Interview

Die "Zeit zu zweit" verteidigen

Mit der Geburt des Babys ist die Romantik erst einmal dahin. Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer erklärt die Ursachen

- Viele Paare wünschen sich, mit einem Kind das Band ihrer Beziehung zu festigen. Die Realität sieht häufig anders aus. Die Geburt eines Kindes stürzt viele Paare in eine Krise und führt nicht selten zur Trennung. Über die Ursachen sprach Annette Kuhn mit dem bekannten Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer, der über das Thema gerade das Buch "Partnerschaft und Babykrise" geschrieben hat.

Berliner Morgenpost:

Wie verändert sich die Paarbeziehung durch ein Kind?

Wolfgang Schmidbauer:

Die moderne Paarbeziehung ist auf Bestätigung angelegt und darauf, sich die Wünsche von den Augen abzulesen. Bedürfnisse müssen nicht diskutiert werden, sondern sie werden erkannt und erfüllt. Wenn dann ein Kind in die Beziehung tritt, funktioniert das nicht mehr. Das Kind fordert seine Bedürfnisse lautstark ein. Viele Eltern sind enttäuscht, dass das Prinzip Augenablesen nicht mehr funktioniert. Ihr Liebesleben, ihre Erotik, die Zeit zu zweit müssen sie verteidigen und organisieren. Und wenn sie das nicht schaffen, erleben die Partner ein Defizit.

Ist den Paaren das überhaupt klar, was mit einem Kind auf sie zukommt?

Ich denke, man kann sich das nicht vorstellen, und daher gibt es große Überraschungen, wie Paare damit umgehen. Es gibt Menschen, die in der Auseinandersetzung mit einem Kind reifen, ruhiger werden und auch lernen, den eigenen Eltern ihre Fehler zu verzeihen. Und dann gibt es Menschen, die sich als Versager erleben, die sich etwas ganz anderes vorgestellt haben und diese Vorstellungen unerfüllt sehen. Das wirkt sich auch auf die Kinder aus und führt zu einem von Stress belasteten Regelkreis. Wie ein Paar das verarbeitet, sieht man oft erst später. Ich bin ja auf das Thema über die Spätscheidungen gekommen. Es gibt Paare, die in eine Krise geraten, wenn das letzte Kind den Haushalt verlässt. Wenn man diese Krise analysiert, stellt man oft fest, dass sie eine Spätreaktion darauf ist, dass die Paare nicht mit der Babykrise fertig geworden sind. Sie haben ihre Beziehung der Leistung geopfert, für die Familie zu sorgen. Wenn dann die Kinder versorgt sind, bleibt oft nichts mehr übrig. Der eine Partner hat vielleicht die Fantasie: "Jetzt könnte es wieder so werden wie in der Zeit, als wir noch keine Kinder hatten." Und der andere Partner hat gar kein Interesse mehr, hat sich längst anders orientiert, hat vielleicht einen Geliebten oder eine Geliebte und sagt sich: Jetzt kann ich gehen, jetzt bin ich frei. Diese Konflikte sind sehr tragisch.

Wie können Paare verhindern, in eine Babykrise zu geraten?

Das ist ähnlich wie bei der Schwangerschaftsvorbereitung. Man kann sich weder auf die Geburt noch auf das Leben mit Baby wirklich vorbereiten. Da passiert viel zu viel gleichzeitig. Aber die Liebesbeziehung ist ja schon an sich eine Übung im Ertragen von Kränkungen und von Scheitern, im Ertragen darin, dass Erwartungen und Perfektionsvorstellungen nicht erfüllt werden. Paare, die das gut verarbeiten, finden einen gemeinsamen Humor und Rituale, wie sie damit umgehen können. So entsteht wie in einer Demokratie ein belastbareres System - mit funktionierender Opposition, die ihre Stimme erheben kann, aber die, wenn sie überstimmt ist, solidarisch die Mehrheitsentscheidung mitträgt. Paare, die das nicht können, leben wie in einer Diktatur: Jeder unterdrückt in sich und im anderen alle Zweifel an der Beziehung. Spätestens dann, wenn durch ein Kind eine neue Belastung hinzukommt, zeigt sich, wie wenig belastbar dieses System ist. Ein Kind besitzt eine unglaubliche Fähigkeit, das Gleichgewicht einer Beziehung zu stören. Eltern müssen daher ständig daran arbeiten, die Beziehung im Takt zu halten und ein Klima von Anerkennung zu schaffen.

Was entstehen sonst für Probleme?

Gefährlich wird es, wenn perfektionistische Vorstellungen bestimmend sind und der Partner ständig kritisiert wird, weil alles nicht so läuft, wie man es sich vorstellt. Und wenn beide das Gefühl haben, ganz viel geopfert zu haben. Der Mann sagt zum Beispiel: Er hat seine Freiheit geopfert und sich auf eine Bindung eingelassen. Und die Frau sagt: Sie hat ihren Beruf geopfert, um das Kind zu betreuen.

Welche Rolle spielt die Sexualität?

Am Umgang mit Sexualität entscheidet sich oft, ob das Paar über die Babykrise hinwegkommt oder nicht. Die Sexualität ist ein bindungsstiftendes Ritual. Die Partner sollten sehr darauf achten, dass sie sie verteidigen können. Das erotische Desinteresse, das mit der Existenz des Kindes und körperlichen Veränderungen gerechtfertigt wird, ist oft ein Zeichen dafür, dass die Beziehung auf lange Sicht gefährdet ist. Eine funktionierende Sexualität ist nur schwer ersetzbar.

Welchen Einfluss hat die Beziehung zu den Eltern und Schwiegereltern?

Das Paar hat es leichter, sich aufeinander zu beziehen, so lange keine Kinder da sind. Wenn Kinder da sind, werden Großeltern wichtiger. Sie können das junge Elternpaar entlasten, aber das bedeutet natürlich auch, dass die Eltern akzeptieren müssen, dass die Großeltern anders mit den Kindern umgehen als sie selbst. Das kann zu Konflikten und Rivalität führen, zum Beispiel wenn Oma und Mutter sehr unterschiedlich mit Süßigkeiten umgehen. Und der Partner gerät dadurch in Stress. Er will zum einen nicht den Kontakt zu seiner Mutter gefährden, zugleich will er aber auch hinter seiner Frau und ihren Ernährungsvorstellungen stehen.

Gibt es all diese Gefährdungen nur beim ersten Kind?

Eltern haben oft die Vorstellung: Mit dem zweiten Kind wird alles leichter. Aber dann stellen sie fest, dass sich die Arbeit nicht nur verdoppelt, sondern verdreifacht oder vervierfacht. Außerdem sind die Rollen mit dem zweiten Kind oft noch stärker festgelegt. Man kann das Familie-Geworden-Sein nicht mehr so wegstecken. Manchmal beobachtet man auch, dass das zweite oder dritte Kind Versuche sind, eine Krise, die schon durch das erste Kind entstanden ist, zu verleugnen. Da entstehen dann so Fantasien: "Wenn das Zweite da ist, spielen die Kinder miteinander, und wir sind wieder ganz füreinander da." Das ist natürlich eine Illusion.

Früher haben sich Paare mit Kindern seltener getrennt. Warum ist das heute anders?

Moderne Paare sind in einer ganz anderen Situation als traditionelle Paare, die allein schon aus Angst vor wirtschaftlichen Nachteilen und Prestigeverlust aneinander gebunden waren. Früher haben die Partner daher eher Zuflucht in der Elternrolle gesucht. Aber die Ansprüche sind heute gestiegen. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, wollen die Paare noch eine Liebesbeziehung. Aber diese muss man erhalten und pflegen. Man kann sie nicht mit der Geburt des ersten Kindes einfrieren und nach 20 Jahren wieder auftauen.