Ratgeber

Unser Sohn kaut an den Fingernägeln: Was steckt dahinter?

Unser Sohn Jan kaut mit sieben Jahren noch an den Fingernägeln. Er ist jetzt in der zweiten Klasse und die anderen Kinder lachen ihn oft aus. Ich denke aber, dass es übertrieben ist, dafür einen Psychiater zu befragen? Ina P., per E-Mail

Nägelkauen ist ein sehr häufiges Symptom was in einer Reihe von so genannten "Kinderfehlern" steht. Zu diesem bunten Strauß gehören weiterhin Kratzen, Nasebohren, Nächtliches Angst-Aufwachen ("Nachtschreck") Angeberei, Übertriebenes Naschen, Essstörungen, Geschwisterneid, Bettennässen, Trotz, Aggression und Faulheit - so wie es schon im "Struwwelpeter" beschrieben ist! Der "böse" Friedrich, die eigentlich ängstliche Pauline, der arme Daumenlutscher, der verzweifelte Suppenkasper, der hochtrabende (fliegende) Robert, der getriebene Zappelphilipp und der realitätsferne "Hans guck-in-die-Luft". Der Autor Hoffmann (er war Neurologe!) dachte bei seinen Geschichten zuallererst an seine eigenen Kinder und an deren Erziehung, hat aber mit heutigem Verständnis die Themen der Selbstentwicklung im Rahmen der engen und abhängigen Beziehung zu den Eltern aufgegriffen - wenn auch als sogenannte "Schwarze Pädagogik", die auf Schuld und Strafe basiert und nicht mehr opportun ist. In der Eltern-Kind-Beziehung wird aber anhand der pädagogischen Themen geklärt, was hinter den "Kinderfehlern" steckt: Angeberei weißt auf Selbstwertprobleme, Nägelbeißen auf innere Nervosität. Spielstörungen sind oft Themen der Verwöhnung und Naschen der Selbstverwöhnung. Faulheit kann auch ein Vorbote von Depression sein und aggressives Verhalten hat mit mangelndem Einfühlungsvermögen zu tun. Lügen deutet auf Realitätsverlust hin und Daumenlutschen kann auf ein Problem von angemessener Zuwendung weisen, der Daumen wird dann zum sogenannten "Übergangsobjekt". Oft verschwinden zwar die Symptome im Laufe der Jahre aber das neurotische Grundmuster bleibt bestehen Wenn dann im späteren Leben diese Grundmuster berührt werden, die schon in der Kindheit strukturiert wurden, können wie aus heiterem Himmel seelische Erkrankungen ausbrechen. Die Frage ist immer, ob eine einfache Klärung im Rahmen von Erziehungsproblemen möglich ist oder ob sich tiefer greifende Verhaltensmuster einschleifen.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charit, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

Morgen berät Sie Dr. Heidemarie Arnhold zu Erziehungsfragen. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an: familie@morgenpost.de