Interview mit Max Kruse

"Ich wollte das Urmel nie loswerden"

Die Geschöpfe, die er sich ausdachte, sind bekannter als ihr Schöpfer selbst. Allen voran das Urmel, dieses lispelnde, liebenswerte Wesen, das aus einem über Jahrtausende tiefgefrorenen Dinosaurier-Ei schlüpfte, aber eher als Kreuzung zwischen Nilpferd und Dinosaurier durchgehen könnte.

Seit 1969 das erste Urmel-Buch erschien und das grüne Tierbaby in der Augsburger Puppenkiste auftrat, hat es bis heute Millionen Kinder und ihre Eltern begeistert. Weniger bekannt ist der Urmel-Erfinder Max Kruse selbst. Erst galt er als Sohn der berühmten Puppenmacherin Käthe Kruse, später dann als Vater des Urmel. Max Kruse als Person trat nur selten in den Vordergrund. Heute ist er 90 Jahre alt, lebt zurückgezogen in Bayern, schreibt aber immer noch. Erst im vergangenen Jahr kamen sein neuestes Kinderbuch "Das silberne Einhorn" und seine Autobiografie "Im Wandel der Zeit. Wie ich wurde, was ich bin" heraus. Im Gespräch mit Annette Kuhn erzählt Max Kruse, der heute bereits Urgroßvater ist, über sein Leben, seine Familie und wie Geschichten die Entwicklung von Kindern prägen.

Berliner Morgenpost: Wenn Sie zurückblicken auf ihre 90 Lebensjahre - was war das wichtigste Ereignis in Ihrem Leben?

Max Kruse: Die Antwort wäre leicht, wenn ich sagen würde, meine Geburt und diese Eltern. Vielleicht sollte ich sagen: als ich das erste Buch in die Hand bekam. Aber ich will die Zeiten mit meinem Sohn, als ich meine Frau kennenlernte, als ich mit der Augsburger Puppenkiste zusammenkam, nicht auslassen. Ich glaube indessen, es gibt im Leben eines Menschen nicht nur ein wichtigstes Ereignis, sondern deren viele, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man es betrachtet.

Berliner Morgenpost: In Ihrer Autobiografie erzählen Sie vor allem von Ihrer Kindheit. Hat diese Zeit für Sie im Alter an Bedeutung zugenommen?

Max Kruse: Ich glaube nicht - denn darauf folgten so viele verschiedene Epochen, die jede für sich ihre prägende Bedeutung hatten. Aber ganz natürlich denkt man im Alter besonders oft an seine Kindheit.

Berliner Morgenpost: Worauf sind Sie stolz in Ihrem Leben?

Max Kruse: Stolz ist mir fremd. Wir Menschen sind alle Produkte unserer Gene und unserer Umwelt. Ich hatte ein reiches, privilegiertes Leben, schon vom Elterhaus her. Dafür kann ich nichts, das ist nicht mein Verdienst. Wobei ich "reich" nicht materiell verstehe, sondern reich an Erlebnissen, Begegnungen, Erfahrungen.

Berliner Morgenpost: Sie werden gern "Vater des Urmels" genannt. Wollten Sie das Urmel auch mal abschütteln?

Max Kruse: Nein, ich wollte das Urmel nie loswerden. Ich bin sogar glücklich darüber, dass das Urmel viel bekannter ist als ich. So genieße ich die Vorzüge seiner Beliebtheit, ohne dabei den Nachteilen des Ruhmes, also den vielen Belästigungen, ausgesetzt zu sein.

Berliner Morgenpost: Viele Kinderbücher kommen und gehen. Das Urmel ist jetzt 43 Jahre alt. Was ist zeitlos an ihm?

Max Kruse: Ist es zeitlos? Es wird vergehen wie alles andere. Gewiss hat es nun schon lange gelebt. Es kam vielleicht zum richtigen Moment und sprach die Herzen der Menschenkinder an. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Man soll nicht versuchen, seine eigenen Werke zu interpretieren. Das geht immer schief. Es genügt, sich zu freuen.

Berliner Morgenpost: Als Sie das Urmel aus dem Eis schlüpfen ließen, hatten sie da seine Abenteuer schon alle im Kopf?

Max Kruse: Erst kam die Idee vom Urtier aus dem Eis. Dann, was passieren könnte, wenn es in unsere Zeit hineingeraten sollte, dann die Frage, wohin und zu wem... So entwickelte sich der Plot. Lange habe ich auch über den Namen nachgedacht. Dinos gab es schon zu viele. Also musste etwas anderes her. Mein Rat an alle jungen Autoren: "Lasst eure Fantasie laufen!"

Berliner Morgenpost: Wie sind Sie Kinderbuchautor geworden?

Max Kruse: Meine Mutter wollte mit einer ihr befreundeten Farbfotografin 1947 eine Serie von Kinderbilderbüchern schaffen, deren Helden besonders gekleidete Puppen sein sollten. Mich baten die beiden Frauen, ihnen ein "modernes Märchen" zu schreiben. Das tat ich dann auch. So gesehen war "Der Löwe ist los" im Grunde eine Auftragsarbeit. Dass das Buch 1952 allerdings nicht mit den Puppenfotos verlegt wurde, sondern mit gezeichneten Illustrationen, war eine wirtschaftliche Entscheidung des Verlegers. Der Vierfarbdruck der Fotos wäre damals noch zu teuer gewesen.

Berliner Morgenpost: In Ihrer Autobiografie schreiben Sie, Ihre Mutter hat sich gewünscht, dass aus all ihren Kindern etwas Großes wird und sei zunächst nicht begeistert darüber gewesen, dass Sie Kinderbücher schreiben. Wie haben Sie sie überzeugt?

Max Kruse: So ernst war das von meiner Mutter nie gemeint. Es hat da nie Auseinandersetzungen gegeben. Sie war doch viel zu klug, als dass sie nicht gewusst hätte, dass sich jeder Mensch nur aus sich selbst heraus entwickeln kann, und nicht nach den Wünschen anderer. Zwar hat sie den Erfolg des Urmel leider nicht mehr erlebt, aber sie wäre glücklich darüber gewesen.

Berliner Morgenpost: Als Zwölfjähriger hatten Sie viel Muße, sind nicht zur Schule gegangen. Ihre Eltern schätzten klassische Schulbildung ohnehin gering, schreiben Sie. Eine solche Haltung ist für Eltern heute undenkbar. Wird der Wert der Schulbildung heute überschätzt?

Max Kruse: Das ist ja eine laufende Debatte. Auch ich meine, dass die Erziehung zu Kreativität heute wichtiger ist als das Pauken von Wissen. Ich denke, die neuen Medien werden ganz von selbst Änderungen erzwingen.

Berliner Morgenpost: Wie prägen Kinderbücher die Entwicklung?

Max Kruse: Darf ich prägen mit einem T versehen: Wie prägten sie die Entwicklung? Denn für heute wüsste ich nicht, inwieweit Kinderbücher, angesichts der Vielfalt neuer Medien, noch prägend sein können. Geschichten, gleich in welchem Medium, werden sicher immer eine prägende Wirkung entfalten, wenn die Geschichte mit ihren Helden, die Handlung und der innere Gehalt den Wünschen, Interessen und der Fantasie der kleinen Leser entsprechen und sie begeistern.

Berliner Morgenpost: Welches Kinderbuch hat Sie vor allem in Ihrer Kindheit beeinflusst?

Max Kruse: Das würde eine lange Liste, wollte ich keinem Unrecht tun. Auch die Kindheit kennt die verschiedensten Phasen, in denen jeweils andere Bücher die wichtigsten sind. Mit neun war Siegfried mein Held, mit zehn Old Shatterhand und Winnetou - Und ab zwölf konnte ich schon den halben Faust auswendig.

Berliner Morgenpost: In den 70er-Jahren haben Eltern ihren Kindern das "Urmel" vorgelesen, dieselben Kinder haben das Buch auch ihren Kindern vorgelesen. Inwieweit stärken Kinderbücher die Familienbande?

Max Kruse: Das könnte das Thema einer Doktorarbeit sein. Gleiche Interessen und gleiche Lieben, Begeisterung für das Gleiche, sind immer starker Seelenklebstoff.

Berliner Morgenpost: Gab es solch ein Buch in Ihrer Familie?

Max Kruse: Na, da würde ich mal sagen: Wilhelm Busch, den die Mutter besonders liebte und gerne vorlas.

Berliner Morgenpost: Wie haben Sie ihre Kinder an Bücher herangeführt?

Max Kruse: Indem ich sie ihnen geschenkt und auch daraus vorgelesen habe. Etwas später, nämlich bei Karl May, brach die Lesewut bei meinem Sohn von alleine aus.

Berliner Morgenpost: Haben Ihre Kinder Sie zum Schreiben Ihrer Bücher angeregt?

Max Kruse: Nein. Als ich "Der Löwe ist los" schrieb, hatte ich noch keine Kinder. Und am Urmel ist mein Sohn auch nur sehr indirekt beteiligt, insofern, als ich daran dachte, ihm und mir zum Abendessen tief gefrorene Forellen zu kochen. Die Kühltruhe brachte mich auf den Gedanken, wie es wäre, wenn ein Tier aus der Urzeit im Ei eingefroren die Jahrtausende überstanden hätte und heute ausgebrütet werden würde. Das war die Geburtsstunde des Urmel.

Berliner Morgenpost: Welche Rolle spielt für Sie die Familie?

Max Kruse: Wie immer und überall: Die wichtigste. Ohne Familie ist der Mensch verloren, es sei denn, sie wird für ihn zum Fluch. Darüber könnte man lange reden.

Berliner Morgenpost: Sie haben gerade Ihre Autobiografie geschrieben. Gibt es weitere Buchprojekte?

Max Kruse: Jede Menge. Manche schmoren so vor sich hin, manche beginnen zu glühen. Ich muss mich selbst überraschen lassen. Zurzeit hoffe ich auf einen Erfolg meines jüngsten Kindes, "Das silberne Einhorn", das ich besonders liebe. Es ist ein Buch für die ganze Familie und fürs ganze Leben.