Wahrheiten

Tod eines Hasen

Jedes Jahr fallen Tausende Kinder vom Glauben ab: wenn ihre Eltern ihnen erzählen, dass es den Osterhasen überhaupt nicht gibt

- Welche Geschichte er denn nun erzählen soll, fragt Herr Bremser, der Lehrer, in der letzten Stunde vor den Osterferien. "Etwas vom Osterhasen!", verlangen die Schüler wie aus einem Mund. "Ja, glaubt ihr denn noch an den Osterhasen?", fragt der Lehrer, und von dem Bedürfnis hingerissen, Kinderpsychologie experimentell zu betreiben, fährt er fort: "Also - wer noch an den Osterhasen glaubt, der hebe die Hand!"

Den Osterhasen gibt es nicht! Mit dieser grausamen Botschaft entließ der Lehrer seine kleinen Schüler in die Osterferien. Zu Hause habe er schrecklich geheult und seine Mutter habe sehr geschimpft, erinnert sich Erich Kästner an die Stunde der Wahrheit in seiner Kinderzeit, als der Osterhase entlarvt wurde - als "radikaler Inventurausverkauf unseres Märchenglaubens." Er schreibt: "An jenem Tage ging eine neue Sonne auf und eine alte Welt unter..."

Dass mit der Wahrheit über Osterhase und Weihnachtsmann ein Abschnitt der Kindheit zu Ende geht, kann Eltern schon wehmütig stimmen. Ganz von der Hand zu weisen ist das ja auch nicht. Kaum ein Kindergartenkind käme von selbst auf die Idee, das Wirken wohlmeinender Gestalten anzuzweifeln, die wunderbarerweise zu Weihnachten Geschenke und zu Ostern bunte Eier bringen. Doch um die Schwelle des Schulbeginns herum, manchmal auch schon früher, kommen die Fragen: Wo kauft der Osterhase die Schokolade? Weinen die Hühner eigentlich, wenn der Osterhase ihnen die Eier wegnimmt? Wie schafft es der Osterhase, überall gleichzeitig die Eier zu verstecken?

Auch enttarnt bleibt er Symbol

Aufgeweckten Sechsjährigen entgeht auch kaum, dass der Weihnachtsmann dasselbe Geschenkpapier wie Mama verwendet. Ist die kognitive Entwicklung eines Kindes so weit vorangeschritten, dass es wissen will, wie sich die Sache eigentlich verhält, fängt es von selbst an zu zweifeln und gibt sich irgendwann damit zufrieden, dass die Eltern hinter den guten Gaben stecken. Anders gesagt, der Osterhase bleibt so lange, wie er gebraucht wird. Und selbst, wo er nicht mehr unbedingt gebraucht wird, bleibt er - vorausgesetzt er wird gut behandelt. Man darf ihn nämlich nicht lächerlich machen oder Kindern, die von ihm erzählen, Spinnerei vorhalten oder wie der Lehrer Bremser dem kleinen Erich und seinen Klassenkameraden Dummheit vorwerfen. Pfleglich behandelt, behält der Osterhase auch nach seiner Enttarnung seine symbolische Bedeutung und beschert Familien Freude.

In uns allen schlummert noch der Glaube, dass Dinge mehr sind als nur Gegenstände. Eheringe, Glücksbringer, Talisman sind die Beweise: Reste magischen Erlebens finden sich auch im erwachsenen Denken, vorausgesetzt, man hat den Kontakt zum symbolischen Weltverstehen nicht verloren. Wie wir alle die logische und die bildhafte Verarbeitung unserer Umwelt noch brauchen, können wir am Denken der Kinder erkennen, in dem rationales und bildhaftes Sinnerfassen eine friedliche Koexistenz führen.

"Wissen und Glauben sind kein Widerspruch", sagt die Psychologin Gudrun Lehmann-Scherf, "sondern zwei Ebenen der Realität, die nebeneinander stehen." Deshalb markiere die Entdeckung der Wahrheit über den Osterhasen auch keinen jähen Entwicklungssprung, sondern stehe für einen fließenden Übergang vom magischen zum logischen Denken. Eine Aufklärung im Sinne von 'Jetzt bist du alt genug, um die Wahrheit zu erfahren' sei nicht nötig. Nur den Raum, auf beide Arten denken zu dürfen und im eigenen Tempo in das Logische hineinzufinden, ohne das Fantastische gänzlich aufgeben zu müssen, müsse man den Kindern geben.

Kinder mixen Fantasie und Realität

Am Anfang denken Kinder in Bildern, weniger in Worten. "Sie verarbeiten äußere Eindrücke in den ersten Lebensjahren phantasmatisch mithilfe ihrer Vorstellungskraft". Dabei mischen sie Fantasie und Realität nach Herzenslust und verändern ihr Weltbild im eigenen Tempo. In ihrer magischen Sicht belebt die Fantasie die Welt und erklärt, was sie zusammenhält. Alles ist beseelt, was sich bewegt. "Erwachsene wissen, dass es der Wind ist, der das Gras auf der Wiese bewegt", nennt Gudrun Lehmann-Scherf ein Beispiel. "Ein kleines Kind hingegen sieht vielleicht einen Zwerg mit einer Tarnkappe, der durch die Wiese stapft - und deshalb bewegt sich das Gras."

Zwerge, Feen, Kobolde helfen Kindern dabei, die Welt zu verstehen. Doch mythische Figuren wie Weihnachtsmann und Osterhase sind etwas ganz Besonderes. Sie tauchen nur an wichtigen Festtagen auf, sie sind gütig und bleiben unseren Blicken geheimnisvoll verborgen. Es liegt etwas ungeheuer Beruhigendes in der Vorstellung, dass nicht alle Geschenke von den Eltern kommen, weil das Universum mit wohlwollenden Gestalten bevölkert ist, die sogar heimliche Wünsche erraten und erfüllen. Deshalb verlängern Osterhase und Weihnachtsmann das Geborgenheitsgefühl aus der Familie hinaus in die Welt. Kinder leben in einer kleinen, überschaubaren Welt mit Mama und Papa, Geschwistern als Bezugsgrößen. "Das wäre aber sehr klein, wenn hinter den Eltern nicht mehr stecken würde", sagt Gudrun Lehmann-Scherf. "Auf dieses Unbekannte da draußen gehen die Sehnsüchte eines Kindes." Deshalb sei der Osterhase auch Entwicklungshelfer und stifte Vertrauen über die Familie hinaus. "Nicht nur meine Eltern sind lieb zu mir, sondern die Welt meint es gut mit mir", beschreibt Gudrun Lehmann-Scherf die Bedeutung, die die guten Geister für die Kinder haben.

Wichtig: Fingerspitzengefühl

Aber fühlen sich die Kinder nicht getäuscht und hintergangen, wenn sie entdecken, dass Mama und Papa die Geschenke kaufen und die Eier verstecken? Etwas Fingerspitzengefühl und Hellhörigkeit hilft Eltern im Kreuzverhör aus der Klemme. "Na sowas!", reicht fürs erste als Kommentar. Wenn ein Kind dann nicht weiterfragt, muss man auch nichts erklären.

Besteht ein Kind auf lückenloser Aufklärung des Sachverhalts, kann man ihm immer noch selbst überlassen, halb oder ganz an den Osterhasen zu glauben oder aber den Glauben aufzugeben. "Ach wirklich, die Kinder in der Schule erzählen also, es gäbe keinen Osterhasen? Wie schade, denn wenn die Kinder nicht glauben, dass es den Osterhasen gibt, kann er ja auch keine Eier mehr für sie verstecken. Meistens übernehmen das dann die Eltern, damit die Kinder nicht traurig sind. Aber natürlich macht das lange nicht so viel Freude!"

Mit solchen Antworten geben sich Kinder erstaunlich oft zufrieden und nicht nur die Freude bleibt erhalten, sondern auch das Geheimnis, das die Festtage umgibt. Es rutscht einfach ganz allmählich ohne jähen Bruch in den Bereich der liebevollen Geborgenheit familiärer Traditionen und reift mit den Jahren zu einer vergnüglichen Verschwörung: Wenn sich Eltern und größere Kinder mit einem Augenzwinkern verständigen, dass sie zwar eigentlich Bescheid wissen, aber das Spiel für die Jüngeren weiterspielen. Weil es einfach allen Familienmitgliedern Spaß macht, Ostereier zu finden.

Behandeln wir Osterhase und Weihnachtsmann einfach nicht so grob wie Lehrer Bremser, sondern wie hohen Besuch aus der mythischen Welt - mit dem gebührenden Respekt.