Ratgeber

Sind Selbstzweifel und depressive Neigung angeboren?

Meine Nichte hat große Schwierigkeiten, durch die Pubertät zu kommen. Sie zieht sich oft zurück, spricht schlecht über sich und hat auch schon geäußert, dass das Leben doch gar keinen Sinn hat. Ich mache mir Sorgen, dass sie sich etwas antut. In unserer Familie gibt es solche Gedanken häufiger, auch bei meiner Schwester. Kann das erblich sein? Mira P., per E-Mail

Grundsätzlich gibt es für alle Merkmale in der belebten Welt, also bei Pflanzen, Tieren und uns Menschen eine gewisse Weitergabe durch die familiären Gene. Das ist offensichtlich für äußere Zeichen wie Größe, Haar- oder Augenfarbe. Für die seelischen "Merkmale" einer Person gilt das in eingeschränktem Sinn auch: Wir sprechen von einer "Neigung", diese auszubilden, aber bei der Kompliziertheit der seelischen Vorgänge sind in der endgültigen "Ausprägung" die Umwelteinflüsse doch sehr variierend. In Familien mit Neigung zu depressiven Gedanken ist dieser Zusammenhang natürlich nicht so günstig. Selbstzerstörerische Gedanken oder Handlungen kommen oftmals gehäuft vor: Es handelt sich um verbale und nicht verbale Anzeichen, die Beschäftigung mit Selbsttötungsideen anzeigen, ohne Verknüpfung mit konkreten Handlungen. Dies wird in vorübergehender Form bei ca. acht Prozent der Kinder und bei mindestens 20 Prozent der Jugendlichen beschrieben. Bei psychiatrisch behandelten Kindern und Jugendlichen steigen die Zahlen stark an. Solche Äußerungen haben aber auch immer eine starke Appellfunktion! Ernsthafte Vorboten für echte Gefahr sind emotionale Einengung, Aggressionsstau, Wendung der Aggression gegen die eigene Person und suizidale Fantasien. Dies ist zumindest bei Kindern und Jugendlichen nicht immer gut zu erkennen, da suizidale Gedanken in einem Klima der Impulsivität und Panik auch akut werden können. Daran sehen Sie, dass die Frage nicht isoliert zu beantworten ist: Es gibt zahlreiche Umstände, die Einfluss auf die Entwicklung Ihrer Nichte nehmen und die von fachlich versierter Stelle erhoben und geklärt werden müssen.

Ihre Vermutung zum Beitrag der Familie kann ich also nicht im Zusammenhang mit einem Verschulden bestätigen, wohl aber in ihrem Wert für die Bearbeitung der Problematik: Im Rahmen einer Diagnostik und vielleicht Therapie ist die familiäre Unterstützung unabdingbar!

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charit, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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