Ratgeber

Darf eine Behörde über unsere Tochter bestimmen?

Wir haben eine Frage, die uns etwas unangenehm ist. Unsere Tochter Clara (13) war nämlich in der Kinderpsychiatrie und von dort wurde uns geraten, zusätzlich zu einer Therapie Hilfen vom Jugendamt in Anspruch zu nehmen. Jetzt sind wir verunsichert, weil wir eigentlich eine ganz normale Familie sind und über das Jugendamt aus Zeitungsberichten gehört haben, dass man gar nicht mehr selbst bestimmen kann, was mit dem Kind passiert. Worauf müssen wir uns einstellen?

Familie S., per E-Mail

Das stimmt so natürlich nicht. Das Jugendamt hat aber in der Tat eine schwierige Rolle, wenn private, familiäre Probleme auf öffentliche Hilfsnotwendigkeit und manchmal eben auch Ordnungstätigkeit stoßen. Dabei hat jedoch in den letzten Jahren ein rasanter Wandel stattgefunden und ein Ende der Entwicklung von der ehemaligen "Fürsorge" zu einer fachlich kompetenten Beratungs- und Hilfeinstitution ist noch gar nicht abzusehen.

Natürlich ist es dabei problematisch, die Grenze zu finden, wo das Jugendamt für Kinder an Stelle der immer gut gemeinten, aber manchmal nicht ausreichenden Hilfestellungen der Eltern eintreten muss. Seelische Erkrankungen sind an dieser Stelle aber gleichzusetzen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen. Hier würde niemand auf die Idee kommen, die Hilfe der Sozialbehörden in Zweifel zu ziehen, auch wenn nicht immer alle Wünsche der Betroffenen erfüllt werden können.

Außerdem ist im Gesetz für die Hilfen für Kinder und Jugendliche festgelegt, dass die Familie ein so genanntes Wahlrecht hat. Das bedeutet, dass nicht alle Hilfsvorschläge angenommen werden müssen. Als verbesserungswürdig sehe ich noch, dass die Mitarbeiter des Jugendamtes sich noch viel mehr von Fachkräften aus dem Gesundheitsbereich entsprechend den inhaltlichen Bedürfnissen der Patienten beraten lassen könnten. Manchmal sehen sie ihre formale Fallführung noch zu sehr im Vordergrund, nach dem Motto: "Wer die Musik bezahlt, darf sie auch bestellen". Insbesondere wenn eine (teure!) Psychotherapie, so wie bei Clara, als medizinisch notwendige Maßnahme angesetzt ist, sollten die sozialpädagogischen Hilfen darauf abgestimmt sein. Claras TherapeutIn wird aber sicher bei einem gemeinsamen Gespräch mit dem Jugendamt erklärend und ausgleichend wirken.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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