Interview

"Beide müssen bereit sein, die Dinge zu klären"

| Lesedauer: 3 Minuten

Die Therapeutin Berin Arukaslan über Familiendramen und deren Lösung

- Auch wenn es nicht unbedingt um so traumatische Erfahrungen wie sexueller Missbrauch geht - viele Erwachsene belasten Erfahrungen, die sie in der Kindheit gemacht haben. Beispielweise, weil sie sich als Kind benachteiligt gefühlt haben oder vernachlässigt wurden. All das kann die Eltern-Kind-Beziehung über Jahrzehnte belasten und in manchen Fällen sogar zum Bruch führen. Annette Kuhn fragte die Familientherapeutin und Leiterin der Caritas Familienberatung Berlin Mitte, Berin Arukaslan, wie Eltern und Kinder in solchen Fällen wieder aufeinander zugehen können.

Berliner Morgenpost:

Macht es überhaupt Sinn, als Erwachsener mit seinen Eltern Konflikte aus der Kindheit anzusprechen?

Berin Arukaslan:

An Konflikten sind ja immer zwei beteiligt. Und wenn der eine für sich beschließt, nicht mehr über die Probleme reden zu wollen, hat der andere trotzdem das Recht, Stellung zu beziehen. Wenn er diese Möglichkeit nicht bekommt, ist es schwierig, den Konflikt zu verarbeiten. Die Probleme und die Empfindungen bleiben ja, egal, wie lange sie zurückliegen.

Wann können Konflikte aus der Vergangenheit so eine Tragweite bekommen, dass es zum Bruch in der Familie kommt?

Das hängt vor allem damit zusammen, wie stabil die Beziehung zwischen Eltern und Kindern sind. Wenn Kinder sich geliebt fühlen, lassen sich auch größere Probleme leichter verarbeiten. Schwierig wird es, wenn die Beziehung in der Basis erschüttert ist, wenn grundsätzliche Zweifel an der Liebe der Eltern bestehen.

Wie kann man nach einem Bruch wieder aufeinander zugehen?

Erst einmal sollte man sortieren, welche Themen einem wichtig sind, bevor man sich begegnet. Oft ist es auch gut, eine Zwischenperson hinzuzuziehen, die gut vermitteln kann. Das sollten besser nicht Geschwister sein, weil die möglicherweise selbst in den Konflikt involviert sind. Vielen Menschen fällt es leichter, einen Brief zu schreiben, weil man dabei mehr Ruhe und mehr Mut hat, alles zu äußern, was einen belastet. Wenn Eltern und Kinder wieder aufeinander zugehen, ist es auch wichtig, eine gemeinsame Perspektive zu entwickeln, wie es weitergehen kann.

Das klappt aber nicht immer...

Damit Eltern und Kinder wieder zu einer Beziehung finden, müssen beide erst einmal die Bereitschaft haben, die Dinge zu klären. Es ist schlimm, wenn man all seinen Mut zusammennimmt und dann nicht ernst genommen wird oder wenn es zu Schuldzuweisungen kommt. Daran kann ein labiler Mensch zerbrechen. Daher muss man manchmal auch andere Bewältigungsmethoden finden und die Konflikte mit professioneller Hilfe eines Therapeuten oder Beraters für sich lösen. So traumatische Erlebnisse wie sexuellen Missbrauch muss man aber auf jeden Fall aufarbeiten. Dies wird einen Betroffenen immer irgendwann überwältigen.