Ratgeber

Wie gehen wir mit dem "unsichtbaren Freund" unserer Tochter um?

Unsere sechsjährige Tochter Tanja ist in der ersten Klasse und hat vor Weihnachten wieder angefangen, mit ihrem eingebildeten Freund zu sprechen. Wie dachten eigentlich, das wäre vorbei, nachdem sie in den Kindergartenjahren sehr viel mit "Tim" zu tun hatte. Wir fragen uns, wie man sich das erklären kann und ob wir jetzt etwas unternehmen müssen? Andreas P., per E-Mail

Der so genannte Fantasiegefährte ist ein häufiges Phänomen. In den USA wurden über 300 Beschreibungen von Fantasiegefährten ausgewertet: Es gibt völlig unsichtbare und solche, die auf Spielsachen, Puppen und Plüschtieren beruhen. Nur ein Drittel der befragten Kinder hat einen sichtbaren Fantasiegefährten beschrieben. Von den Unsichtbaren wiederum ist der größte Teil ein ganz normales (aber eingebildetes) Mädchen oder Junge, etwa im gleichen Alter wie das Kind, eben "ein guter Spielkamerad". Insofern hat dieses Verhalten die Funktion eines Rollenspiels, in dem wichtige soziale Eigenschaften wie "sich in andere hineinzuversetzen" geübt werden. Es handelt sich dabei um eine interessante Variante im Rahmen der natürlichen Entwicklung wobei die Kinder hier die wichtige Funktion des "Als-ob-Spiel" fantasievoll ausprobieren. Bei Tanja ist interessant, dass sie dieses Zwischenstadium eigentlich schon abgelegt hatte und jetzt wieder damit hervorkommt. Es ist natürlich zu vermuten, dass im Rahmen der sogenannten Schwellensituation: "Eintritt in die Schule" einfach neue Belastungen wieder mit Mitteln verarbeitet werden, die eigentlich einem früheren Lebensalter entsprechen. Das ist nicht ungewöhnlich, dass Kinder den Schuleintritt mit Mechanismen von früher verarbeiten. Typische Beispiele sind erneutes Bettnässen oder andere Formen von kleinkindhaftem Verhalten. Versuchen Sie, mit Tanja vorsichtig über Tims Rolle ins Gespräch zu kommen und ihr den Übertritt von der Fantasie in die Realität zu erleichtern. Sie können fragen, ob Tanja gemerkt hat, dass der Name des Freundes den gleichen Anfangsbuchstaben hat? Wo sind weitere Ähnlichkeiten? Sie selbst können bemerken, dass der Fantasiegefährte ein Junge ist und überlegen, dass vielleicht das Bedürfnis nach mehr väterlichem Zuspruch bei der "Eroberung der Welt (sprich: Schule)" dahintersteckt. Das besprechen Sie aber nicht mit Tanja, sondern fassen dies bitte einfach als Aufforderung an den Vater auf.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charit, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

Morgen berät Sie Dr. Heidemarie Arnhold zu Erziehungsfragen. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an: familie@morgenpost.de