber das Thema werde ich mir noch einmal ansehen.