Sprechstunde

Meine Enkelin (5) ist so blass. Leidet sie an Vitaminmangel?

Marga G. aus Zehlendorf fragt: Meine fünfjährige Enkelin Josefine ist seit Wochen so blass. Nachdem wir jetzt doch noch so einen kräftigen Winter bekommen haben und es so kalt war, brauchen doch bestimmt die Kinder in der Stadt reichlich Vitamine. Die werden ja zurzeit überall angeboten. Wir mussten damals in unserer Kindheit immer Vitaminsaft einnehmen. Meine Tochter meint, das sei heute nicht mehr notwendig. Stimmt das?

Vitamine und Spurenelemente sind neben den Hauptnahrungsbestandteilen Fett, Eiweiß und Zucker die Anteile unserer Ernährung, die wir in unserem Stoffwechsel nicht selbst herstellen können und daher mit der Nahrung aufnehmen müssen. Spurenelemente sind Substanzen, die in den Böden gespeichert sind und über die Nahrungskette der Pflanzen und Tiere indirekt in unseren Stoffwechsel gelangen - wie z. B. Eisen, Jod und Calcium. Vitamine sind Substanzen, die nicht von uns, wohl aber von Tieren und Pflanzen hergestellt werden können und auch über die Nahrung zu uns gelangen.

Bei einem Vitaminmangel kommt es zu sehr unterschiedlichen und zum Teil auch sehr schweren Krankheitsbildern, die in den vergangenen Jahrhunderten sehr viele Menschen das Leben gekostet haben. Vor allem in langen Wintern, in denen kaum frische Nahrung wie Gemüse und Obst zur Verfügung stand, war dies ein großes Problem. Heute stehen uns ganzjährig sämtliche Lebensmittel uneingeschränkt zur Verfügung und Mangelsituationen treten nicht mehr auf. Eine Ausnahme stellen besondere Ernährungsformen dar, z. B. die vegane Ernährung, die bei Kindern von stillenden Müttern zu einem schweren Vitam-B12-Mangel führen kann. Eine weitere Ausnahme stellt auch das Vitamin D dar. Dieses Hormon wird nur unzureichend durch die Nahrung zugeführt und muss vom Körper selbst in der Haut hergestellt werden, und zwar durch die Wirkung von Sonneneinstrahlung. Bei einem Mangel des Vitamin D entsteht eine Rachitis, die vor allem mit einer Schwäche der Knochen einhergeht. Vor allem in den ersten Lebensjahren der intensivsten Knochenreifung sind die Neugeborenen und Kleinkinder auf ausreichende Mengen an Vitamin D angewiesen. Daher wird für Kinder im ersten Lebensjahr eine zusätzliche Gabe von Vitamin D empfohlen (früher war das Lebertran, heute gibt es reine Vitamin-D-Tabletten). Kinder im zweiten Lebensjahr sollten im Winter dann wegen der geringen Sonneneinwirkung in der Haut weiterhin Vitamin D einnehmen. Später reicht die Sonneneinstrahlung aus, um genügend Vitamin D in der Haut zu produzieren, so dass die Kinder zusammen mit dem Vitamin D aus der Nahrung im Verlauf der weiteren Kindheit mit Vitamin D ausreichend versorgt sind.

Bezüglich Ihrer Enkelin Josefine kann ich Sie also beruhigen und Ihnen versichern, dass sie bei einer normalen Ernährung KEINE Vitaminpräparate einnehmen muss, auch wenn das die entsprechenden Anbieter anders darstellen. Wenn die Blässe aber wirklich ausgeprägt ist und über die normale Winterblässe hinausgeht - und vor allem auch in den Augenbindehäuten auffällig ist -, sollte sie zur Abklärung einer Blutarmut dem Kinderarzt vorgestellt werden.

Heiko Krude ist Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin