ADHS

Eine Pille zum Glück?

Ritalin. Das Wort stand wie eine Drohung im Raum. Ihr Blick hing an den Lippen des Mannes im weißen Kittel, den man ihr als Experten für Kinder empfohlen hatte, die hyperaktiv sind und sich nicht lange auf eine Sache konzentrieren können.

Er presste die Fingerspitzen seiner Hände gegeneinander. Er wog den Kopf hin und her. Er sagte, dass auch er ihr nach zahlreichen Tests nicht erklären könne, warum es ihren Söhnen Tobi und Marius* so schwer falle, ruhig auf ihrem Platz zu sitzen. Möglicherweise litten sie an einer Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung , kurz: ADHS.

Claudia T. wollte das nicht glauben. Sie sagt, Marius verschlinge dicke Wälzer von Harry Potter. Die Jungs bauten stundenlang Raumschiffe aus Lego. Hänge die Konzentrationsfähigkeit nicht in erster Linie von der Motivation ab? Könne es nicht sein, dass die Jungs einfach nur unreif seien? Die Antwort hinterließ sie ratlos. "Könnte sein."

Claudia T. atmet einmal tief durch, bevor sie von dem Moment erzählt. Zum ersten Mal riet ihr ein Experte, wozu sie eine Lehrerin ihrer Söhne schon seit Monaten gedrängt habe. Dass sie nämlich versuchen sollte, ihre Jungs mit einem Medikament in den Griff zu bekommen. Ritalin.

Claudia T. sagt, ihr Mann sei zwar Arzt, doch wie das Medikament genau wirke, das die einen als Dope verteufeln und die anderen als Motivationspille feiern, das wisse sie nicht.

Rauschgift für Kinder

Doch schon alleine die Vorstellung, dass sich im Hirn ihrer Kinder ein Wirkstoff ausbreite, der sonst als Rauschgift konsumiert werde, sei für sie der blanke Horror gewesen. Wer könne ihr denn garantieren, dass ihre Söhne nicht davon abhängig würden? Was wisse man schon über die Nebenwirkungen? "Das ist doch ein Kokainderivat, kein Kaffee."

Claudia T. hält kurz inne. Ein Häuschen mit Garten in einer Kleinstadt im Norden Brandenburgs, Vogelgezwitscher dringt durchs geöffnete Fenster, Wiesen rundherum. Die 45-Jährige schenkt Tee ein. Eine resolute Frau, die die Dinge auf den Punkt bringt.

Familie T. hat sich gegen das Medikament entschieden. Das ist über ein Jahr her. Inzwischen ist die Diagnose ADHS vom Tisch. Tobi, lange Zeit das Sorgenkind der Familie, geht wieder gerne zur Schule. Statt Vieren und Fünfen schreibt er jetzt Zweien und Dreien.

Wer sieht, wie sicher er eben noch mit seiner Mutter ein Referat über Elefanten vorbereitet und Informationen aus dem Internet auf wesentliche Stichpunkte reduziert hat, käme nicht im Traum auf die Idee, dass mit dem Elfjährigen irgendwas nicht stimmen könnte.

Tobi hat weder die umstrittene Pille geschluckt noch sich einer Verhaltenstherapie unterzogen. Claudia T. sagt, sie hätte ihren Job als Bankkauffrau aufgegeben und sich bewusst für den beschwerlicheren Weg entschieden.

Und dann sei etwas passiert, was sie ihrem Ziel schlagartig näher gebracht habe: "Tobi hat eine neue Lehrerin bekommen."

Sie macht eine Pause, um sich Luft zuzufächeln. Die Sorge um die Kinder ist nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Ein Schulwechsel nach der 1. Klasse, Spießrutenlaufen in der neuen Schule, eine Odyssee von Arzt zu Psychologe, Ergotherapie, der Druck der Lehrerin, ihrem Sohn Medikamente zu geben; eine wackelige ADHS-Diagnose. Was Claudia T. mit ihren Söhnen erlebt hat, darüber könnte sie ein Buch schreiben.

Rund fünf Prozent aller Menschen leiden an einer Störung, die der Münchener Verhaltenstherapeut Johannes Streif, 43, als eine Kombination von drei Symptomen definiert: "Erhöhte motorische Unruhe. Leichte Ablenkbarkeit. Mangelnde Impulskontrolle."

Streif gilt als Experte für den Umgang mit ADHS-Kindern. Er berät Selbsthilfegruppen in der ganzen Republik. Er sagt, die Störung sei zu 70 Prozent genetisch veranlagt und treffe Jungs häufiger als Mädchen. Nicht alle Kinder könnten Hilfe von ihrer eigenen Familie erwarten. "Viele Eltern finden erst durch ihre Kinder heraus, dass sie selber betroffen sind."

Die Geschichte von Familie T. fällt aus dem Rahmen. Sie erzählt von Eltern, die bis an die Grenze der eigenen Belastbarkeit gehen, um zu verhindern, dass ihre Kinder als Außenseiter abgestempelt werden.

"Mama, dürfen wir jetzt raus?" Tobi springt vom Tisch auf und schnappt sich den Anorak vom Haken. Er und sein Bruder toben sich beim Fußball aus. Der eine spielt Cello, der andere Gitarre. Es sind ganz normale Jungs - mit einem Unterschied: Ihr Hirn funktioniert anders als das Hirn anderer Menschen.

Die Zwillinge waren sechs Jahre alt, als ihnen eine Schulpsychologin bescheinigte, sie seien lernbehindert, bzw. minder-intelligent. So fing es an.

Claudia T. sagt, es sei ein Schock gewesen. Ihre Söhne kamen ein Jahr später zur Schule. Dabei, sagt sie, habe sie schon damals Zweifel an der Diagnose der Psychologin gehabt. "Die Jungs hatten einfach Angst davor, alleine mit dieser Frau zu sein. Ich musste das Zimmer während des Tests verlassen. Sie waren wie blockiert."

Die Berliner Kinderärztin Käte Niederkirchner, 68, kennt dieses Gefühl. Sie sagt, sie leide selber an ADHS und könne sich deshalb gut in ihre Patienten hineinversetzen. Wenn sie unter Stress stehe, dann mache sich eine Leere in ihrem Kopf breit, die verhindere, dass sie einen klaren Gedanken fassen könne. Die Worte sprudeln aus ihr heraus.

Wer sie so reden hört, kann sich kaum vorstellen, dass auch sie Phasen erlebt, in denen sie nach ihrem IPhone greifen muss, um sich mit To-do-Listen über ihre Blackouts zu retten. Sie sagt, es sei wie mit einem Computer, der sich vorübergehend aufhänge. Der Cursor rühre sich nicht mehr vom Fleck, da könne man noch so verzweifelt auf der Tastatur herumhacken. "Es ist, als ob Sie für einen Moment im Dunkeln stehen."

Niederkirchner hat sich zur Kinderpsychotherapeutin fortgebildet, um sich auf die die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS zu konzentrieren. Das hat sich herumgesprochen. Die Patienten ihrer sozialpsychiatrischen Praxis in Lichtenberg kommen aus ganz Berlin und von weiter her. Von ihrem Erfahrungsschatz profitieren auch Schulen. Käte Niederkirchner bildet Lehrer zum Thema ADHS fort.

Die Medizinerin weigert sich, von einer Krankheit zu sprechen. Sie sagt, erstens sei es unmöglich, eine glasklare Diagnose zu treffen, weil sich das Hirn ihrer Patienten ja noch reife und die Übergänge fließend seien.

Und zweitens könne man die Betroffenen nicht über einen Kamm scheren. "ADHS und ADHS und ADHS - das ist jedes Mal etwas anders."

Käte Niederkirchner sagt, Fälle wie den von Familie T. kenne sie aus ihrer eigenen Praxis. Lehrer, die Eltern drängten, ihren Kindern Ritalin verschreiben zu lassen - in der Hoffnung, dass dann wieder Ruhe in den Unterricht einkehre. Doch so leicht sei das eben nicht. "Ein Hirn ist kein Auto, bei dem man sagen kann: Da wackelt ein Teil - und das kann man auswechseln."

Ritalin, ja oder nein? Der Streit über diese Frage hat Züge eines Glaubenskrieges angenommen, seit das Medikament 1993 auf den deutschen Markt kam. In jenem Jahr verkauften Apotheken 34 Kilogramm. 2009 wurde schon das Fünfzigfache davon umgesetzt.

Diese Zahl versetzte Psychologen in Alarmbereitschaft. Es hieß, das Raster für die Diagnose von ADHS sei zu grob. Die Maßstäbe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) orientierten sich an Symptomen, die man nur beobachten aber nicht messen könne. Das öffne dem Missbrauch Tür und Tor. Schon 2001 befand der Bremer Psychologie-Professor Dietmar Heubrock: Von zehn Zappel-Kindern mit der Vordiagnose ADHS litten nur zwei tatsächlich an einer Störung.

Beruhigung für die Eltern

Inzwischen hat sogar das Bundesinstitut für Arzneimittel eingeräumt, dass es eine "Fehl- und Überversorgung" mit den Pillen gibt - und die Bedingungen für die Verschreibung verschärft. Seit 2009 dürfen Ritalin und andere Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat (MPH) nur dann verordnet werden, wenn andere Therapien nicht greifen.

Die Vorschrift verpuffte jedoch wirkungslos. Bei der Deutschen Angestellten -Krankenkasse (DAK) heißt es, der Verbrauch von Ritalin steige weiter an. In ihren Patientenakten wollen die Versicherer sogar Indizien gefunden haben, die nahelegen, dass die Pille eher ehrgeizige Eltern beruhigen als überforderte Kinder stimulieren soll. Bei der DAK heißt es, besonders oft werde das Medikament kurz vor oder nach einem Wechsel auf eine weiterführende Schule verschrieben.

Da die Vergabe des Medikaments nicht kontrolliert wird, wird sich dieser Trend wohl noch verschärfen. Der Leistungsdruck steigt. Ritalin boomt.

"Pro Klasse haben wir inzwischen zwei ADHS-Kinder", sagt die kommissarische Leiterin der Astrid-Lindgren-Schule in Spandau, Edith Richter. Als eine der ersten Schulen in Berlin hat sie behinderte und lernbehinderte Kinder in den regulären Unterricht integriert. Das bringt der Schule zusätzliche Lehrer, und davon profitieren auch die Schüler mit ADHS.

Ob ein Arzt einem Kind Ritalin verschreibt, hängt auch von der Einschätzung der Lehrer ab. Auch ihr Urteil fällt bei der Diagnose ins Gewicht.

Edith Richter macht keinen Hehl daraus, dass von der stimmungsaufhellenden Wirkung der Droge auch das Kollegium profitiert. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Kinder damit von einem erheblichen Leidensdruck befreit wurden." Dank Ritalin könnten sich viele besser konzentrieren.

Schöne neue Welt? In ihrer Praxis wird Käte Niederkirchner mit der Schattenseite dieses Trends konfrontiert. Sie erlebt "überdosierte Kinder", die sich wie "fremdgesteuert" bewegen. Sie kennt Schüler, die das Medikament einfach abgesetzt haben, weil sie die Nebenwirkungen nicht mehr ertragen haben. Appetitlosigkeit. Bluthochdruck. Reizbarbeit. Wachstumsstörungen. Dennoch mag Käte Niederkirchner nicht in den Chor derer einstimmen, die die Pille pauschal verteufeln. Sie sagt, in erster Linie gehe es ihr zwar darum, Kindern mit ADHS zu helfen, Stress abzubauen. Körperarbeit steht ganz oben auf ihrer Agenda. Ergotherapie. Eine Sportart wie Judo. Die Sportschule Randori in Steglitz bietet eigene Kurse für ADHS-Kinder an. "Das verbessert die Motorik und förderte die Konzentration", sagt Sportlehrer Stephan Steigmann.

Eine Lichttherapie, die das Hirn in einen trance-ähnlichen Zustand versetzt. Oder eine Magnetfeldtherapie, die den Stoffwechsel anregt und das individuelle Stressempfinden lindert. Das sind so Strategien, die Käte Niederkirchner an ihren Patienten ausprobiert.

Erfolg habe sie damit aber nur bei einem Drittel ihrer Patienten, sagt die Ärztin. Die anderen behandele sie mit Ritalin - vorausgesetzt, sie seien damit einverstanden. Glaubt man der Ärztin, dann nehmen nur zwei Prozent ihrer Patienten die Pille als Erwachsene. Die anderen lernten, sich mit ihren Eigenheiten zu arrangieren.

Einer, der das Medikament täglich einnimmt, ist Malte von der Astrid-Lindgren-Schule in Spandau, elf Jahre alt, von seiner Mutter liebevoll "mein Duracell-Häschen" genannt. Tatsächlich sprudelt Malte über vor Energie. Dass er manchmal nicht weiß, wohin damit, merkt man, wenn er einem seine Trommelstöcker zeigt. Einer ist kürzer als der andere. Malte sagt: "Den einen habe ich an einem Brückengeländer zerkloppt."

Malte ist der jüngste von drei Brüdern. Ein aufgeweckter Junge, der Besuchern unaufgefordert ein Ohr abquatscht. Nicht nur bei ihm, auch bei seinen Brüdern Hagen und Erik haben die Ärzte ADHS diagnostiziert. Alle drei haben die Störung von ihrer Mutter geerbt.

Marianne J. sagt, sie erkenne sich selber in ihren Söhnen wieder. "Meine Mutter hat auch immer gesagt: Mädel, wie gut, dass dein Kopf angewachsen ist." Vergessene Turnbeutel. Quassel-Anfälle. Die Unfähigkeit, sich lange auf eine Sache zu konzentrieren. Diese Probleme sind ihr vertraut.

Inzwischen hat sie ihren Job als Medizinisch-Technische Assistentin an den Nagel gehängt, um nur noch für die Kinder da zu sein. ADHS-Mama, ein Fulltime-Job.

Die 43-Jährige weiß, wie das ist, wenn sich die gefürchtete Leere im Hirn breitmacht. Sie sagt: "Um zu funktionieren, schreibe ich mir alle wichtigen Dingen auf Zettel - zum Beispiel: Müll rausbringen!"

Es ist ein Job, der viel Kraft kostet. Sie sagt: "Es ist, als ob Dich jemand bittet, einen Marathon zu laufen. Und manchmal fragst du dich: Wie lange schaffst du das noch?"

Zuletzt ist sie von Pontius zu Pilatus gerannt, um ihren 14-jährigen Sohn Erik auf einem Internat für ADHS-Kinder mit Leserechtschreibschwäche im Harz unterzubringen. Die eine Hälfte der Schulgebühren trägt das Jugendamt, die andere Hälfte die Familie. 750 Euro kostet das im Monat. Urlaube sind seither nicht mehr drin. "Doch das ist es uns wert", sagt ihr Mann Matthias, der die Familie als Entwicklungsingenieur ernährt. Erik ist hochbegabt. "An einer normalen Schule wäre er untergegangen."

Er und Malte nehmen Ritalin. "Ich merke davon nichts", sagt der Elfjährige. "Nur, dass ich oft keinen Appetit habe."

Seine Eltern glauben, es besser zu wissen. Sie bestätigen, was die Lehrer von der Astrid-Lindgren-Schule sagen: Dass sich Malte seither im Unterricht besser konzentrieren könne. Mit dem Medikament alleine, sagt Marianne J., sei es jedoch nicht getan. "Das hilft den Kindern nur, wenn das Umfeld stimmt." Das haben sie und ihr Mann in einem Eltern-Training gelernt. Ein strukturierter Alltag. Feste Regeln. Eine konsequente Erziehung. Und unendlich viel Liebe und Geduld. Nur dieser Weg führe zum Ziel.

Hagen hat das Ritalin inzwischen wieder abgesetzt. Er besucht heute das Gymnasium. Dass er an ADHS leidet, merkt man ihm nicht an. Er sagt, seine Klassenkameraden seien aus allen Wolken gefallen, als es neulich herauskam. Er lächelt kokett.

Es geht ihm da wie Christoph Lauer, dem bildungspolitischen Sprecher der Piraten-Partei im Berliner Abgeordnetenhaus. Er verkündete neulich öffentlich, dass er 27 Jahre alt war, als ihm sein Arzt Ritalin verschrieb. Sein Outing dürfte anderen Mut machen, sich aus ihrer Schäm-Ecke heraus zu trauen. "Ich habe ADHS - und das ist auch gut so."

* Namen der Familie geändert

"Ich habe ADHS - und das ist auch gut so."

Christoph Lauer, bildungspolitischer Sprecher der Piraten-Partei