Interview mit Christian Bachmann

"Eltern wollen, dass ihre Kinder eine Top-Leistung bringen"

Es klingt zu schön, um wahr zu sein: Morgens eine kleine Pille - und aus dem schwierigen Zappelphilipp wird ein strebsamer Schüler. Nicole Dolif sprach mit PD Dr. Christian Bachmann, Oberarzt in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Charité, über leichtfertige Ritalinverschreibungen - und darüber, warum manche Kinder das Medikament ihr Leben lang brauchen werden.

Berliner Morgenpost: Früher hießen sie einfach Zappelphilipp. Heute sind die Kinder krank. Seit wann gibt es ADHS?

Christian Bachmann: Im Jahr 1978 wurde ADHS als Krankheit in den Diagnosekatalog aufgenommen. Aber schon in den 30er Jahren haben die beiden Berliner Psychiater Franz Kramer und Hans Pollnow als erste Wissenschaftler ein hyperkinetisches Syndrom bei Kindern beschrieben. Heute würde man sagen, ihre Patienten hatten ADHS.

Berliner Morgenpost: Und wann hat man angefangen, diese Kinder mit dem Wirkstoff Methylphenidat (MPH) zu behandeln?

Christian Bachmann: In den 50er Jahren probierte der Chemiker Leandro Panizzon mit dieser Substanz herum. Er testete das Resultat an seiner Frau Rita, die schon nach kurzer Zeit feststellte, dass sie mit dem Medikament besser Tennis spielte. Panizzon benannte das Medikament Ritalin - nach seiner Frau.

Berliner Morgenpost: Mittlerweile landen in Deutschland jedes Jahr fast 1,8 Tonnen MPH in den Körpern von Kindern. Vor knapp 20 Jahren waren es nur 34 Kilo. Wie ist dieser sprunghafte Anstieg zu erklären?

Christian Bachmann: Das hat mehrere Gründe. Zunächst einmal wollen die Eltern, dass ihre Kinder eine Top-Leistung bringen, um gut durchs Leben zu kommen. Der Druck ist da sehr hoch. Daran sind auch die Schulen schuld. Für sie sind Störenfriede schlecht für das Image, deshalb raten sie Eltern schnell zu einer medikamentösen Behandlung. Und die Ärzte tragen auch ihren Anteil bei. Ritalin wird oft zu leichtfertig verschrieben. Manchmal sogar, ohne dass es vorher eine richtige Diagnostik gab.

Berliner Morgenpost: Kann man denn ADHS zweifelsfrei diagnostizieren?

Christian Bachmann: Ganz leicht ist es nicht, es gibt Unschärfen in der Diagnostik. Denn die Krankheit ist nicht über Laborwerte oder auf einem Röntgenbild festzustellen. Es gibt bei ADHS nur eine klinische Diagnose. Für die müssen drei Dinge zusammen kommen: Impulsivität, Überaktivität und Unaufmerksamkeit. Erst dann spricht man von ADHS. Und dann gibt es ja auch noch unterschiedliche Abstufungen. Manche erfüllen alle Symptome, andere nur einige.

Berliner Morgenpost: Wie vielen Kindern kann man mit Ritalin helfen?

Christian Bachmann: Etwa 70 Prozent sprechen gut auf das Medikament an. Wir verschreiben es nur in Kombination mit einer Verhaltenstherapie. So steigen die Chancen, dass die Kinder mit zunehmendem Alter auf das Medikament verzichten können. Aber ein Teil der Kinder wird auch im Erwachsenenalter noch darauf angewiesen sein. Seit vergangenem Jahr ist MPH auch für Erwachsene zugelassen.

Berliner Morgenpost: Welche Nebenwirkungen hat der Wirkstoff?

Christian Bachmann: MPH macht nicht abhängig. Es kann allerdings das Wachstum verlangsamen, den Appetit mindern und zu Schlafstörungen führen. Manche Kinder werden auch stimmungslabil, weinen schnell. Dann muss das Medikament natürlich abgesetzt werden.

Berliner Morgenpost: Gibt es denn bei ADHS überhaupt Alternativen?

Christian Bachmann: Wenn der Leidensdruck bei den Kindern groß ist, sie in der Schule nicht mitkommen und keine Freunde haben, sollten sie schnell behandelt werden. Und zwar auch medikamentös. Bei leichteren Formen reichen manchmal auch einfach klare Strukturen zu Hause und viel Bewegung. Es gibt auch ein homöopathisches Mittel namens Zappeline. Und wir erforschen an der Charité gerade, ob Omega-III-Fettsäuren, also eine Nahrungsergänzung, sich positiv auf ADHS auswirkt.