Interview

"Kinder können sich gut mit Tieren identifizieren"

Lars, der kleine Eisbär, feiert Geburtstag: Vor 25 Jahren hat ihn Hans de Beer erschaffen. Die Berliner Morgenpost hat mit dem bekannten niederländischen Illustrator gesprochen

- Er ist weiß und kuschelig und bei Kinder und Eltern beliebt: Lars, der kleine Eisbär. Als der Niederländer Hans de Beer ihn vor 25 Jahren auf dem Papier zum Leben erweckte, wollte ihn zuerst kein Verlag herausgeben. Heute ist der abenteuerlustige Eisbär weltberühmt. Seine Geschichten wurden rund zehn Millionen Mal verkauft und in 26 Sprachen übersetzt. Nicht nur als Bilderbuchfigur, sondern auch im Fernsehen mit seinen Freunden Küken Pieps und Schneehäsin Lena, sowie im Kino hat Lars Karriere gemacht. Pünktlich zur Leipziger Buchmesse, auf der gerade die neuesten Kinderbuch-Trends präsentiert wurden, ist nun ein Jubiläumsband über Lars erschienen. Sonja Gillert hat mit de Beer über den kleinen Eisbär und die Kunst, kindisch zu sein, gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Lars war für Sie der Durchbruch als Illustrator. Waren Sie schon mal am Nordpol, in Lars Heimat?

Hans de Beer:

Nein. Kiel ist der nördlichste Ort, den ich jemals besucht habe.

Woher wussten Sie so genau, wie es am Nordpol aussieht?

Der Pol ist von Holland ja nicht so weit entfernt. In Holland gibt es auch einen kalten Winter, Flüsse und das Meer. Da konnte ich mir ganz gut vorstellen, wie es am Nordpol aussieht. Dank Lars habe ich einige Polarforscher kennengelernt. Die haben mir nicht geglaubt, dass ich noch nie am Nordpol war. Es scheint also, dass ich Lars Heimat ziemlich gut getroffen habe.

Wie sind Sie auf die Geschichte gekommen?

Lars war mein erster Versuch in meiner Ausbildung auf der Rietveld Art Academy in Amsterdam, etwas für Kinder zu zeichnen. Ich wollte eine Geschichte über ein Tier zeichnen, das auf Reisen gehen kann. Ich habe dann ein Tierbuch durchgeblättert und fand einen Eisbären sehr geeignet. Und damals gab es noch keine Eisbärengeschichte. Außerdem ist ein kleiner Eisbär sehr kuschelig - ein schönes, kleines Tierchen für eine Geschichte.

Jetzt ist Lars schon 25 Jahre alt und hat viele Abenteuer erlebt. Hat er sich verändert?

Eigentlich nicht. Er hat etwas mehr Erfahrung. Ab und zu sagt er in den neueren Büchern: "Ich verlaufe mich, aber ich finde wieder zurück nach Hause." Aber er ist immer noch vier, fünf Jahre alt.

Und zeichnerisch?

Wenn ich jetzt die ersten der insgesamt zehn Bücher anschaue, dann denke ich: "Das kann ich jetzt besser."

Was für eine Art Eisbär ist Lars?

Er hat positive Eigenschaften, wie Offenheit, Neugier und Hilfsbereitschaft, aber auch negative Eigenschaften wie Angst, Heimweh und Egoismus. Lars hat dieselben Eigenschaften wie ein Kind. Deswegen können sich Kinder sehr gut mit ihm identifizieren. Ich denke, das ist auch der Grund für seinen Erfolg.

Gab es ein Vorbild für Lars, den Eisbären?

Nein, er ist frei erfunden. Aber ich hoffe, dass er mir gleicht. (lacht)

Muss man besonders kindisch sein, um Kinderbücher illustrieren zu können?

Ich denke, man sollte zumindest spielerisch sein. Aber jeder war ja einmal Kind und müsste wissen, wie das ist. Ich schreibe oft zusammen mit meiner Frau Texte. Zu zweit kann man besonders gut wieder ein Kind sein.

Ihre Frau ist Illustratorin und Autorin. Welche Rolle spielt sie für Ihre Arbeit?

Ihr Urteil ist sehr wichtig für mich. Wenn ich eine Idee habe oder eine Skizze mache, dann zeige ich sie als erstes ihr. Es hängt von meiner Frau ab, ob das gut ist oder nicht. Nur sehr selten sind wir uns nicht einig. Manchmal zeichne ich eine Geschichte aber auch, wenn sie die nicht mag.

Haben Sie Angst, dass Ihre Leser etwas nicht mögen, das Sie gezeichnet haben?

Nein, das nicht. Wenn ich ein Buch beendet habe, dann ist es für mich beendet. Wenn ich selber zufrieden bin, macht es mir nicht so viel aus, was andere darüber denken. Ich schaue auch nie die Verkaufszahlen nach. Klar sehe ich, wie viel ich damit verdiene. Aber ich schaue nicht nach, welches Buch sich besser verkauft. Ich bin schließlich kein Buchverkäufer, sondern Büchermacher.

Möchten Sie den kleinen Lesern durch die Geschichten um Lars etwas vermitteln?

In den Lars-Büchern soll die Botschaft nicht zu prominent sein. Aber alle Lars- Bücher können für Eltern ein Anlass sein, um mit ihren Kindern über die Umwelt zu reden und darüber, was sie selber tun können, um die Umwelt von Lars zu schützen. Ich fände es komisch, die Umweltprobleme in einem Buch über einen Eisbären nicht zu erwähnen.

Der kleine Eisbär hat in den letzten Jahren viele Abenteuer bestanden. Was wird er in der Zukunft denn noch so alles erleben?

Lars hat nie eine Zukunft gehabt, er war nie als Serie geplant. Ich habe jedes Buch mit der Idee gezeichnet, dass es das letzte ist. Sonst hätte ich keine zehn Bücher machen können.

Warum nicht?

Wenn man das plant, ist das ganz anders. Weil ich jedes Buch als das letzte angesehen habe, war ich nie gezwungen über Lars zu schreiben. Nur wenn ich eine gute Idee und Lust habe, mache ich ein neues Lars-Buch - vielleicht in ein oder zwei Jahren wieder. Ich habe erst gerade eine Geschichte um Lars beendet. Das ist kein richtiges Kinderbuch, sondern ein Pappbuch für kleinere Kinder. Vielleicht ist das die Zukunft von Lars.

Wollten Sie schon einmal aufhören zu illustrieren und etwas ganz anderes machen?

Nein. Natürlich mache ich auch andere Dinge. Zurzeit baue ich unser neues Haus um. Wenn ich sechs Monate an einem Buch gearbeitet habe, fange ich nicht sofort das nächste Buch an. Aber eine ganz andere Arbeit zu machen, das habe ich noch nie überlegt.

Wann haben Sie die besten Ideen?

Manchmal, wenn ich den Tisch abwische oder mit den Hunden spazieren gehe, oder auch wenn ich nachts wach werde. Es ist für mich immer wichtig, die Ideen sofort aufzuschreiben. Sonst ist selbst der beste Einfall am nächsten Tag verschwunden. Mir kommen auch oft Ideen auf den Autofahrten zwischen Holland und Italien. Das ist eine gute Gelegenheit, um zusammen mit meiner Frau eine Geschichte zu entwickeln.

Nicht nur Lars, auch den Frosch Valentino und den Orang-Utan Dodo haben Sie erfunden. Wieso zeichnen Sie so gerne Tiere?

Der große Vorteil von Tieren ist, dass sie universell sind. Kinder können sich mit Dodo oder mit dem Eisbären identifizieren. Sie haben kein Problem damit, wie das Kind aussieht, ob es schwarz oder weiß ist, ob es reiche oder arme Eltern hat, und ob das Haus groß oder klein ist, in dem es lebt. Oft kann man mit Tiereigenschaften und einem menschlichen Charakter auch sehr witzige Situationen erzeugen.

Gibt es noch ein Tier, über das Sie gerne mal eine Geschichte zeichnen würden?

Ich habe noch keine Hundegeschichte gezeichnet. Das will ich noch machen. Ich habe selber Hunde, eine deutsche Dogge und einen Findling, das ist eine Mischung. Meine Hunde wären dann die Hauptfiguren. Aber ein Hund ist schwierig zu zeichnen.

Was würde sich der kleine Eisbär zum Geburtstag wünschen?

Ein Freund wäre sein größter Wunsch! Er ist immer auf der Suche nach Freunden. Oft erlebt er seine Abenteuer, weil er einen Freund haben möchte. Zum Glück hat er keinen festen Freund und sucht immer wieder einen. In jedem Buch hat er bisher einen gefunden.