Familienleben

Neue Väter braucht das Land

Vor ein paar Tagen, in einer Folge der Sitcom "Malcolm mittendrin", die so erfolgreich jeden Tag bei Pro7 läuft, konnte man ihn wieder mal sehen: Den neuen Mann. Gleich mehrere betont moderne Kerle hatten die Drehbuchschreiber inszenieren lassen, die gleichberechtigt mit ihren Frauen auftraten, von zu Hause arbeiteten, die Kinder intensiv mitbetreuten oder einfach nur die Dame viel entscheiden ließen.

Und dann, am Ende der Serienfolge, gerieten doch all diese vorbildlichen Paare in heftigen Streit, und zwar über eine einzige Frage, die wie ein Virus umging: Tun Mann und Frau eigentlich wirklich genau gleichviel im Haushalt?

Da ist er dann doch wieder zersprungen, der Mythos vom modernen, gelassenen Mann und Familienvater, und zwar ausgerechnet an der doofen alten Frage, wer denn den Müll häufiger runterbringt. Die Diskussion um die echte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau reicht bis ins Nachmittagsfernsehen - auch wenn sie dort flach verebbt. Aber ein ernster Kern steckt schon hinter diesem Zeitgeistphänomen: Die Rolle des Mannes als Vater wird wieder heiß diskutiert.

Belege dafür findet man derzeit an vielen Orten. Die Uni Frankfurt untersuchte "neue Väter" ("Die Vaterschaft unterliegt einem gesellschaftlichen Wandel, der die patriarchalen Familienstrukturen erodiert"). Zeitschriften verfassen Specials zum Thema, Fachtagungen fragen "Wer ernährt die neue Familie?". Der Bundestag gab eine Studie in Auftrag, wie Politiker, besonders Väter, das Familienleben meistern. Am Weltfrauentag, dem 8. März, wurden gerade unter Schirmherrschaft der Bundesfamilienministerin die "Spitzenväter des Jahres" ausgezeichnet, eine symbolische Aktion, die drei beliebige moderne Männer kürte - einer davon ist schlicht alleinerziehender Vater, ein anderer gab seinen Job auf, um die Karriere der Frau zu fördern. So etwas ist im Moment eine Nachricht, die es in Deutschlands große Zeitungen schafft. Ein wenig hysterisch wirkt die Aufregung um "neue Väter" manchmal schon.

Eine eigentlich alte Debatte

Und ihr Zeitpunkt überrascht eigentlich auch sehr. Nicht, weil die Diskussion falsch wäre, im Gegenteil. Verwunderlich ist eher: Warum jetzt erst? Denn da flammt eine Debatte auf, die älter ist als mancher, der sich in ihr zu Wort meldet. Jene Popnummer von Ina Deter, die behauptete "Neue Männer braucht das Land" wird gerade 30 Jahre alt. Ausgerechnet jetzt soll das Mannsein wieder überdacht werden - nur eben mit dem Akzent der Vaterschaft. Doch den "Mutterschaftsurlaub für Väter" forderte die "Emma" schon 1979. Und die Zeitschrift "Brigitte", die vor langer Zeit auch mal ein wenig politisch war, diskutierte das Thema breit unter dem Slogan "Neue Väter, alte Chauvis?" - das war im November 1988.

Es gibt ein paar handfeste Gründe für die Wiederkehr all dieser Fragen. Im Jahr 2007 wurde das Elterngeld eingeführt, eine Erfindung der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen. Es gibt bekanntlich nur den Familien die maximale Förderung, in denen auch der Vater eine kleine Auszeit nimmt. Parallel zum Einzug der Väter in die Haushalte wird die Frauenquote heftig diskutiert und damit der Einzug der Frauen in die Unternehmen und ihre Chefetagen. Aber auch kulturell hat sich viel verändert. Plötzlich sieht man Brad Pitt mit einem Kleinkind auf den Schultern in den Promi-Zeitschriften. Da hat sich doch irgendetwas getan. Steve McQueen hätte sich nie so gezeigt.

Dabei ist faktisch gar nicht so viel los mit den "neuen Vätern". Zurzeit nehmen rund 150.000 Mütter Elterngeld in Anspruch, aber nur 38.000 Väter. Die meisten davon absolvieren nur die zwei Pflichtmonate - den Rest übernimmt die Frau. Diejenigen, die wirklich "neues Vatersein" ausprobieren, sind eine Avantgarde. Aber es gibt sie - das hat gerade eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung herausgefunden. Sie ließ die Art, wie Familien mit dem Elterngeld umgehen, endlich auch einmal qualitativ untersuchen. Das Ergebnis ist eine Typologie der verschiedenen "Neuen Väter". Die meisten (46 Prozent) sind demnach vorsichtige Elterngeldväter, die nur zwei Monate nehmen und das als Auszeit ansehen, ohne die klassische Familienstruktur wirklich zu verändern. Die Studie fand aber verschiedene Typen von Vätern, die auf ihre Art mehr Gleichberechtigung ausprobieren - bis hin zu dem Mann, für den wirklich die Familie genauso wichtig wie der Beruf ist und der langfristig miterziehen möchte. Jeder zwanzigste ist ein solcher wahrer "neuer Vater".

"Leider wird diese Gruppe von keiner Seite wirklich unterstützt", sagt Svenja Pfahl, deren Institut Sowitra die Studie für die Böckler-Stiftung durchführte. "Dabei könnte genau von diesem Typus moderner Väter ein Impuls für mehr echte Gleichstellung ausgehen." Allerdings sieht die Soziologin auch viele positive Effekte der neuen Situation. So sickere das Thema Vaterschaft viel tiefer als je zuvor in die Gesprächskultur der Unternehmen ein. Wenn jemand Elternzeitmonate nimmt, und seien es auch nur zwei, wird darüber geredet. Eine moderne Sichtweise der neuen Vaterschaft bedeute aber nicht, dass Männer sich die Schürze umschnallen und ganz den Hausmann geben müssen. Diskutiert werden von Psychologen derzeit eher Themen wie: auch mal Gefühle zeigen. Scheitern eingestehen - selbst in der Erziehung. Bisher funktioniert das nicht immer gut, so schlägt zum Beispiel die Mehrheit der Eltern auch heute noch ihre Kinder. Zu diesem Ergebnis kam gerade eine Studie, die das Marktforschungsinstitut Forsa für das Magazin "Eltern" durchführte. Knapp die Hälfte der Eltern schlägt manchmal zu, Eltern nennen das dann den berühmten "Klaps" - und fünf Prozent verprügeln ihr Kind manchmal. Ziel der Studie war es, Ost-West-Unterschiede festzustellen. Das hat sie auch, die sind aber nicht gravierend. Eher auffällig ist ein Geschlechterunterschied: Zwar haben Eltern meist ein schlechtes Gewissen, wenn sie Gewalt angewandt haben - Männer aber signifikant weniger. Sie stecken vielleicht besonders tief in alten Ideen und Rollenbildern.

Der "neue Vater" befindet sich derzeit noch in einer Phase der Selbstsuche. Dazu passt auch, dass es kaum eine Lobby für ihn gibt. Während der Feminismus weit fortgeschritten oder zumindest gut organisiert scheint, suchen Väter oft vergeblich nach Gruppen, in denen sie sich gegenseitig unterstützen können. Und unter den wenigen Gruppen die es gibt, herrscht auch noch Streit. Organisationen wie "Väteraufbruch", "Agens" und ein paar andere, die für die Rechte von Vätern eintreten, sind gerade in die Kritik geraten. Bei der Friedrich-Ebert-Stiftung liegt ein Infoband unter dem Titel "Geschlechterkampf von rechts" vor, der untersucht, wie Männerrechtler sich derzeit als Antifeministen immer wieder radikalisieren. Der Soziologe Hinrich Rosenbrock hat ebenfalls gerade mit einer Studie vor der "antifeministischen Männerrechtsbewegung" gewarnt. Ausführliche Schlammschlachten dazu sind in Online-Foren nachzulesen.

Tatsächlich wird auf Internetseiten der besonders lauten Männergruppen heftig gegen den Weltfrauentag oder die Quoten-Forderungen polemisiert. Beflügelt werden solche Gruppen derzeit vor allem von einem Thema: dem Sorgerecht. Väter, die ihren Kindern nah sein wollen, das aber nach einer Trennung nicht können, haben hier ein Forum gefunden. Ihre Wut bricht sich allerdings manchmal Bahn in Frauenhass.

Die Mehrheit sucht selbstverständlich die Gemeinsamkeit mit der Mutter. Auch das zeigte die Studie von Böckler-Stiftung und Sowitra: Das Gros der Väter mag zwar die Elternzeit nur als kurze Entlastung der Mutter sehen und sonst nichts. Aber jeder Dritte will mehr. Mehr Gleichberechtigung, neue Rollen, ein wirklich neues Leben als Familie. Egal, wie schwer das ist.