Interview mit Hartmut Kasten

Große Zuneigung und etwas Gift

Schwestern haben oft eine besonders starke Bindung. Sie sei meist stärker als die zwischen Brüdern, sagt der Psychologe und Pädagoge Hartmut Kasten. Der 66-Jährige ist Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und hat sich intensiv mit der Beziehung zwischen Geschwistern beschäftigt.

Berliner Morgenpost: Wie unterscheiden sich die Beziehungen von Schwestern und Brüdern?

Prof. Hartmut Kasten: Man kann die Besonderheiten von Schwestern-Beziehungen besser verstehen, wenn man schaut, wie Mädchen im Gegensatz zu Jungen erzogen werden. Noch immer wird Jungen eine gewisse Missbilligung entgegengebracht, wenn sie zarte Gefühle äußern, wenn sie überhaupt ihre Gefühle nicht kontrollieren. Bei Mädchen hingegen werden gerade Gefühle erwartet, man fordert von ihnen, dass sie kommunikativ sind, dass sie auf andere eingehen. Und sie bekommen viel eher Trost als Jungen, wenn sie mal nicht so gut drauf sind. Das spiegelt sich auch in der Geschwisterbeziehung wider. Schwestern fällt es leichter, sich mitzuteilen und zuzuhören. Über diesen Austausch, über das Kennenlernen der eigenen und der anderen Person, wächst eine große Nähe und das Gefühl, sich ähnlich zu sein. Wie Untersuchungen gezeigt haben, ist die genetische Ähnlichkeit zwischen Schwestern, die etwa 50 Prozent beträgt, längst nicht so ausschlaggebend wie die persönlich erlebte Ähnlichkeit.

Berliner Morgenpost: Gibt es einen Altersabstand, bei dem die Schwesternbeziehung am besten funktioniert?

Prof. Hartmut Kasten: Am stärksten profitieren Schwestern voneinander, wenn zwischen ihnen ein Altersabstand von ungefähr drei Jahren liegt. Da hat sich die Große schon von der Symbiose mit der Mutter abgenabelt und ist meist schon im Kindergarten. Sie hat daher weniger das Gefühl, dass die kleine Schwester ihr etwas wegnimmt. Dennoch ist der Altersunterschied so gering, dass eine große Nähe möglich ist und sie sich viel miteinander beschäftigen können.

Berliner Morgenpost: Große Schwester - kleine Schwester: Was zeichnet diese Rollen aus?

Prof. Hartmut Kasten: Die kleine Schwester akzeptiert meist bereitwillig, dass die ältere Bescheid weiß und ihr zeigen kann, wo es langgeht. Es ist auch zu belegen, dass ältere Schwestern beim Spracherwerb eine wichtige Rolle spielen können. Aber genauso profitiert auch die große Schwester von ihrer Tutorenrolle.

Berliner Morgenpost: Später kann diese Rollenverteilung aber stören, irgendwann will die Kleine nicht mehr von der Großen die Welt erklärt bekommen.

Prof. Hartmut Kasten: In der Tat. Mit dem Älterwerden verschwimmt der Altersabstand, doch viele Schwestern bleiben trotzdem in ihren Rollen. Das kann Spannungen hervorrufen. Auch hier ist es wichtig, darüber zu sprechen. Meist helfen ein, zwei Gespräche, um die Konstellation wieder ins Gleichgewicht zu bringen und sich auf Augenhöhe zu begegnen. Schwierig wird es, wenn diese Rollen fest betoniert sind und die Schwestern noch mit 50 Jahren in ihren Rollen verhaftet sind. Häufig haben auch die Eltern ihren Anteil daran. Nicht selten sehen sie in ihren Kindern Zeit ihres Lebens die Kleinen und die Großen und knüpfen daran bestimmte Erwartungen. Auf die Geschwisterbeziehung wirkt das wie ein Gift.

Berliner Morgenpost: Wie zeigt sich das?

Prof. Hartmut Kasten: Es kann eine vorhandene Rivalität verstärken oder sogar auslösen. Kinder fühlen sich benachteiligt, bis ins Erwachsenenalter hinein.

Berliner Morgenpost: Aber Schwestern können ja auch ohne Einfluss der Eltern fies zueinander sein.

Prof. Hartmut Kasten: Ja, je enger die Beziehung, desto stärker vergleichen sich Schwestern meist auch. Und da finden sie Dinge, die ihnen Verdruss bereiten können. Die eine Schwester empfindet die andere als attraktiver oder charakterlich stärker. Auch Statusunterschiede können hier eine Rolle spielen, zum Beispiel wenn die eine beruflich mehr Erfolg hat als die andere. Während Brüder diesen Konkurrenzkampf oft mit Aggression austragen, läuft das zwischen Schwestern viel subtiler ab. Gerade weil sich Schwestern so gut kennen, sind sie seelisch nackt voreinander. Das eröffnet ihnen viele Möglichkeiten, sich zu verletzen. Ich nenne das die dunkle Seite der Schwesternbeziehung. Gesellschaftlich ist sie wenig akzeptiert, aber normal. Und ich rate Schwestern, offen darüber zu reden - selbst wenn es Mut erfordert. Eine offene Sprache ist das Lebenselixier einer guten Schwesternbeziehung.