Mamas & Papas

Senatoren zum Sammeln

Letzte Woche war Pokemon. Dieser Tage ist wieder Starwars-Terror. Nach Ostern Yu-Gi-Oh. Und danach alles von vorn. In der Wohnung, im Auto, in jeder Sofaritze fliegen diese dämlichen Karten herum, die zwar ein Vermögen kosten, aber zu absolut nichts taugen als den Vater in den Irrsinn zu treiben.

Für den Gegenwert der bedruckten Pappe, die wir widerwillig erworben haben, hätten wir eine schicke Immobilie am Scharmützelsee erwerben können. Natürlich haben wir auch all die passenden Sammelalben angeschafft. Aber nichts ist langweiliger als Karten einzusortieren. Man sieht die Lücken. Man kann nicht tauschen. Nicht angeben.

Neulich hörte ich eine alleinerziehende Mutter im Radio klagen, dass sie mit den Nerven am Ende sei: Drei Jungs, und jeder würde sie stündlich um Geld für Karten bestürmen. Banken bieten Kartenkredite an. Eine neue Finanzblase droht, gewaltiger als alle zuvor - die Karten-Krise. Und jetzt auch noch die Fußball-EM. Ich weiß jetzt schon, dass wir 17mal Toni Kroos haben werden, aber nicht einen Schweinsteiger. Ich werde mir das Rauchen wieder angewöhnen. Warum soll allein den Kindern das Recht auf unsinniges Geldverbrennen zustehen?

"Wir sind reich", krähte Hans eines Tages, als er aus der Schule kam. Aha? War an mir bislang vorbeigegangen. Stolz wedelte der Junge mit einer knittrigen Glitzerkarte, die Meister Joda zeigte. "100 Angriffspunkte", erklärte er, "die ist total selten". In der Tat: Die Karte war so selten, dass es dafür nicht mal ein Gebot bei Ebay gab. Nichts mit Millionen.

Aber ich verstand: Die Jungs erzählten sich den ganzen Tag Münchhausen-Geschichten, wie unglaublich selten und wertvoll ihre Karten seien, die in Wirklichkeit millionenfach von Fließbändern in chinesischen Kinderarbeitslagern fallen. In meinem nächsten Leben werde ich Sammelkartenproduzent. Todsicheres Geschäft. Ich brauche nur noch ein gutes Thema. TV-Serien, Filme und Sport sind besetzt. Ich werde es mit Berliner Lokalpolitikern versuchen. Die sind furchteinflößender als die Sith.

Eines Morgens beim Frühstück hielt ich Hans eine Karte hin. Ich hatte ein Bild von Frank Henkel auf eine Pik-Sieben geklebt. "Total selten", raunte ich, "hat keiner. Das ist Super-Henk, mächtigster Schüler von Meister Wowi." Hans drehte und wendete die Pappe und entdeckte Klebstoffspuren. "Morgen kann ich Dir sogar eine Karte vom großen ThoHei besorgen", sagte ich verzweifelt, "dem gnadenlosen Herrn über alle Gefangenen der Stadt. Wenn Du bis dahin keine neuen Karten kaufst." Hans blickte auf. ThoHei klang spannend. "Na gut", sagte er gnädig, "bis morgen. Aber eine echte." Meinen Super-Henk ließ er achtlos liegen. Wo kriege ich jetzt eine Autogrammkarte vom Justizsenator her, idealerweise mit Ketten und Peitschen behängt, im Format A7? Für einen Heilmann würde ich sogar meinen Super-Henk hergeben. Obwohl der total wertvoll ist.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann