Patenkinder

Eine Tante für alle Fälle

Ute Gramann hat keine Kinder - aber gleich vier Patenkinder. Für sie ist die 45-Jährige Ansprechpartnerin in Glaubensfragen, aber auch bei Schulfrust, Liebeskummer oder Streit mit den Eltern

- "Patentanten sind wie Laternen. Sie machen den Weg nicht kürzer, aber ein wenig heller." Immer wieder hat Ute Gramann diese Zeilen gelesen. Immer wieder, seit ihr Patenkind sie vor fast zwei Jahren geschrieben hat. Damals brach Clara für ein Austauschjahr nach Australien auf und hatte ihren drei engsten Freundinnen und ihrer Patentante Ute einen Abschiedsbrief geschrieben. Ute Gramann kommen die Tränen, wenn sie Claras Brief liest. Es sind Tränen der Rührung.

Seit fast 18 Jahren sind Ute Gramann und Clara ein festes Patengespann. "Vor der Konfirmation hatte ich kurz mal Angst, dass unsere Beziehung damit endet, aber zum Glück war das nicht so", erzählt Clara. Auch vier Jahre später führen die beiden eine innige Beziehung und können sich nicht vorstellen, dass es jemals anders sein wird.

Nicht immer ist die Beziehung zwischen Pate und Patenkind so eng. Oft reduzieren sich die Kontakte auf kurze Besuche und Geschenke zu Geburtstagen. "Für viele Eltern wird es aber auch immer schwieriger, einen geeigneten Paten zu finden", sagt der Theologe, Pädagoge und Buchautor Frank Maibaum. "Die Kirchen erwarten, dass zumindest ein Pate der jeweiligen Konfession angehört und Mitglied der Kirche ist, doch da immer mehr Menschen aus der Kirche austreten, kommen immer weniger Personen infrage." Zugleich seien aber auch die Erwartungen der Eltern an die Paten gestiegen: "Die Paten sollen für das Kind ein Anwalt sein, bei der Erziehung helfen, Zeit für das Kind haben", erklärt Maibaum. Manch ein möglicher Pate schreckt vor so viel Verantwortung und Zeitaufwand zurück.

Begleitung seit der Geburt

Ute Gramann hat das Ehrenamt als Patin gern angenommen, als Claras Mutter sie vor 17 Jahren fragte. Die beiden kannten sich damals schon seit vielen Jahren und waren eng befreundet. Ute Gramann hatte die Schwangerschaft ihrer Freundin von Anfang an begleitet und sie war auch die erste - nach den Eltern -, die Clara nach der Geburt in den Armen wiegen durfte. Sechs Stunden war das Baby da erst alt.

Claras Mutter erinnert sich noch genau an dieses Bild und wie liebevoll die Freundin mit ihrer Tochter immer umging. Darum war für sie klar, dass Ute Gramann Patentante von Clara werden sollte. Auch weil ihre Freundin keine eigenen Kinder hat, habe sie sie ausgewählt. Nicht nur für die Mutter von Clara, für viele Pateneltern ist dies ein Kriterium, das hat auch Frank Maibaum beobachtet. Eltern hofften, dass die Paten ihren Patenkindern dann vielleicht noch mehr Aufmerksamkeit entgegenbringen und dass umgekehrt das Leben der Paten bereichert wird.

Ute Gramann ist Managerin eines großen Musikkonzerns, für eigene Kinder und ein Familienleben sei kein Raum. Aber ein Leben ohne Kinder habe sie sich nie vorstellen können. Vielleicht ist sie gerade deshalb Patentante aus Leidenschaft.

Mittlerweile ist Ute Gramann vierfache Patentante. Gerade hat sie den erst zwei Monate alten Johann am Taufbecken gehalten. Außerdem ist sie noch Patentante von der neunjährigen Johanna und der drei Jahre alten Josefine. Jedes Kind hat seinen festen Platz in ihrem Herzen, in ihrem Leben und in Fotos auf der Fensterbank ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg.

Nur eines mag die 45-Jährige nicht an ihrem Ehrenamt: die Bezeichnung Patentante. "Ich fühle mich gar nicht tantig", sagt Ute Gramann. Mit Tanten verbinde sie eher nach Lavendel riechende Damen, die ungefragt Spuck-Küsschen verteilen. Tante klinge außerdem nach großem Altersabstand, nach Überlegenheit, aber Ute Gramann fühle sich ihren Patenkindern nicht überlegen, sondern begibt sich lieber auf Augenhöhe mit ihnen. "Wenn ich mich mit Kindern beschäftigte, fühle ich mich an meine eigene Kindheit erinnert", sagt sie.

Vielleicht erwächst daraus der enge Draht, den sie zu ihren Patenkindern entwickelt. "Für mich ist Ute wie eine Mischung aus Freundin und Schwester", sagt Clara. Auch schon als sie jünger war, habe sie es toll gefunden, eine so freundschaftliche Beziehung zu einem Erwachsenen zu haben.

Und oft genug verkehren sich dabei die Rollen. Als Ute Gramann im vergangenen Winter mit Johanna im Skiurlaub war, war es die Neunjährige, die auf die 45-Jährige achtgab und an jeder Liftstation fragte: "Na, Ütchen, alles klar?" Eine Art des Umgangs mit Erwachsenen, wie Kinder es mit ihren Eltern nie machen würden. Das liege vor allem an der Beziehung zwischen Paten und Patenkindern, glaubt Theologe Maibaum: "Da ist jemand, der keine Bedingungen stellt, der nicht, wie die Eltern, Erwartungen hat, und an den sich Kinder wenden können, wenn sie Ängste oder vielleicht auch mal Probleme mit den Eltern haben". Außerdem habe der Pate, weil er ganz offiziell von der Kirche eingesetzt wird, für die Kinder auch einen gewissen Nimbus. "Er ist etwas Großes, Wichtiges", beschreibt es Maibaum.

Exklusive Treffen - ohne Eltern

Eine Patentante ist auch etwas Exklusives. Die dreijährige Josefine zum Beispiel ist immer ganz stolz, wenn sie - ohne ihren großen Bruder - Ute Gramann besuchen darf. Überhaupt sind es nach Ansicht Maibaums in erster Linie die gemeinsamen Aktivitäten und nicht die Geschenke - aber die natürlich auch -, die Kinder an ihren Paten schätzen. "Mit Ute erlebe ich immer so schöne Sachen", sagt die neunjährige Johanna, die ihre Patentante am liebsten in Konzerte oder in die Oper begleitet. Für Patenkind Clara wiederum ist der erste gemeinsame Urlaub nach Sankt Peter Ording die spannendste Erinnerung. "Da lief alles so anders als zu Hause - das war Abenteuer pur." An dem Wochenende hatte sich Ute Gramann einmal im Meer verschwommen und die damals sechsjährige Clara musste sie ausrufen lassen. Dann hatte sie auf einem langen Waldspaziergang nicht damit gerechnet, wie schnell kleine Kinder Hunger haben können, und hatte den Proviant vergessen. "Aber trotzdem hab ich mich gut aufgehoben gefühlt und fand das alles sehr lustig", sagt Clara heute.

"Ute ist jemand für ,special moments'", findet Claras Mutter. Dabei muss so ein "special moment" nicht unbedingt etwas Großes sein. Clara erinnert sich gern an die gemeinsamen Backwochenenden, die sie von klein auf in der Adventszeit mit ihrer Patentante erlebt hat: die Unmengen von Plätzchen mit wildesten Verzierungen, die sie dabei produziert haben, im Anschluss das gemeinsame Bad mit ganz viel Badeschaum und Kerzen rundherum. Heute sind aus diesen Treffen zwischen der 17-Jährigen und der 45-Jährigen klassische Frauenwochenenden geworden, mit Shopping, Schokolade und langen Gesprächen über Jungs und Männer und überhaupt über Themen, die Clara so wohl nicht mit ihrer Mutter bereden würde.

Aber es geht auch mal einfach nur um Gott und die Welt. Und auch das schätzen die Eltern der Patenkinder an Ute Gramann. Für die Mutter des kleinen Johann war dies mit ein Kriterium für die Patenwahl: "Ich finde es toll, dass Ute nicht nur eine Weihnachtschristin ist, sondern auch mal an einem normalen Sonntag in die Kirche geht."

Ein anderer Blick aufs Leben

Ute Gramann und ihr Umfeld beobachten: Viele Eltern lassen ihre Kinder heute nicht einfach aus Traditionsgefühl taufen, sondern aus Überzeugung. Insofern sollen auch die Paten dahinter stehen. Für Johanns Eltern aber war der Grund für ihre Patenwahl vor allem, zu sehen, "wie liebevoll Ute mit ihren drei anderen Patenkindern umgeht". Außerdem hätten sie für ihren Sohn einen Anlaufpunkt außerhalb der Familie gesucht. "Jede Familie hat ihren eigenen Wertekanon", sagt Johanns Vater, "ein Pate bringt da einen ganz anderen Blick aufs Leben".

Auch Ute Gramann selbst hat das so in ihrer Kindheit erlebt: "Ich hatte Paten, mit denen ich alles bereden konnte, und die hatten mit meinen Eltern abgesprochen, dass sie ihnen nur etwas davon erzählen, wenn sie sich ernsthaft Sorgen um mich machen." Darauf habe sie sich immer verlassen können und würde es mit ihren Patenkindern jetzt gern genauso halten. Das setzt natürlich Vertrauen zu den Familien der Patenkinder voraus. "Und Eltern müssen auch die nötige Offenheit mitbringen, um die Paten in das Leben der Kinder, der Familie einzubeziehen", mahnt Frank Maibaum. In Claras, Johannas und Josefines Familie ist Ute Gramann längst eine Art Mitglied. Oft gab es gemeinsame Urlaube, und da sie inzwischen in Berlin wohnt, wo auch drei ihrer Patenkinder leben, trifft sie sich regelmäßig mit ihnen.

Jetzt ist Ute Gramann vor allem gespannt auf die Beziehung, die sie mit Johann aufbauen wird, dem ersten Jungen in ihrer Patenkinderschar. Raufen in der Sandkiste, anfeuern auf dem Fußballplatz oder Star-Wars-Karten tauschen? Sie sieht allem gelassen entgegen. Von ihren anderen drei Patenkindern hat sie ohnehin gelernt, dass man die Herzen der Kinder viel leichter erobert, wenn man die Situationen auf sich zukommen lässt, statt sich etwas vorzunehmen.

Dies ist auch ein Kontrapunkt zu ihrem sonst terminlich durchstrukturierten Leben. Die Treffen und Reisen mit ihren Patenkindern seien wie kleine Fluchten aus ihrem straff organisierten beruflichen Alltag. Manchmal vielleicht nicht weniger anstrengend, "dafür kommt aber so viel zurück, was mir Kraft gibt", sagt Ute Gramann.

Liebesbriefe von Clara zum Beispiel, die sie jahrelang aufbewahrt wie einen Schatz. Oder die kleine Hand von Josefine, die auf der Straße vertrauensvoll nach ihrer greift. Und Johannas Kritik, die eher ein Kompliment ist: "Ute, jetzt fummelst du schon zehn Minuten an meinen Haaren herum - ich hasse das eigentlich. Die einzige, die das darf, bist du!"