Interview

"All die Sehnsucht und die wunderbaren Wiedersehen!"

Seit elf Jahren ist Nancy Krahlisch mit einem Seemann zusammen. Ihr Mann Heribert Riesenhuber, ein Halb-Brasilianer, arbeitet als Kapitän auf einem Containerschiff und ist vier bis fünf Monate am Stück auf den Weltmeeren unterwegs, bevor er für zwei Monate nach Berlin kommt. Nancy Krahlisch hat ein Buch über ihre Partnerschaft geschrieben. Im Interview spricht sie über Tränen, Treue - und die Vorteile einer Fernbeziehung.

Berliner Morgenpost: Wie oft haben Sie das Schicksal verflucht, dass Sie sich während des Studiums ausgerechnet in einen Nautik-Studenten und zukünftigen Seemann verlieben mussten?

Nancy Krahlisch: Oft. Es gibt viele Momente, in denen ich mich frage, warum ich keine Beziehung führen kann, wie sie alle anderen auch haben.

Berliner Morgenpost: Sie sehen Ihren Mann höchstens vier Monate im Jahr. Er kommt weder an Weihnachten nach Hause noch an Silvester und oft auch nicht an seinem Geburtstag.

Nancy Krahlisch: Das ist etwas, an das ich mich nie gewöhnen werde. Auch das Abschiednehmen wird von Mal zu Mal schwieriger. Ich weiß ja mittlerweile, wie schlecht es mir in den darauffolgenden Monaten gehen wird und wie lang diese Zeit sein wird. Ich gehe dann immer viel mit meinen Singlefreundinnen aus, nur: Es werden von Jahr zu Jahr weniger Singlefreundinnen. Das macht es nicht besser.

Berliner Morgenpost: Wie bleiben Sie in Kontakt?

Nancy Krahlisch: Als Heribert anfing, zur See zu fahren, wurden E-Mails noch über den Satelliten geschickt und pro Zeichen abgerechnet, waren also sehr teuer. Außerdem landeten sie erst mal ausgedruckt auf dem Schreibtisch des Kapitäns. Da überlegt man schon, was man da so reinschreibt. Ich fing also an, per Hand Briefe zu schreiben. Jeden Abend einen. Das ist bis heute so geblieben. Ich erzähle ihm, wie mein Tag war, wie sehr ich ihn vermisse, und wenn es mir schlecht geht, beschimpfe ich ihn auch. Danach geht es mir besser. Die Briefe schicke ich an seine Reederei, die überbringt sie am nächsten Hafen, den sein Schiff anläuft. An Bord hat Heribert keinen Handyempfang, aber sobald er irgendwo an Land ist, telefonieren wir.

Berliner Morgenpost: Ist es manchmal auch toll, dieses eigenartige Leben zwischen Single und langjähriger Beziehung zu leben?

Nancy Krahlisch: Doch. Wir sind immer noch total verknallt. Eine Kollegin fragte mich neulich, ob wir wegen oder trotz dieser monatelangen Phasen, in denen wir uns nicht sehen, noch zusammen seien. Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, unser Modell würde vielen Paaren guttun. Viele meiner Freundinnen wünschen sich auch einen Seemann. All die Sehnsucht und die wunderbaren Wiedersehen! Und ehrlich gesagt sind wir uns nicht sicher, ob unsere Beziehung noch so gut funktionieren würde, wenn Heribert einen Job an Land hätte. Wir haben gar keinen gemeinsamen Alltag und ich bin nicht so naiv zu glauben, dass alles so bliebe wie bisher.

Berliner Morgenpost: Sie waren mittlerweile schon mehrmals mit auf See unterwegs. Hat das Ihr Verständnis für den Job Ihres Mannes beeinflusst?

Nancy Krahlisch: Ich verstehe ihn seitdem besser und kann nachvollziehen, was er an diesem Job so liebt. Die Weite des Meeres, die salzige Luft, die tollen Sonnenuntergänge ...

Berliner Morgenpost: Wie muss man sich den Alltag an Bord eines Containerschiffes vorstellen?

Nancy Krahlisch: Für einen Kapitän besteht die Arbeit hauptsächlich aus Papierkram: Er muss Regularien umsetzen, Formulare ausfüllen und E-Mails schreiben. Die Unterbringung hingegen ist ziemlich luxuriös. Heribert hat als Kapitän 40 Quadratmeter für sich, eine Zweizimmerwohnung mit Schreibtisch, Sofaecke, Fernseher, Kühlschrank und eigenem Bad.

Berliner Morgenpost: Und was gibt es zu essen?

Nancy Krahlisch: Es handelt sich um ein deutsches Schiff, daher gibt es deutsche Hausmannskost: Bratwurst, Sauerkraut, Frikassee.

Berliner Morgenpost: Eine reale Gefahr im Leben eines Seemanns stellen Piraten dar. Wie gehen Sie damit um?

Nancy Krahlisch: Wenn er in gefährdeten Gebieten unterwegs ist, leide ich doppelt. Zumal vor ein paar Jahren ein Schiff seiner Reederei gekapert wurde und die Mannschaft wochenlang in der Hand von Piraten war. Damit ich nicht allzu lange bangen muss, ruft er mich an und sagt: "Wir fahren jetzt rein" und versucht mich zu beruhigen, indem er mir erzählt, dass sie extra schnell fahren oder im Konvoi mit anderen Schiffen. Was leider nur sehr selten vorkommt. Wenn er wieder anruft und sagt, dass sie die Gefahrenzone verlassen haben, fällt immer sehr viel Anspannung von mir ab.

Berliner Morgenpost: So viel wie ein Seemann unterwegs ist: Fahren Sie noch gemeinsam in den Urlaub?

Nancy Krahlisch: Das ist ein schwieriges Thema. Wenn Heribert frei hat, möchte er seine Freunde und seine Familie sehen. Und eben alles machen, was er sonst nicht kann: auf dem Sofa sitzen und fernsehen, im Internet surfen, kochen. Ich hingegen spare meinen Urlaub auf für die Zeit, in der er zu Hause ist, und will dann wegfahren. Unser Kompromiss sieht so aus, dass wir seine Mutter in Brasilien besuchen, einen seiner Freunde in Norwegen oder eine meiner Freundinnen in Australien.

Berliner Morgenpost: Beschreiben Sie doch einmal die Zeit, in der Sie sich sehen.

Nancy Krahlisch: Ich hole ihn am Flughafen ab und heule wie verrückt. Er besucht seine Freunde und Familienmitglieder, den Rest der Zeit verbringen wir gemeinsam. Wenn Heribert zu Hause ist, ist er ein vorbildlicher Hausmann, kocht für mich und räumt die Wohnung auf.

Berliner Morgenpost: Gehen Sie Streit aus dem Weg, um die gemeinsame Zeit nicht zu vergeuden?

Nancy Krahlisch: Wir streiten schon, aber um zu sagen, ob es mehr oder weniger wäre, als wenn wir uns jeden Tag sähen, dazu fehlt mir die Vergleichsbasis. Auf jeden Fall sehe ich ihm mehr nach und verwöhne ihn auch. Meine Freundinnen warnen mich immer davor, einen Macho aus ihm zu machen.

Berliner Morgenpost: Ein beliebtes Klischee über den Seemann lautet, er hätte in jedem Hafen eine andere.

Nancy Krahlisch: Da mache ich mir gar keine Sorgen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie kurz die Liegezeiten in den Häfen sind. Eine Beziehung zu unterhalten ist da nicht möglich. Klar gibt es in jedem Hafen entsprechende Etablissements, aber Heribert macht so etwas nicht. Das glaube ich ihm.

Berliner Morgenpost: Hin und wieder sind ja auch Frauen an Bord: Offizierinnen, Ingenieurinnen oder Azubis.

Nancy Krahlisch: Das macht mich wahnsinnig eifersüchtig. Es beunruhigt mich einfach sehr zu wissen, dass Heribert monatelang mit denen zusammen ist. Ich frage ihn dann, wie diejenigen aussehen und ob sie in Beziehungen sind. Das gibt mir etwas Sicherheit.

Berliner Morgenpost: Und Ihnen fällt es gar nicht schwer, während der Trennungszeit treu zu bleiben?

Nancy Krahlisch: Auch wenn das komisch klingt: gar nicht. Wenn er nicht bei mir ist, überhöhe ich ihn gedanklich. Ich hebe ihn auf einen dermaßen hohen Podest, dass kein anderer Mann an ihn herankommt.

Berliner Morgenpost: Ein anderes Problem, das sich stellt, sind Kinder. Sie wären den Großteil des Jahres über alleinerziehende Mutter.

Nancy Krahlisch: Am Anfang dachte ich, dass es mit diesem Mann unmöglich wäre, eine Familie zu gründen. Mittlerweile denke ich, andere Seemannsfrauen und Alleinerziehende haben das auch geschafft. Hinzu kommt: In traditionellen Beziehungen sieht der Vater die Kinder frühmorgens vor der Arbeit und an den Wochenenden. Bei uns wäre er dafür zwei Monate am Stück ganz für uns da. Ich glaube aber auch, dass Heribert in dem Moment, in dem wir beschließen, eine Familie zu gründen, aufhören würde, zur See zu fahren.

Berliner Morgenpost: Wünschen Sie sich das?

Nancy Krahlisch: Auf lange Sicht wünsche ich mir schon, morgens neben ihm aufzuwachen und abends mit ihm zu essen. Einen ganz normalen Alltag eben.

Berliner Morgenpost: Vergangenes Jahr haben Sie geheiratet. Das war Ihnen sehr wichtig.

Nancy Krahlisch: Ja, ich wollte das seit Jahren. Einerseits als Bekenntnis, andererseits wegen der Rechtssituation. Wenn Heribert etwas zugestoßen wäre, hätte ich als Freundin keinerlei Rechte gehabt. Er hatte immer gesagt, wenn er Kapitän würde, wolle er mich heiraten. Im August vergangenen Jahres war es dann so weit.

Berliner Morgenpost: Wie war die Hochzeitsreise?

Nancy Krahlisch: Wir waren zwei Tage lang an der Ostsee, dann musste Heribert wieder an Bord.