Bildung

"Warum brauch' ich denn dafür Mathe?"

320 Neuköllner Schüler besuchen verschiedene Unternehmen in ihrem Bezirk. Das Ziel: Ein Ausbildungsplatz

- Sie bekommen heute im Rahmen des "Tag des offenen Unternehmens" eine Extraführung durch das Neuköllner Familienunternehmen Pohl und Klein (PUK). Hier werden Kabeltragsysteme fertiggestellt - das sind breite Schienen, mit denen an Wänden und Decken viele Kabel auf einmal verdeckt werden. Überall wird gestanzt, gebogen und geschnitten. "Ich finde es total interessant, wie die Maschinen funktionieren und sich das Metall Stück für Stück verändert und am Ende fertig rauskommt", sagt der Schüler der Liebigschule in Gropiusstadt, einer Integrierten Sekundarschule. Sein Vater, so erzählt er, arbeite als Schichtleiter bei einem Fahrzeugteilehersteller.

Auch hier, in den PUK-Werken in Neukölln, arbeiten die 150 Beschäftigten im Dreischichtsystem. "Diese Produktion würde mich auch interessieren", sagt Sinan, "aber eigentlich will ich erst mal Abitur machen." Diese Pläne hat auch sein Mitschüler Cengiz (18). "Fachabitur mit Schwerpunkt Wirtschaft am Oberstufenzentrum. Und danach vielleicht studieren. Aber es ist gut, dass ich mal hier in so eine Firma gucken kann, wie solches Produzieren wirklich abläuft", sagt er.

Schülerausflug ins Unternehmen

Insgesamt 320 Schüler von acht Neuköllner Oberschulen nehmen an diesem "Tag des offenen Unternehmens" teil. Zwischen zwei und drei Firmen besichtigen sie heute. Sie gehen in die neunten und zehnten Klassen und informieren sich darüber, welche Unternehmen in ihrem Bezirk Ausbildungsplätze vergeben. Höchste Zeit, denn am ersten August beginnen die nächsten Ausbildungsjahrgänge für Fachkräfte. Das Besondere: Die Schüler lernen die Ausbildungsmöglichkeiten nicht schriftlich oder durch ein Online-Angebot kennen. Heute führen Mitarbeiter ihnen direkt und hautnah die Produktionsstätten und Arbeitsbedingungen vor. So sollen sie einen bleibenden Eindruck mit nach Hause nehmen - und vielleicht sogar einen Praktikumsplatz.

Die Schüler wurden, je nach Interessenlage, in Gruppen eingeteilt und besuchen die Firmen, die Teil des "Unternehmensnetzwerks Neukölln Südring" sind. Es besteht mittlerweile aus 30 Unternehmen, bei seinem Start im Jahr 2008 waren es nur 16. Darunter sind beispielsweise ein Backwarenhersteller, ein Krankentransportunternehmen oder ein Hotel. Das Netzwerk ging aus der Initiative "Stadtumbau West" des Landes Berlin hervor. "Wir repräsentieren 500 Unternehmen mit rund 12.000 Beschäftigten", sagt Ulrich Rheinfeld, stellvertretender Vorsitzender des Netzwerks. Was sie hier veranstalteten sei Basisarbeit, sagt er. Denn nicht nur die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen muss reduziert werden. "Wir brauchen die jungen Kräfte, um unsere Mitarbeiterschaft zu verjüngen und noch besser zu qualifizieren. Und es würde mich sehr freuen, wenn unsere Initiative hier im Bezirk auch eine Blaupause für andere Bezirke wäre." In der "Agentur für Arbeit Berlin Süd" sind sich die Verantwortlichen zumindest einig: Was die Schulen leisten, reiche oft nicht aus, damit die Jugendlichen in einem Unternehmen Fuß fassen können. Christoph von Knobelsdorff, Staatssekretär der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung: "Es ist überhaupt kein Vorwurf an die Schüler, dass sie nicht wissen, was für Möglichkeiten es gibt. Es sind oft die Lehrer, die nur eine handvoll Berufe kennen. Deswegen ist so ein Tag wie heute enorm wichtig", sagt er. 14,3 Prozent der unter 25-Jährigen sind im Bereich der Agentur für Arbeit Berlin Süd, deren Einzugsgebiet zwischen Potsdamer Stadtgrenze und Oder-Spree-Grenze liegt. Rund 2600 freie Plätze gibt es in diesem Bereich noch für das kommende Ausbildungsjahr. Die meisten Bewerbungen (insgesamt waren es 3902) gab es im vergangenen Jahr für die Berufe Kaufmann und Kauffrau im Einzelhandel, meldet die Agentur. Die Jungen (204) bewarben sich vor allem als Azubi für Kaufmann im Einzelhandel, die Mädchen eher als Azubi für Medizinische Fachangestellte (219). Jeweils dahinter folgen KFZ-Mechatroniker für PKW-Technik (133) bei den jungen Männern. Bei den jungen Frauen steht die Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel (176) ganz oben.

Aber dass es noch viel mehr Ausbildungsmöglichkeiten gibt, wissen viele der Jugendlichen nicht. "Zum Beispiel ist die Ausbildung zur Fachkraft für Lebensmitteltechnik bei den Jugendlichen wenig präsent", sagt Sascha Dörfel, Koordinator für Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit, die die Schüler auch bei ihrem Schulabschluss mit Nachhilfe unterstützt. "Und dabei werden Lebensmitteltechniker in Neukölln immer wieder gebraucht, denn die Lebensmittelindustrie ist hier stark vertreten." Vertreter der örtlichen Arbeitsagentur gehen regelmäßig mit ihrer Berufberatung in die Schulen. "Der nächste Schritt ist dann, dass sie zu uns kommen und sich hier bei uns über freie Ausbildungsplätze informieren", sagt Jürgen Bielert, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Berlin Süd. "Wir geben ihnen umfassende Informationen und zeigen ihnen Filme. Aber das Unternehmen und seine Anforderungen vor Ort kennenzulernen, hat natürlich eine ganz andere Dimension. Deshalb ist ein solcher Tag wie heute eine super Idee."

Es muss einfach passen

Viel Zeit haben die Schüler, die eine Lehrstelle brauchen, nicht mehr. "Die Unternehmen entscheiden ja nicht nach Aktenlage", sagt Bielert, "man sollte ihnen also genug Zeit geben, die Bewerber auch alle kennenzulernen." Auch der Personalleiter der PUK-Werke, Bernd Niemeyer, möchte alle seine Bewerber zum Gespräch einladen. Auf die Frage von Deniz (17), ob hier lieber deutschstämmige Arbeiter genommen werden, antwortet er: "Wir nehmen die, bei denen es einfach passt, bei denen wir ein gutes Gefühl haben. Das können natürlich auch türkischstämmige Arbeitnehmer sein, wir haben ja sogar einen Firmenzweig in der Türkei." Zurzeit sucht das mittelständische Familienunternehmen zwei Azubis für den Beruf Maschinen- und Anlagenführer. Die Anforderungen sind nicht niedrig: Es gilt die komplexen und empfindlichen Metallbearbeitungsanlagen zu steuern und bei Bedarf für bis zu 100 verschiedene Produktionsarten umzubauen. "Wir investieren eine Menge Geld in eure Ausbildungen. Alles mit dem Ziel, dass ihr danach bei uns arbeitet", erklärt Bernd Niemeyer seinen Zuhörern. Can (16) ist am meisten von der mit vier Tonnen Kraft arbeitenden Stanze beeindruckt. Allerdings ist er wenig begeistert von der Aussicht, dass man dafür auch Mathe, Physik und sogar Chemie können muss. "Warum das denn?", fragt er. Niemeyer lacht und erklärt kurz. Can zuckt mit den Schultern. "Vielleicht bewerb ich mich ja doch."