Missbrauch

Das Schweigen der Mutter

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Annette Kuhn

Jahrelang verging sich der Stiefvater an Stefanie Marten. Bis heute sucht sie eine Antwort darauf, warum ihre Mutter wegschaute

- Das Schweigen ist das Schlimmste. Fast 50 Jahre lang hat Stefanie Marten auf ein Wort von ihrer Mutter gehofft, aber es kam nicht. Nie sprach sie die Tochter an, wenn die verstört nach Hause kam. Verstört, weil der Stiefvater sie mal wieder missbraucht hatte. Auch als alles vorbei war, schwieg die Mutter weiter. Jetzt ist sie tot. Stefanie Martens Fragen bleiben unbeantwortet.

Lange hatte sich die Tochter insgeheim gewünscht, dass die Mutter vielleicht gar nicht wusste, was der Stiefvater tat, wenn er Stefanie zu seinen "Spaziergängen" mitnahm. Sie redete sich ein, dass die Mutter mit acht Kindern doch viel zu viel zu tun hatte, als dass sie die Signale hätte sehen können.

Der Wunsch ist lange Zeit stark, "weil ich meine Mutter so geliebt und bewundert habe". Aber diese Hoffnung stirbt, als Stefanie Marten zwölf Jahre alt ist. Als sie ihren ganzen Mut zusammennimmt und Anzeige gegen den Stiefvater erstattet. "Ich wollte die Familie retten, er hat ja nicht nur mir Böses getan, sondern uns allen." Der Stiefvater trinkt, ist oft brutal, verliert immer wieder seinen Job. Es gibt Tage, da kann die Mutter den Kindern kaum etwas zu essen kochen. Als der Stiefvater nach der Anzeige von der Polizei abgeholt wird, "war ich mir ganz sicher, dass meine Mutter nun endlich wissen will, was los war." Aber die Mutter schweigt weiter. "Ich war so erschüttert: Kein einziges Wort hat sie gesagt. Sie ging mir nur noch mehr aus dem Weg."

Stefanie Marten ist zutiefst erschüttert, enttäuscht, traurig. "Das Bild von meiner Mutter brach in mir zusammen." Als der Stiefvater bettelt, nimmt sie ihren Mann zurück. Stefanie Marten zieht die Anzeige daraufhin zurück. Die Erinnerung an seine Rückkehr bereitet ihr noch heute Beklemmungen: "Er schickte mich unter einem Vorwand ins Schlafzimmer, drückte mich gegen die Tür, verbog mir den Arm und warnte mich: Sollte ich so etwas noch einmal machen, würde er mich umbringen." Stefanie Marten resigniert, ihr Martyrium geht weiter und die Mutter verhält sich, als wäre nie etwas gewesen.

Heute kann Stefanie Marten gar nicht mehr unterscheiden, was eigentlich schlimmer war: Der Missbrauch oder das Gefühl der Schutzlosigkeit. Und sie wird die Fragen nicht los: "Warum hat meine Mutter weggeschaut? Warum hat sie das alles erduldet?" Antworten darauf kann Stefanie Marten seit dem Tod der Mutter vor sechs Jahren nicht mehr bekommen. Aber sie selbst will nicht länger schweigen und hat nun ein Buch geschrieben über den Missbrauch und über das Verhältnis zu ihrer Mutter. Es ist auch ein Stück Therapie für sie.

Dramatischer Tod des Stiefvaters

"Wenn meine Mutter noch leben würde, hätte ich den Mut nicht gehabt, dieses Buch zu schreiben", sagt sie. Mit dem Namen, Stefanie Marten, hat sie sich ein Pseudonym gegeben, aber auf dem Cover zeigt die 55-Jährige ihr wahres Gesicht und zwischen den Buchdeckeln ihre wahre Geschichte.

Ein Rückblick: Sie ist sechs Jahre alt, als ihr Vater 1963 an Tuberkulose stirbt. An diese ersten Jahre hat sie gute Erinnerungen und ein Fotoalbum mit Bildern aus glücklichen Zeiten mit ihrer Mutter. Darauf zu sehen ist ein kleines blondes Mädchen, im Arm der Mutter, an der Hand der Mutter, auf dem Schoß der Mutter. Diese Mutter steht nach dem Tod ihres Mannes allein da, mit sechs Kindern, das jüngste ist gerade ein paar Wochen alt. In einer Zeit, als alleinstehende Mütter wenig Unterstützung erfahren. Die Mutter lernt einen neuen Mann kennen, Stefanies Stiefvater, die beiden bekommen noch zwei Kinder. Als Stefanie Marten sieben Jahre alt ist, missbraucht der Stiefvater sie zum ersten Mal. Es folgen viele weitere Male, neun Jahre lang. Mit 16 Jahren erzählt sie ihren schon erwachsenen Brüdern davon. Die konfrontieren den Stiefvater damit, es kommt zum Streit, die Brüder erschlagen den Stiefvater. Später heißt es, die Brüder hätten aus Notwehr gehandelt.

Stefanie Marten erzählt wenig über diese Nacht. Sie spricht nicht davon, dass ihre Brüder ihren Stiefvater getötet haben, sie sagt nur: "Als er weg war." Zu groß ist wohl ihr schlechtes Gewissen den Brüdern gegenüber, dass sie sie damals "in die Sache hineingezogen" hat. Der eine Bruder wird später drogensüchtig, stirbt schließlich an der Sucht.

Als Erwachsene noch Schuldgefühle

Heute weiß Stefanie Marten, dass sie keine Schuld trifft, dass Kinder sich gegen Missbrauch in der Familie so gut wie nie wehren können. Aber bis zu dieser Erkenntnis lag ein langer Weg.

Nachdem der Stiefvater tot ist, hofft sie zunächst, alles hinter sich lassen zu können. Ein neues Leben anzufangen - und zu ihrer Mutter zurückzufinden. Immer wieder geht sie auf die Mutter zu, stellt Fragen, sucht Antworten. Aber die Mutter blockt ab. Und dann fällt irgendwann im Streit dieser Satz: "Du bist doch sowieso an allem Schuld." Ein Schock. "Das war der schlimmste Augenblick in meinem Leben", sagt Stefanie Marten. "Ich wollte mir damals das Leben nehmen." Aber sie rappelt sich auf, zieht bei der Mutter aus.

Bald 30 Jahre lebt sie mittlerweile in Berlin, hat beruflich Fuß gefasst, eine Tochter bekommen und einen Ehemann. Als ihre jüngere Schwester anruft und erzählt, dass die Mutter einen Schlaganfall hatte, fährt sie zum ersten Mal zurück in die pfälzische Heimat. Die Mutter liegt im Krankenhausbett, kaum reaktionsfähig. "Im ersten Moment habe ich Mitleid gespürt", erinnert sich Stefanie Marten, "aber dann wurde mir schnell klar, dass ich mit jedem Menschen in einer solchen Situation Mitleid empfunden hätte." Es dauert lange, bis die Tochter die Hand der Mutter halten, bis sie ihr über die Wange streichen kann. Zu groß ist die Distanz.

2001, mit 44 Jahren, beginnt sie eine Therapie. Sie beginnt, ihre Geschichte aufzuschreiben. Jede Seite des Buches sei wie ein Stück Befreiung gewesen, aber oft plagten sie auch Albträume.

Nach dem Tod der Mutter empfindet Stefanie Marten kurzfristig Erleichterung. "Es war wie ein Abschluss, jetzt konnte ich sie nicht mehr fragen." Aber es vergehen nur wenige Wochen, "in denen ich mir das so eingeredet habe", dann hämmert es wieder in ihr: Warum, warum, warum?

Beim Treffen in Berlin liegt das Buch vor ihr: "Auf der Suche nach mir". Angekommen ist Stefanie Marten heute vielleicht noch nicht ganz, aber ein gutes Stück des Weges hat sie schon bewältigt. Sie sagt: "Ich selbst bin überwiegend glücklich." Sie lebt jetzt die meiste Zeit auf Bali, weit weg von allem, doch immer noch holt die Vergangenheit sie ein, kommen Ängste und Bilder hoch. Sie hat gelernt, mit ihnen umzugehen. Vergessen wird sie sie nicht.

Stefanie Marten: "Auf der Suche nach mir", Schwarzkopf & Schwarzkopf, 9,95 Euro.