Mamas & Papas

Kinder zwischen Scham und Schuld

Kulturanthropologen unterscheiden zwischen Schamkultur und Schuldkultur. Die Zonen der Schamkultur liegen weit weg von uns - der Nahe Osten gehört dazu, aber auch weite Teile Asiens.

Im Grunde alle Weltgegenden, in denen Großfamilien und strenge Sittengesetze vorherrschen. Die Schuldkultur findet sich dagegen vor unserer Haustür, sie gilt als abendländisch. Europa, Amerika - dort, wo es individuell wird. Wir als Familie müssen allerdings nicht durch die Welt jetten, um auf diese Kulturen zu treffen. Wir haben beide unter einem Dach. Jetzt zu Karneval wurde das wieder überdeutlich.

Fangen wir mit der Schamkultur an. Der Sohn ging als Fußballer, was kein überraschendes Kostüm war. So läuft er jeden Tag rum. Damit er bei der Klassenfeier wenigstens ein bisschen jeck aussah, schlug ich ihm vor, die Haare mit Gel hochzukämmen. "Wie der Reus." Den Fußballer Reus findet er gut, also rein mit dem Zeug. Bald hatte er einen stattlichen Hahnenkamm auf dem Kopf. "Hervorragend", meinte ich. "Ich muss das überprüfen", antwortete er und ging zum Spiegel. Ein Blick, und sein Mund wurde schmal. Wenn er die Lippen einzieht, schämt er sich. "Das geht so nicht", sagte mein Sohn und angelte sich den Kamm. "Halt, halt", rief ich, "schau mal hier im Internet, so sieht der Reus aus." Aber reale Fakten spielen bei Anhängern der Schamkultur keine große Rolle. Unser Sohn beharrte: "Das ist nicht Reus, das ist peinlich." Schwupps, war die Frisur zerstört. Nun sah er aus wie Julius Cäsar. Die Haare im Wet-Look akribisch nach vorne in Stirn und Schläfen gekämmt. Kein Fußballer würde freiwillig so rumlaufen. Aber er fand sich super.

Unsere Tochter dagegen ging als Schlumpf. Sie hatte eine Schlumpfmütze auf dem Kopf, Gesicht und Ohren waren blau angemalt, dazu ein blaues Shirt und eine weiße Strumpfhose. Der Po war ausgestopft. Außerdem schaute ein kleiner blauer Stummelschwanz hinten raus - eine sehr süße Verkleidung, aber man muss schon schamfrei sein, um so in der eigenen Klasse aufzutauchen.

Die Karnevals-Klassenfeier verlief ganz prima, es wurde viel getanzt zum Schlumpfenlied. Großes Buffet, Spiele, Party-Stimmung. Als ich sie nachmittags abholte, war sie noch komplett verkleidet und blau. So gingen wir in den Supermarkt. "Soll ich dir deine Lieblingskekse kaufen?", fragte ich sie. "Mama", sagte sie vorwurfsvoll, "das lohnt sich doch gar nicht. Aschermittwoch ist Karneval vorbei und dann beginnt die Fastenzeit. Ich verzichte dieses Jahr auf Süßigkeiten." Sonst fastet niemand in der Familie. Aber so ist das halt in der Schuldkultur - erst lässt man es ordentlich krachen, dann zahlt man brav den Preis. Währenddessen resümierte auch der Sohn den Verlauf des Tages: "Ein anderer aus der Klasse war auch Fußballer - der hatte keine lange Unterhose an. Sind lange Unterhosen eigentlich peinlich?"

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher.