Bildung

Ein 19-Jähriger als Lehrer

Marvin setzt sich zwischen seine Schüler. Es ist gemütlich im Klassenzimmer, die Sonne scheint herein, der Beamer summt vor sich hin. Die Kinder lauschen gespannt seinem Vortrag und beantworten jede seiner Fragen bereitwillig und so gut sie können. Obwohl es um ein komplexes, naturwissenschaftliches Thema geht und sie erst zwischen neun und elf Jahren alt sind - es kommt an bei ihnen, und das liegt vor allem an Marvin.

Der 19-Jährige ist kein Lehrer. Er ist ein "Bufdi", jemand, der Bundesfreiwilligendienst (BFD) leistet. Heute geht es im Schüler-Workshop im Meteum Treptow wieder um Bionik, Marvins Spezialgebiet. "Es ist richtig cool, was sich in der Natur für komplizierte Sachen entwickelt haben", sagt Lorna (11). "Marvin erklärt es ausführlich, aber irgendwie viel netter als ein Lehrer." Dafür, dass er sogar ein Konzept entwickelt hat, wie man Kindern Bionik besser vermitteln kann, wurde Marvin von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) ausgezeichnet. Er hat beim Wettbewerb "Entdecke die Vielfalt" den "Preis der Teilnehmer" gewonnen. Sein Gewinn: 150 Euro und Bildungsmaterialien zum Umweltschutz. Und die kann er gut gebrauchen.

Vom Marienkäfer zum Solarmodul

Der junge Steglitzer arbeitet 38 Stunden pro Woche für das Meteum, ein Projekt des "Technischen Jugendbildungsvereines in Praxis" (TJP), der Jugendlichen oder benachteiligten Menschen bei der beruflichen Orientierung hilft. Zwei Standorte hat der Verein, einen in der Wuhlheide und einen in Treptow. Der Schwerpunkt liegt bei naturwissenschaftlicher und technischer Bildung. Meteum bedeutet "Mensch, Technik, Umwelt" - eine Themenkombination, die Marvin liegt.

Aus einem ovalen, grünen Papier hat er ein Riesenbuchenblatt gefaltet. Er zeigt den Kindern, wie es zusammengefaltet Platz spart und wie groß seine Fläche ist, wenn es sich entfaltet. Die Mädchen folgen ihm mit ihren Blicken. "Das hat man sich bereits für Sonnenschirme abgeguckt", sagt er. "Viel bahnbrechender ist aber so eine Entwicklung hier." Er hält ein geknicktes Papier hoch - ein Modell eines dünnen Marienkäferflügels. Er ist ein Vorbild für viele technische Elemente, die nachhaltig und ressourcenschonend sein sollen, zum Beispiel Solarmodule in der Raumfahrt. Lorna entdeckt Falten auf dem vergrößerten Bild eines Libellenflügels. "Falten in der Natur haben wichtige Funktionen, zum Beispiel Stabilität und Bewegungsausrichtung", erklärt Marvin.

Im vergangenen Sommer hat er am Beethoven-Gymnasium Abitur gemacht. Seine Leistungskurse waren Biologie und Englisch. Weil er nach der Schule nicht gleich mit dem Studium anfing, wollte er die Zeit "mit etwas Sinnvollem" überbrücken. "Die Schule bereitet einen nicht gut auf das Berufsleben vor", sagt er. "Auch Laborpraktika im Studium sind kein wirklicher Ersatz." Er sah sich daher Broschüren über das "Freiwillige Soziale Jahr" oder das "Freiwillige Ökologische Jahr" an, die viele in seinem Alter nach dem Abitur in gemeinnützigen Initiativen absolvieren. Auch für ihn wäre es eine Alternative gewesen. "Aber ich bin froh, dass ich hier gelandet bin. Ich kann vielleicht etwas bewirken, was noch länger anhält."

Bis er ein Studium aufnimmt, will er nun Einblick ins Bildungswesen bekommen ohne den Umweltaspekt aus den Augen zu verlieren: "Bildung für nachhaltige Entwicklung nennt man eine solche Kombination offiziell", erklärt Marvin. "Ein langer Begriff, für etwas, das Spaß macht. Ich will mich einfach engagieren und dabei etwas lernen." Über die Internetseite des TJP kam Marvin auf das Meteum. 175 Euro im Monat verdient er nun. "Das ist natürlich bei weitem nicht so viel, wie ich früher für den Zivildienst bekommen hätte. Aber es ist ja auch nicht für immer." Was er studieren will, weiß er noch nicht so genau. "Etwas, das mit nachhaltiger Entwicklung zu tun hat, interessiert mich sehr. Zum Beispiel die Studienrichtung Umweltwissenschaften."

Spätestens zum kommenden Wintersemester will er mit dem Studium beginnen, vielleicht später mal in Stiftungen arbeiten, die sich mit Umweltaspekten beschäftigen. Ihn lässt die Idee der sinnvollen, nachhaltigen Entwicklung auf dem Planeten nicht los. "Ich habe eine bestimmte ethische Vorstellung, wie man mit der Umwelt umgehen sollte und ich möchte einen Beruf haben, der sie mit einschließt." Und mit seiner Faszination nachfolgende Generationen anstecken, so gut er kann.

Verständlich erklären

Seit 2011 spricht er deshalb im Meteum mit Kindern über Physik. Zu ihm kommen meistens Schulklassen. Es falle ihm nicht schwer, mit Schülern zu arbeiten, erklärt er. Früher hat Marvin Nachhilfe gegeben. Sich möglichst verständlich auszudrücken, hat er dabei geübt. Im Meteum hat er bei einer Lehrerfortbildung mitgemacht - aber nicht als Zuhörer. Er versuchte, den Lehrern zu erklären, wie man Kindern am besten Bionik vermittelt. "Das war eigentlich eine komische Situation, aber es hat auch Spaß gemacht." Eine Ausnahme, denn meistens steht er vor jungem Publikum. Er ist nur knapp zehn Jahre älter als die Kinder, mit denen er heute spricht.

"Es ist leichter, Wissen im Dialog zu vermitteln, statt in einer Vortragssituation", sagt er. Thea (10) beobachtet ihn. "Er könnte Lehrer werden", sagt sie. "Eigentlich ein richtig guter, vor allem weil er sich zu uns setzt und nicht vorne steht. Außerdem versteht man ihn." Marvin stellt sich auf die Kinder ein, Begriffe wie "kinetische Kopplung" kommen heute nicht vor. Er versucht nicht, dick aufzutragen. Auch damit gibt den Kindern viel mit auf den Weg.