Ratgeber

Wie gewöhnen wir unserem Enkel (25) das Nägelkauen ab?

Mein Enkel, 25 Jahre alt mit Fachschulabschluss, kaut schon seit seiner Kindheit an den Fingernägeln. All unsere Versuche, ihm das abzugewöhnen, waren bis jetzt leider erfolglos. Wir hatten gehofft, dass es im Laufe der Jahre einfach verschwindet. Aber bis jetzt ist das nicht passiert. Was können wir tun, um ihm das endlich abzugewöhnen? Für einen Rat wäre ich Ihnen dankbar. Marlies F. aus Spandau

Ich möchte diesmal gar nicht so sehr auf das Fingernägelkauen eingehen, zumal ich schon öfter an dieser Stelle über "Kinderfehler" gesprochen habe. Stattdessen stellt sich die Frage, inwieweit Großeltern gegenüber erwachsenen Enkeln überhaupt noch Erziehungs- oder Beratungsaufgaben haben. Da sie auch betonen, dass bei Ihrem Enkel ein Fachschulabschluss, also eine Art "Reifeprüfung" vorliegt, scheint mir die Problematik eher im Bereich der Selbständigkeitsentwicklung zu liegen. Man müsste in diesem Fall also schauen, wie es mit der persönlichen Reife des jungen Mannes aussieht!

Und an dieser Stelle können Sie ihn wohl eher dadurch unterstützen, indem sie anfangen, Forderungen an ihn zu richten und sich nicht zu sehr den Kopf über Hilfen zu zerbrechen, wie man sie kleinen Kindern und Jugendlichen, auch als Großeltern, durchaus einmal anbieten kann. Mit zunehmendem Alter sollten sich die Verhältnisse doch umdrehen: wo früher die Eltern oder Großeltern die Kinder umsorgt und vielleicht auch ein wenig verwöhnt haben, soll doch ein Ausgleich entstehen, indem die Erwachsenen etwas zurückgeben!

Als konkreten Vorschlag haben Sie doch sicherlich kleine Dinge in Haus und Garten zu erledigen, wo sie - in diesem Sinne - ihren Enkeln bitten können, kleine handwerkliche Arbeiten zu übernehmen. Verzichten Sie außerdem unbedingt auf moralische Hinweise ("was soll denn Deine Freundin mal denken...") und unterstützen ihn eher in seinen Stärken. Auf diese Weise machen Sie ihm klar, dass sich die Verhältnisse langsam umdrehen. Eigentlich nennt man das: "fördern durch fordern", wofür aber ein 25-jahriger auch eigentlich schon zu alt ist... . Aber wenn Sie Glück haben, schaut ihr Enkel beim Handwerk auch mal zufällig auf seine Fingernägel und merkt dann von sich aus, dass er doch lieber erwachsen werden möchte.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie- Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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