Der Osterhase

Täuschung oder Fantasieanregung? Wie Eltern sich verhalten sollten

Am Sonntag werden sich wieder Millionen Kinder in Deutschland auf die Suche nach bunten Ostereiern machen.

Warum gerade der Hase zum Eierlieferanten wurde, dafür gibt es unterschiedliche Erklärungen. So gilt das fortpflanzungsfreudige Tier etwa als ein Symbol für Fruchtbarkeit, was zur erwachenden Natur im Frühling passt.

Doch schon 1682 waren dem Heidelberger Medizinprofessor Georg Franck von Franckenau Zweifel an diesem Brauch gekommen. Damals schrieb er: "Man macht einfältigeren Leuten und kleinen Kindern weis, diese Eier brüte der Osterhase aus und verstecke sie im Garten, im Gras, im Gebüsch und so weiter, und man will sie von den Buben suchen lassen zum erheiternden Gelächter der Älteren." Wie also sollen sich Eltern in der heiklen Hasenfrage verhalten? "Der kindliche Glaube an Fantasiegestalten ist durchaus gut für die kognitive Entwicklung", sagt die Psychologin Jacqueline Woolley von der Universität von Texas in Austin, die seit Jahren auf diesem Gebiet forscht. "Das regt die Fantasie an und lässt Kinder Möglichkeiten erwägen, die in der realen Welt nicht existieren." Nach Ansicht von Ute Bayen von der Universität Düsseldorf sollten Eltern genau darauf achten, was ihre Kinder gern glauben wollen: "Wenn sich alle Spielgefährten im Kindergarten auf den Osterhasen freuen, dann ist es schon schade für ein Kind, wenn es zu Hause zu hören bekommt: Den gibt es doch gar nicht", sagt die Psychologin. Die kindliche Begeisterung solle nicht gedämpft werden.

Mit etwa drei Jahren beginnen Kinder, an Fantasiewesen wie den Osterhasen oder das Christkind zu glauben. Wenn dann auch noch die Eltern behaupten, der Hase habe die Eier gebracht, nehmen Kinder ihnen das in der Regel ab. Denn Eltern gelten als glaubwürdige Quelle. Doch das birgt nach Ansicht Bayens auch Risiken: "Hier ist das Vertrauensverhältnis gefährdet. Denn die Kinder könnten enttäuscht sein, wenn ihnen klar wird, belogen worden zu sein." Sie rät Eltern deshalb, sensibel mit dem Thema umzugehen: Wenn Kinder anfangen zu zweifeln, sollte man kritische Fragen unterstützen. Jacqueline Woolley empfiehlt, in solchen Momenten die Frage umzudrehen und das Kind erzählen zu lassen, was es denn glaube. Ihrer Erfahrung nach erreicht der Glaube an den Osterhasen ohnehin nie die Intensität, die etwa der Glaube an den Weihnachtsmann hat, der kulturell tiefer verankert sei: "Deswegen kommen beim Osterhasen auch viel früher Zweifel auf." Sie findet es völlig in Ordnung, wenn Eltern den Hasen spielen, solange es allen Freude bereitet. "Aber wenn nicht, ist das genauso in Ordnung. Kinder können ihre Fantasie auch auf andere Weise zur Entfaltung bringen."

Auch der Kinder- und Jugendpsychiater Gerd Lehmkuhl von der Uniklinik Köln meint, dass der Glaube an den Osterhasen von ganz allein aufhört - schon deswegen, weil sich Kinder im Freundeskreis oder in der Schule austauschen: "Kinder merken doch, dass es das nicht gibt - sie hoffen aber trotzdem, dass der Hase kommt und Eier bringt."