Schwerhörigkeit

Darian entdeckt den Klang

Der Siebenjährige ist schwerhörig. Nun hat er Hörgeräte und besucht eine ganz normale Schule

- Darian hört am liebsten Schlager aus den 60er-Jahren. Der Siebenjährige hat eine eigene Musikanlage in seinem Zimmer und trommelt auf sein elektronisches Schlagzeug ein. Seine 13-jährige Schwester Jessica hat zwar einen ganz anderen Musikgeschmack, gönnt dem kleinen Bruder aber seine Musik. Denn genießen kann Darian sie erst seit zwei Jahren. Seit der Ärztin bei der Einschulungsuntersuchung sein Hörverlust auffiel.

Bei einer Nachuntersuchung in einer Hörberatungsstelle für Kinder und Jugendliche stellen die Experten fest, dass Darian nur noch eine Hörleistung von 50 Prozent hat. Seither trägt der blonde Junge bunte Hörgeräte in beiden Ohren, um am ganzen Leben teilzunehmen. Die Farbkombination Blau-Weiß-Rot hat er nach den Berliner Eisbären gewählt. Sie signalisiert "Schau her, ich bin anders".

Die Horvats gehen offen mit der Hörbehinderung um und sehen ihren Sohn nicht als große Ausnahme. Hörverlust ist längst kein Phänomen hohen Alters. Von 1000 Neugeborenen leiden ein bis zwei an einer Hörbehinderung. Insgesamt leben hierzulande 500.000 Kinder und Jugendliche in einer stillen Welt. Hörverluste können vor, unter oder - wie bei Darian - auch nach der Geburt eintreten. Vorgeburtliche Auslöser sind Gendefekte, Infektionserkrankungen der werdenden Mutter wie Röteln oder der Konsum von Alkohol und Nikotin in der Schwangerschaft. Unter der Geburt können Sauerstoffmangel oder Hirnblutungen das Gehör schädigen. Nach der Geburt entwickeln sich Hörverluste als Komplikationen nach Krankheiten wie Mumps, Masern oder Mittelohrentzündungen oder durch laute Umweltreize wie Sylvesterböller, Spielzeugwaffen oder lautes MP3-Hören.

Hörscreening erst seit 2009

Darians Schwerhörigkeit ist genetisch gedingt - und zeigt sich dennoch erst nach Jahren. Die Eltern von Doreen Horvat waren taubstumm. Sie selbst und Tochter Jessica sind nicht betroffen, aber Trägerinnen der rezessiven Gene. Die Mutter macht sich Vorwürfe, die Behinderung so spät entdeckt zu haben. Das von Ärzten empfohlene Hörscreening bei der Geburt gibt es als Standarduntersuchung erst seit 2009. Bei den U-Untersuchungen zeigt Darian keine Auffälligkeiten. Sein Hörverlust ereignet sich vermutlich zwischen dem Spracherwerb und der Einschulung. Erst im Nachhinein werden erste Symptome als Folge des Hörverlusts erkannt: "Zum Zeitpunkt, als man die Hörminderung festgestellt hat, konnte Darian einige Buchstaben nicht mehr hören, andere nicht mehr unterscheiden, und hat sie auch beim Sprechen vertauscht."

Diese Verluste bedingen bei den betroffenen Kindern Verzögerungen oder Rückschritte in der Sprachentwicklung. Ihre Aussprache ist undeutlich bis schwer verständlich. In der Schule fällt es diesen Kindern schwer, Lesen und Schreiben zu lernen, denn beides ist an gutes Hören gekoppelt. Wird die Hörminderung nicht erkannt, können Kinder dem Unterricht in einer Regelklasse kaum folgen. Der Lärmpegel liegt hier bei rund 60 Dezibel. Die Lehrerstimme hebt sich mit 65 Dezibel kaum ab. Um eine einzelne Stimme aus dem Umgebungslärm filtern zu können, brauchen Hörbehinderte durchschnittlich 15 Dezibel Unterschied.

Darian besucht die Modersohn-Grundschule, die dem Inklusionsgedanken folgend mehrere hörbehinderte Kinder aufgenommen hat. Neben dem Förderunterricht profitieren die Kinder von einer guten technischen Ausstattung. Darians Hörgeräte sind mit einer FM-Sprechanlage gekoppelt. Dabei spricht die Lehrerin in ein Mikrofon. Ihre Stimme wird direkt an Darians Ohr übertragen. Der Erstklässler sitzt in der vorderen Reihe und kann so nicht nur seine Pädagogen gut verstehen, sondern bekommt auch die Stimmung und die Beiträge der Mitschüler gut mit.

Katja Wolters unterrichtet als Sonderpädagogin Kinder mit Hörverlust und weiß um deren Belastung: "Die Eltern müssen ihren Kindern und auch dem Umfeld erklären, dass auch mit einem Hörgerät kein vollständiger Ausgleich stattfindet." Vor allem Kinder mit Innenohrschäden wie Darian hören nicht einfach leiser. "Sprache erreicht sie verzerrt oder Wortendungen werden nicht gehört. Manche Frequenzen wie ein Handyton fallen ganz weg", so die Pädagogin.

Rückzug aus dem Kita-Alltag

Inzwischen gibt es über kinderorientierte Akustiker, sogenannte Pädakustiker, spezielle Programme, die Sprache und Geräusche mit der individuellen Hörkurve eines Kindes verrechnen und für Normalhörer wiedergeben, wie das Kind die Welt hört. Wird das Hörvermögen nicht gut korrigiert, müssen sich Kinder extrem auf den Unterricht konzentrieren, ermüden dadurch schneller und wirken dann unkonzentriert und passiv. Schlechte Noten und Schulversagen sind die Konsequenzen. Nach einer amerikanischen Studie müssen 37 Prozent der betroffenen Kinder eine Klasse wiederholen. Vor allem Kinder im Vorschulalter haben keine Vergleichswerte zu gutem Hören. Sie sind nicht in der Lage, ihr Hördefizit zu beschreiben und beklagen sich nicht. Häufig reagieren sie mit Rückzug oder sie kompensieren. Wie gut sie darin sind, zeigt Darians Beispiel. "Als die Hörbehinderung festgestellt wurde, hat er bereits von den Lippen abgelesen", erzählt die Mutter, "weder die Logopädin, die seine Aussprache verbessern sollte, noch die Erzieher haben etwas bemerkt." Erst im Rückblick fällt auf, dass sich der Vorschüler in der Kita aus Aktivitäten wie gemeinsamem Singen zurückzieht. Nach Kinobesuchen oder nach dem Vorlesen kann er den Inhalt nicht wiedergeben. Sein Umfeld deutet das Schweigen als Desinteresse. Schwerhörige Kinder erleben weitere Fehlinterpretationen wie Aufmerksamkeits- oder Verhaltungsstörungen.

Die Hörhilfen führen Darian abrupt in eine neue Welt. Das Anpassen der Kunststoffteile an die Ohrmuschel ist unangenehm, und die vielen Geräusche verwirrend. "Das ist mir zu laut", wehrt er ab. Die Lkws auf der sechsspurigen Straße vor der Wohnung sind von heute auf morgen Lärmquellen, über die der Rest der Familie längst hinweghört. Alle müssen sich auf einen neuen Darian einstellen. Die Schwester gewöhnt sich an alte Schlager. Die Eltern leisten Erziehungsarbeit: "Er brachte Schimpfwörter nach Hause, die er vorher nie gehört hatte." Darian tastet sich in vielen Gebieten vor. In den ersten Monaten mit den Hörgeräten beginnt er, immer mehr Fragen zu stellen. Erst jetzt wird deutlich, wie oft er schwieg, weil er etwas nicht verstand. Mittlerweile findet er selbst am Singen Gefallen. Im Mai wird er im Velodrom beim Schülersingfest "Klasse! Wir singen" auftreten.