Familie

Schwestern: Zwischen inniger Liebe und Rivalität

Als Kinder streiten sie um die Lieblingspuppe, als Teenager konkurrieren sie erbittert vor dem Spiegel, als Erwachsene haben sie manchmal jahrelang keinen Kontakt zueinander - aber wenn es dann darauf ankommt, sind sie doch füreinander da. Sie brauchen nicht viele Worte, die gemeinsamen Erinnerungen und Erlebnisse sind ihre Basis. Annette Kuhn hat drei Berliner Schwesternpaare besucht.

Mascha Hümpel (l.) und Birte Dobriloff

Birte Dobriloff und Mascha Hümpel blättern in einem Fotoalben aus den 80ern. "Das gibt's doch gar nicht", sagt Mascha, "auf fast allen Bildern sind wir zusammen drauf". Aneinandergeschmiegt in der Hängematte, beim Sandburgbau am Strand, in der Badewanne, immer wieder in der Badewanne. "Wieso erstaunlich?", fragt Birte, "wir haben doch wirklich die ganze Zeit miteinander verbracht". Trotz ihrer viereinhalb Jahre Unterschied haben sie ihr Spielzeug geteilt, hat Birte die kleine Schwester mit zu ihren Freundinnen genommen, haben sie später mit Leidenschaft vor dem Fernseher Jane Fondas Fitnessprogramm durchgearbeitet und sich dabei kaum halten können vor Lachen. Es waren wohl immer die gleichen Verrenkungen, die sie losprusten ließen, als hätten sie sich verabredet.

Vielleicht ist dies das größte Geheimnis ihrer Beziehung. Dass beide Schwestern über die gleichen Dinge lachen - und weinen können.

An Heiligabend zum Beispiel: "Kaum geht die Musik los, läuft es schon bei uns", erzählt die 35-jährige Birte. Oder bei ihrer Hochzeit: Mascha hatte eine Rede gehalten, "obwohl ich überhaupt keine Reden halten kann", sagt die kleine Schwester. Und schon bei den ersten Worten verschwamm die Hochzeitsgesellschaft vor den Augen von Braut und Schwester. So viele Tränen sind aber nicht typisch für Birte und Mascha. Meist dominiert das gemeinsame Lachen.

Die Innigkeit zwischen den Schwestern war nur unterbrochen, als Mascha 14, 15 Jahre alt war. "Da hatte ich meine Revolution", bekennt die 30-Jährige heute, "ich rebellierte gegen alles, das Elternhaus, die Schule". Eine mühsame Zeit, auch für die große Schwester, "da drang ich einfach nicht zu ihr durch". Und so recht konnte Birte auch nicht nachvollziehen, gegen was sich Mascha eigentlich auflehnte. "Ich bin durch die Pubertät so durchgerutscht", sagt sie, die - klassisch für eine große Schwester - die Vernünftigere war. In dieser Zeit gingen die Schwestern aber ohnehin eigene Wege. Eine 14- und eine 19-Jährige bauen keine Sandburgen mehr zusammen, planschen nicht mehr gemeinsam in der Badewanne.

Irgendwann waren Maschas "wilde Jahre" dann auch vorbei. Und wie von allein war der Draht zwischen den Schwestern wieder da. Die beiden gingen oft zusammen weg, hatten viele gemeinsame Freunde. Wenn sie heute überlegen, was sie vor allem zusammengeschweißt hat, fällt ihnen der Griechenland-Urlaub vor zehn Jahren ein: zwei Wochen Kreta, all inclusive. Nur Sonne, Bücher und Musik. Mehr brauchten sie nicht. Ein Verstehen ohne Worte. Dabei reden sie gern miteinander. "Wir erzählen uns alles - und gerne", sagt Mascha, "es gibt wohl keinen anderen Menschen, der mehr über mich weiß als Birte".

Jede Männergeschichte wird en detail erzählt, und klar war es Mascha, die Birte anrief, als sie vor sechs Jahren zum ersten Mal schwanger war. Ihrem Mann wollte sie die freudige Botschaft nicht einfach so am Telefon überbringen, aber irgendjemandem musste sie sich sofort mitteilen, sonst wäre sie wohl geplatzt. Das war wieder so ein Moment, wo bei den Schwestern die Tränen flossen, Freudentränen. Sie können sich aber auch kritisieren. "Also, dieses Foto, das Birte zuerst auf Facebook hatte, das ging ja gar nicht", sagt Mascha. Und was die Schwester sagt, zählt, daher hat Birte ein anderes herausgesucht. In puncto Klamotten sind die beiden ihre besten und zugleich strengsten Ratgeber. Selbst Birtes Hochzeitskleid durfte die kleine Schwester mit aussuchen.

Inzwischen wohnt Mascha Hümpel in München, seit drei Jahren. 600 Kilometer liegen zwischen den Schwestern. Die Trennung fiel ihnen nicht leicht. Aber trotzdem ist ihre Beziehung heute nicht weniger innig. "Es vergeht keine Woche, in der wir nicht mindestens einmal miteinander telefonieren oder zumindest mailen", sagt Mascha. Und wenn sie in Berlin ist, dann verbringt die kleine viel Zeit bei der großen Schwester, in deren inzwischen vierköpfiger Familie. Birtes Kinder sind viereinhalb Jahre auseinander. Das ist kein Zufall. "Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass dies für Mascha und mich der richtige Altersabstand war", sagt Birte, "daher wollte ich den auch für meine Kinder". Nur sind es bei ihr nicht zwei Schwestern, sondern große Schwester - kleiner Bruder.

Dagmar Simon (o.) mit Sylvia Ehrlich

Zehn Jahre haben sie kaum ein Wort miteinander gesprochen, sich nicht gesehen. Eine Zeit, an die die beiden Schwestern heute nicht mehr gern zurückdenken. Und so eine lange Funkstille ist auch kaum vorstellbar, wenn man sieht, wie vertraut und selbstverständlich die beiden miteinander umgehen. Dabei liegt die Zeit der Trennung noch gar nicht so lange zurück. Seit fünf Jahren haben Dagmar Simon (61) und Sylvia Ehrlich (58) erst wieder Kontakt - seit die kleine Schwester plötzlich mit einer Reisetasche in der Hand vor der Tür der großen Schwester stand. Aber der Reihe nach.

Dagmar und Sylvia: Das war einmal eine ganz normale Schwesternbeziehung. Viel Innigkeit, ein bisschen Rivalität. Die Große kümmerte sich um die Kleine, die beiden verbrachten viel Zeit miteinander. Das allerdings wollte erst gelernt sein. Als Dreijährige konnte Dagmar nämlich mit dem schreienden Bündel, das da auf einmal aufgetaucht war, nur wenig anfangen. Dabei hatten ihre Eltern ihr versprochen, sie bekäme jemanden zum Spielen. Und nun so etwas. "Die hat nicht mit mir gespielt, die hat mich immer nur angeschrien." Hinzu kam, dass Dagmar bis dahin das erste Enkelkind in der Familie gewesen war und natürlich bei jeder Feier im Mittelpunkt gestanden hatte. Baby Sylvia hatte sie nun vom Thron gestoßen. Zur "Strafe" biss die große der kleinen Schwester einmal in den Finger. Heute, 58 Jahre später und in der Gewissheit, dass dieser Biss keine wirkliche Tragweite hatte, können Dagmar Simon und Sylvia Ehrlich über diese Episode lachen.

Was ihre Beziehung wirklich belastete, begann erst 30 Jahre später. Beide heirateten, jede der Schwestern bekam zwei Kinder, die eine lebte in Berlin, die andere in der Lausitz. Anfangs sahen sie sich noch häufig, doch Sylvias Mann gefiel das nicht. "Er wollte nicht, dass ich zu meiner Familie Kontakt hatte", sagt Sylvia Ehrlich. Er wollte seine Frau für sich, hegte Misstrauen gegen die Schwester, war eifersüchtig auf die Nähe zwischen ihnen. Kein Einzelfall: Ein häufiger Grund für den Bruch zwischen Geschwistern sind die Partner. Und meist ist der Einfluss der Partnerschaft dann stärker als die Geschwisterbande. So zählte auch für Sylvia Ehrlich mehr, was ihr Mann sagte. Den Bruch mit der Schwester nahm sie dabei in Kauf, "auch wenn ich mich immer nach ihr gesehnt habe".

Nach vielen Jahren und mehreren Anläufen nahm Sylvia Ehrlich aber schließlich ihren Mut zusammen und trennte sich von ihrem Mann. Fuhr nach Berlin und stand 2006 auf einmal vor der Tür der schwesterlichen Wohnung in Marzahn. "Dagmar war meine erste Anlaufstelle - wo hätte ich sonst hingehen sollen?", sagt Sylvia Ehrlich. Die Schwestern fielen sich in die Arme, wie selbstverständlich half die große der kleinen, Wohnung und Arbeit zu finden. Dennoch, die ersten Wochen waren nicht leicht, gibt Dagmar Simon zu: "Sylvia glaubte, unsere Beziehung laufe einfach weiter, aber über die Jahre hatten sich viele Missverständnisse aufgebaut." Viel geredet haben sie. Um diese Missverständnisse auszuräumen, um sich wieder neu zu entdecken. "Ich glaube, in den drei ersten Nächten haben wir 30 Jahre aufgearbeitet."

Heute sehen sich die beiden Schwestern mehrmals in der Woche. Sylvia Ehrlich kommt mal kurz nach der Arbeit bei ihrer Schwester vorbei, mittwochs gehen die beiden zusammen in den Sportverein. Dass ein anderer Mensch sie auseinander brachte, können sie sich im Rückblick zwar erklären, nachfühlen aber nicht. Sylvia lächelt ihre Schwester an und sagt. "Ich bin mir ganz sicher, dass niemand mehr das Band zwischen uns zerreißen könnte."

Madlen (r.) und Alys Burton

Bei Madlen (14) und Alys Burton (10) können schon mal die Fetzen fliegen. Vor allem, wenn die Kleine mal wieder den Nagellack geklaut hat. Aber meistens vertragen sie sich ganz schnell wieder. Echte Schwestern halt. Was die Beziehung zwischen den beiden ausmacht, beschreibt Madlen selbst. Sie war Schülerpraktikantin in der Familienredaktion der Morgenpost:

"Es gibt viele Sachen, die kann man nur mit einer Schwester machen. Obwohl mein Bruder nur ein Jahr jünger ist als ich, verbringe ich viel mehr Zeit mit Alys, auch wenn sie erst zehn ist. Schon als wir kleiner waren, habe ich viel mit Alys gemacht. Wir haben zusammen eine Quatschsprache entwickelt, die nur wir verstanden haben, oder haben in unserem Zimmer getanzt. Unser Bruder findet uns dann total peinlich. Das ist uns aber egal. Und natürlich würde Ben nie zum Shoppen mitkommen, aber mit Alys geht das prima. Nur haben wir oft den gleichen Geschmack. Das passt mir dann doch nicht, wenn wir mit den gleichen Klamotten rumlaufen. Zumindest die Farbe muss unterschiedlich sein. Meist kann ich mich aber als große Schwester durchsetzen und bestimme, wer welche Farbe nimmt.

Meistens läuft es sehr gut zwischen Alys und mir. Aber ein paar Dinge stören mich schon. Ziemlich oft geht sie einfach in mein Zimmer nimmt sich irgendetwas. Meistens Nagellack. Dabei durfte ich, als ich so alt wie Alys war, noch gar keinen Nagellack tragen. Das wurmt mich. Außerdem muss sie mich doch vorher fragen. Wenn ich ehrlich bin, mopse ich mir aber auch mal etwas von ihr, zum Beispiel ihren CD-Player. Leider vergesse ich meistens, die CD hinterher wieder herauszunehmen. Und wenn Alys abends eine Geschichte hören will und meine Musik noch drin ist, weiß sie natürlich Bescheid. Das sind so Situationen, wo wir uns richtig streiten können. Meistens ergreife ich dann die Initiative und wir vertragen uns wieder. Manchmal schiebt mir Alys aber auch einen Entschuldigungszettel unter der Tür durch. Denn lange aushalten können wir es beide nicht.

Vielleicht streite ich mich aber auch mehr mit meiner Schwester, weil ich bei ihr schon genau schaue, ob sie mehr hat als ich oder mehr darf. Bei meinem Bruder ist mir das nicht ganz so wichtig. Wahrscheinlich ist das typisch für Schwestern. Zu Weihnachten hat meine kleine Schwester zum Beispiel ein Touch-Handy bekommen. Mit zehn Jahren! Dabei hatte ich bis zum vergangenen Jahr noch so ein ganz normales Handy. Wieso muss sie schon so früh so ein gutes Handy haben? Das finde ich richtig doof. Aber ich weiß auch, dass Alys vieles ungerecht findet. Zum Beispiel, dass sie immer früher ins Bett muss und ,Germanys next Topmodel' nur zur Hälfte sehen darf.

Manchmal ist das bestimmt nicht einfach, die kleine Schwester zu sein. Aber oft hat Alys auch viele Vorteile davon. Als sie in die Schule kam, fiel ihr das zum Beispiel zuerst gar nicht leicht, darum ist sie in den Pausen ganz oft zu mir gekommen. Ich glaube, da wäre sie nie auf die Idee gekommen, zu ihrem Bruder zu laufen. Das hat ihr irgendwie gut getan, bei mir zu sein und natürlich hätte ich sie dann auch nie weggeschickt.

Und mal ganz ehrlich: Es ist ja ein sehr schönes Gefühl, dass ich für Alys so wichtig bin. Und das gilt auch umgekehrt. Wenn es meine kleine Schwester nicht gäbe, würde mir ganz viel fehlen."