Sprechstunde

Wie viel kann ich meiner Tochter zu Lebzeiten schenken?

Gisela R. aus Wilmersdorf: Ich habe zwei erwachsene Töchter. Zur jüngeren habe ich ein sehr gutes Verhältnis, zur älteren eher ein sporadisches Verhältnis. Damit die beiden nicht zu gleichen Teilen erben, würde ich meiner jüngeren Tochter zu Lebzeiten gern Dinge schenken. Wie mache ich das am besten?

Eltern müssen nicht unbedingt alle ihre Kinder gleich behandeln. Jedenfalls verbietet Ihnen das Gesetz nicht, eine Ihrer Töchter vor der anderen zu bevorzugen. Sie können eine Tochter ganz offen schon zu Lebzeiten besser stellen als die andere. Sie können das aber auch so machen, dass die Bevorzugung bis zu Ihrem Tode verborgen bleibt und sich erst aus dem Testament ergibt. Welchen Weg Sie gehen wollen, entscheiden Sie ganz alleine.

Der einfachste Weg, einer Tochter mehr zukommen zu lassen, ist ein Testament. Damit können Sie Ihr Vermögen nach Belieben auf Ihre Kinder verteilen. Sie können Ihre ältere Tochter auch enterben. Der enterbten Tochter steht nach Ihrem Tode nur ein Pflichtteilsrecht zu. Damit erbt sie von Ihrem Vermögen gar nichts. Ihr steht nur eine Art Entschädigungsanspruch zu. Dieser bemisst sich nach dem Wert dessen, was sie ohne ein Testament geerbt hat. Der Pflichtteilsanspruch ist die Hälfte davon. Mit einem solchen Testament würde Ihre jüngere Tochter also alles erben und müsste ihrer Schwester von dem Wert des Erbes ein Viertel als Pflichtteil auszahlen.

Sie können Ihr Vermögen auch schon zu Lebzeiten verteilen. Sie haben die Freiheit, Ihr Vermögen Ihrer jüngeren Tochter zu schenken. Sie müssen sich bei diesem Geschenk mit niemandem abstimmen. Vor allem müssen Sie Ihrer älteren Tochter nichts berichten. Möglicherweise wird sie davon erfahren, einen Einfluss auf das Geschenk hat sie aber nicht. Normalerweise müssen Sie nicht einmal das Finanzamt von einem solchen Geschenk informieren. Bei Geschenken an die Kinder gibt es - ebenso wie bei der Erbschaft - einen Freibetrag von 400.000 Euro. Wenn der Wert des verschenkten Gegenstandes nicht höher ist, müssen Sie keine Steuer zahlen und auch keine Schenkungsteuererklärung abgeben. Wenn Sie Ihrer jüngeren Tochter etwas schenken, werden Sie bei Ihrem Tode natürlich entsprechend weniger vererben. Auch der Pflichtteil, den Ihre ältere Tochter verlangen kann, ist dann niedriger.

Allerdings enthält das Gesetz einen gewissen Schutz für Kinder, die enterbt worden sind.

Wenn Sie kurz vor Ihrem Tode noch etwas verschenkt haben, dann wird der Pflichtteil der übergangenen Tochter so berechnet, als würde das Geschenk noch zur Erbschaft gehören. Es wird aber umso weniger hinzugerechnet, je früher Sie Ihrer jüngeren Tochter etwas schenken. Für jedes Jahr, das zwischen dem Geschenk und dem Todestag liegt, wird das Geschenk um 10 Prozent verringert. Wenn Sie also Ihrer jüngeren Tochter heute etwas schenken und dann noch zehn Jahre leben, wird dieses Geschenk beim Pflichtteilsanspruch Ihrer älteren Tochter gar nicht mehr berücksichtigt.

Oft ist es das Wohnhaus, das die Eltern einem Kind schenken und an dem die anderen Kinder nicht partizipieren sollen. Das Ganze findet zumeist nur auf dem Papier statt. Das Haus wird grundbuchlich auf ein Kind übertragen, aber die Eltern wohnen weiterhin bis zu ihrem Tode darin. Wenn das zehn Jahre vor dem Tod der Eltern geschieht, haben die anderen Kinder wegen des verschenkten Hauses tatsächlich keinen Pflichtteilsanspruch. Das funktioniert aber nur dann, wenn das Haus auch wirklich verschenkt worden ist. Vielfach behalten sich die Eltern noch ein Nutzungsrecht vor. Mit diesem Vorbehalt zählt das Geschenk beim Pflichtteil nicht. Dann wird auch das Haus bei der Pflichtteilsberechnung miteinbezogen.

Max Braeuer ist Rechtsanwalt und Experte für Familienrecht

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