Mamas & Papas

Ein Motto für jeden Ferientag

Die Oma macht mit den beiden Kindern gerade Osterurlaub. Ein ganz besonderes Erlebnis.

Denn meine Mutter hat ihre ganz eigene Art, völlig anders als unsere. Sie ist Familientherapeutin, und Kommunikation ist das A und O. Schon bei der Abfahrt im Hauptbahnhof deutete sich das an.

Kaum waren die drei in den IC Richtung Ostsee gestiegen, da zog meine Mutter das lila Beutelchen mit den Tageskarten hervor. Tageskarten? Die kennt man in der Welt der Therapie nur zu gut: Pappkärtchen, auf denen immer nur ein Wort steht, das Motto des Tages. Unser Sohn liebt sie fast so sehr wie seine Fußballkarten. Jeder durfte ein Kärtchen ziehen, die Tochter zog "Glaube", der Sohn "Freude", die Oma "Gelassenheit". Erstaunlich, wie das saß. Glaube, Liebe, Hoffnung, da konnte ja nichts schief gehen.

Am nächsten Morgen rief ich in Binz an: "Na, was habt ihr denn so gemacht?" - "Wir haben gelernt, Kompromisse zu schließen, das hat seine Zeit gedauert", antwortete meine Mutter und musste selber lachen. So eine Antwort kann nur meine Mutter geben. Andere Omas würden sagen: Wir haben gefrühstückt. Oder: Wir haben ins Meer gespuckt. Nicht so meine Mutter. "Kompromisse schließen" ist in der Familientherapie sehr wichtig, schließlich geht man meist erst dann hin, wenn alle so richtig verkracht sind.

Der Binz-Kompromiss sah übrigens so aus: Meine Tochter bastelte im Kurhaus ihr eigenes Stofftier, eine Robbe ("Mama, ich durfte der Robbe sogar die Nabelschnur durchschneiden"), während der Sohn das Kurhaus samt Stofftier-Kurs weiträumig umschiffte. Mit Kuscheltieren will er öffentlich nicht mehr gesehen werden. Zwar kann er keine Nacht ohne seinen Bäri schlafen, aber wenn Besuch kommt, müssen wir den armen Bären unter der Bettdecke verstecken. Alles andere wäre peinlich.

Abends setzten sich die drei immer zusammen und zogen Bilanz. "Bilanz ziehen" - auch ein therapeutischer Schlüsselbegriff. Die Bilanz lautete meist: Trampolinspringen ist super, die Riesenrutsche im Hallenbad flutscht noch so lustig wie letztes Jahr, aber die Waffeln schmecken nicht mehr. Als wir am vierten Tag anriefen, waren alle sehr fidel. Nur eine klitzekleine Beschwerde gab es: Oma missbilligt Fernsehen, und besonders missbilligt sie den Sender, auf dem die Lieblingsserie der Kinder läuft: "Phineas und Ferb". "Papa", flüsterte mein Sohn ins Telefon, "kannst du nicht mal mit Oma reden?" Der sagte: "Klar, mein Sohn. Es sind schließlich Ferien."

An diesem Abend zog meine Mutter erneut eine therapeutische Bilanz: Sie hatte gelernt, mit den Kindern einen TV-Kompromiss zu schließen. Und siehe da, die US-Serie war gar nicht so schlecht, sie machte ihren Frieden damit. "Frieden" hatte sie am Morgen als Tagesmotto gezogen.

In der kommenden Woche schreibt hier wieder Hajo Schumacher.