Mamas&Papas

Hochbegabt im Krisensport

Wir sind erfolgsorientierte Eltern. Ruhm, Ehre und Reichtum, die wir nicht geschafft haben, müssen unsere Kinder hinbekommen.

Angesichts überlanger Bildungspfade orientieren wir uns wieder einmal Richtung Leistungssport. Sporttrainer sind ohnehin ideal, weil sie von Amts wegen brüllen dürfen und damit Erziehungsarbeit abnehmen. Grundsatzfrage: Teamsport oder Individualsport? Seit Jahren feilen wir mit hohem emotionalem Verschleiß am Kraularmzug, deswegen wäre nun eine Mannschaftsdisziplin an der Reihe. Im Fußball gibt es zu viele Gute, lieber ein Krisensport. Dem darbenden deutschen Handball könnte man mit einem rauflustigen Fast-Siebenjährigen aufhelfen. Für Olympia 2024 planen wir eh Rente. Als Jubelpersonal mit Perücke, Tröte und albern bemaltem Bettlaken wären wir die Zierde jeder Tribüne. Der Bengel soll ja nicht nur sein Studium finanzieren, sondern auch seine Eltern.

Von Schöneberg bis Olympia ist es zwar ein ziemlich weiter Weg, doch ohne nennenswerte Trainingseinheiten wurde unser Spross dennoch unlängst zu seinem ersten Turnier eingeladen. Eine handballerische Hochbegabung? Oder waren einfach nur zu wenig Knirpse und vor allem deren Eltern bereit, an einem sehr frühen Sonntagmorgen bis ins äußerste Lichtenrade zu fahren? Der Sport hieß "Handball", war aber nicht gleich als solcher zu erkennen. Ein Dutzend Kinder kugelte fröhlich durch die Halle, manchmal bekam tatsächlich jemand den Ball zu fassen. Es hätte auch Bodenturnen sein können, Fangen, waldorfsches Namenstanzen oder Federball, wenn Schläger im Spiel gewesen wären. Regeln wurden trotz hektisch trillerndem Schiedsrichter weitgehend ignoriert. "Hau ihn um, Bronco!", brüllte eine Mutter von der Galerie so laut, dass Bronco die Anweisungen des Trainers gar nicht verstand. Wieder einmal mussten wir fest stellen, dass wir Rabeneltern sind. Broncos Truppe war mit Campinggestühl angerückt, Thermoskanne und großen Mengen Süßigkeiten, die vor allem an jene Athleten ausgegeben wurden, die die meiste Zeit auf der Bank gehockt hatten. Außerdem fehlte unserem Hans eine medienfreundliche Tüpfelhyänen-Frisur. Vielleicht hatte sich der adipöse Zwergspandauer aber auch nur im Unterzuckerwahn einen Becher Kuhfleckenpudding über den Kopf gegossen. Ganz wichtig: Die Video-Kamera. Damit wurde jeder Schritt der kleinen Talente aufgezeichnet, inklusive eines professionellen Aufsagers vor der Halle. Der Hintergedanke ist klar. Wenn Bronco wider Erwarten 2024 in die Sportschau eingeladen wird, weil er im olympischen Finale das Siegtor erzielt hat, dann werden genau diese historischen Wackelbilder eingespielt werden. Und wir haben keine.

Nächstes Mal bringen wir gleich ein ganzes TV-Team mit. Und Rolf Töpperwien, der die Leistung unseres Jungen gleich mal richtig einordnet. So leicht lassen wir uns nicht aus der Nationalmannschaft drängen.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann.