Mamas & Papas

Treck nach Westen

Der Westen boomt. Gut, "boomt" ist vielleicht ein wenig übertrieben. Aber es ist nicht mehr peinlich, hier zu wohnen. Vor zwei Jahren war das noch anders. Als wir damals zu einem Frühstück bei Freunden in Prenzlauer Berg eingeladen waren - außer den Gastgebern kannten wir niemanden -, erkundigte man sich in großer Runde, wo wir denn herkämen.

"Wilmersdorf." Darauf schlug uns großes Gelächter entgegen. "Wilmersdorf, wirklich? Ist das nicht total verschlafen?" Und irgendwo in der Ecke murmelte jemand empört: "Wer wohnt denn schon freiwillig in Wilmersdorf."

Inzwischen nimmt die Zahl der Prenzlberg-Zuzügler zu. Ganz neue Familientypen tauchen im Viertel auf - man trifft sie Samstagabends um 21.30 Uhr im Discounter. Die Mutter in einem modischen Mix aus Flatterkleid, Mantel und Gummistiefeln, bei dem man auf den ersten Blick an Altkleiderkammer denkt, um beim zweiten Blick das Styling zu entdecken. Der Vater mit Vollbart, V-Ausschnitt-Pullover und schwarzer Brille. Die beiden kleinen Kinder übernächtigt, wild, frei, unerzogen. Und fordernd. "Kann ich noch ein Überraschungsei?" "Ich will 'ne Capri-Sonne." Die Vier fielen durch ihre laute Familienfröhlichkeit auf - als sei der Späteinkauf beim Discounter ein irres Erlebnis. Dabei ist das einzig Tolle an diesem Supermarkt seine zentrale Lage. Ansonsten ist er eng, das Neonlicht flackert und Fischstäbchen sind fast immer ausverkauft. Kein Ort für einen Jubeleinkauf.

Womöglich sind die Neubewohner aber auch nur so fröhlich, weil sie hier in Wilmersdorf wieder auf die wahre Welt treffen. Wie sagte mir eine zugezogene Mutter begeistert: "In unserem Haus gibt es noch alte Menschen. Das kannten wir vom Prenzlauer Berg nicht." Ja, es gibt alte, junge, arme, reiche, welche mit Hund und ohne, tätowierte, mit Dauerwelle, kinderreiche, kinderlose. Es gibt sogar echte Berliner hier, die sagen "jetze" und "Kaffe". Und wenn sie im Schnellbäcker auf eine berühmte deutsche Soulsängerin treffen, fragen sie nicht nach einem Autogramm, sondern muffeln unbeeindruckt: "Tun Se 'mal die Jacke weg, ick will ma setzen."

Allein drei Familien stellten sich beim Elternabend unseres Erstklässler-Sohnes mit den Worten vor: "Wir kommen aus Mitte und sind jetzt hergezogen." Klar - im Vergleich zu Mitte sind die Mieten niedriger, die Wohnungen aber schöner. Womöglich sind es die Zuzügler auch leid, ständig auf Überfüllung zu treffen: überfüllte Spielplätze, Kitas, Schulen. Zum Schaukeln kann man in Prenzlauer Berg eine Wartenummer ziehen. Und wer einmal eine Zweijährige von der Schaukel gepflückt hat, "weil die anderen Kinder auch mal schaukeln wollen", der wechselt lieber den Stadtteil, als das Geschrei noch mal zu ertragen.

Wir sind bald wieder zum Frühstück nach Prenzlauer Berg eingeladen. Wilmersdorf werden wir erwähnen. Mal sehen, wie die Reaktion diesmal ist.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher.