Pumuckl wird 50

"Ich wiiiiiilllll eiiiiiinen Keeeeeekssss haaaaben"

Gemeinhin wird die Stimme des Pumuckl Hans Clarin zugesprochen und der Pumuckl selber in München verortet, das ist aber viel zu kurz gegriffen. Man kann den Pumuckl wenigstens in seiner markerschütternden Form überall treffen, etwa im Supermarkt. Am vergangenen Sonnabend in der Kreuzberger Bergmannstraße stand der leibhaftige Pumuckl zwischen Brottheke und Kasse und brüllte um die schiere Existenz.

"Ich wiiiiiilllll eiiiiiinen Keeeeeekssss haaaaben" schrie der Pumuckl. Die Eltern waren ein wenig beschämt wie Meister Eder, wenn ihm angesichts der Turbo-Heulboje die Idee fehlt, was nun zu tun sei. Die Mutter zog gleich in Richtung Gemüse ab. Der Vater trat einen Meter näher an den Pumuckl heran. "Keeeeeeksssss haaaaben!!!!!" heulte es. Der Vater ging wieder zurück, unschlüssig, ob wahlweise die Flucht eine Möglichkeit wäre oder harsches Fortziehen. Es sollte letzteres sein. Bald wurde der Kreuzberger Pumuckl unsichtbar wie der echte. Der Ton blieb in der Luft hängen wie Parfum. Der Pumuckl trägt entweder "Egoiste", "Obsession" oder "Allure Homme".

Das Prinzip Feuerkopf

Beileibe ist der Pumuckl aber nicht bloß nervig und trotzköpfig und jederzeit bereit, sich aufzuregen wie eine Horde Schimpansen, denen die Kokosnuss geklaut wurde. Sonst würden wir den rothaarigen Klabautergeist ja nicht mögen. Also nicht bloß Kinder. Auch Erwachsene. Denn das Prinzip Feuerkopf steckt in fast jedem Zeitgenossen, und oft genug möchten wir aus eher nichtigem Anlass an die Decke gehen. Keeeks hin oder her, der Pumuckl ist uns gut abgeschaut. Seine Selbstverliebtheit und seine unbeirrte Überzeugung, im Recht zu sein, kommen in den besten Familien vor. In diesem Licht betrachtet, war etwa der Mailbox-Anruf des Ex-Bundespräsidenten beim "Bild"-Chef eine echte Pumuckltat.

Jetzt aber zum echten Pumuckl.

Der schrie zu allererst "Pumuckl neckt, Pumuckl versteckt, niemand entdeckt!", weil er doch am Leimtopf hängen geblieben war in der Werkstatt vom Schreiner Eder. Anderenfalls wäre der Pumuckl unsichtbar geblieben. So aber trafen die beiden im Hörspiel "Spuk in der Werkstatt" aufeinander und blieben fortan beisammen. Die erste Folge sendete der Bayerische Rundfunk im Radio am 21. Februar 1962, also heute vor 50 Jahren. Der Schauspieler Hans Clarin (1929-2005) jauchzte, heulte und greinte damals schon den Pumuckl, er hat sich später gelegentlich beschwert, der Klaubauterton gehe ihm doch sehr auf die Stimmbänder. Aber natürlich war da ein unverwechselbares Duo entstanden.

Die Münchnerin Ellis Kaut, geboren 1920 in Stuttgart, betreute damals Kindersendungen beim Bayerischen Rundfunk, sie erfand den Quälgeist und nannte ihn Pumuckl nach der Verniedlichung von Nepomuk. Der Namensvater Johannes von Nepomuk war ein kirchenpolitischer Aufrührer des 14. Jahrhundert. Eigentlich meinte Kaut aber ihren Ehemann, dem sie der Legende nach in der Schweiz beim Skiurlaub einen Schneeball nachgeworfen hatte mit dem Wort, er sein ein "rechter Pumuckl". Auch deshalb wirft der Pumuckl in der Werkstatt mit allem, was nicht festgenagelt ist.

Ellis Kaut, mittlerweile 91 Jahre alt, wehrt sich ein wenig gegen das Geburtstagsgedenken. "Er ist nicht von dieser Welt", sagt sie jetzt, habe deshalb keinen Wiegentag. Ein Geistwesen, fern von Menschenriten. 1970 lief im Radio eine Folge, da erklärte der Pumuckl, er wäre "genau vor siebzigdreizehn Jahren" geboren, als von 83 Jahren. Bei seinem ersten Erscheinen hätte er demnach sein eigenes Renteneintrittsalter gehabt. Die Sache ist kompliziert und verrückt wie die Sprache des Pumuckl.

Dass es in den letzten Jahren ruhig um den Pumuckl geworden ist, hat auch mit seiner Erfinderin zutun. Mehrfach hat Kaut sich gestritten, vor allem mit der Grafikerin Barbara von Johnson, die 1965 den Kobold zeichnete und deshalb Urheberrechte besitzt. Einmal ging es um die Frage, ob Pumuckl männlich oder weiblich ist, Kaut beharrte auf die Geschlechtslosigkeit. Ein anderes Mal musste das Münchner Landgericht entscheiden, ob der Pumuckl eine Freundin habe darf. Kaut sagte Nein. Der Richter erlaube es dennoch.

Das führte alles in allem dazu, dass es weder neue Geschichten gibt, noch nennenswerte Vermarktung, die ein Interesse am Erhalt voraussetzt. Man darf sagen, dass die Renitenz der Schriftstellerin der Renitenz ihrer Schöpfung kaum nachsteht. Ein bayerischer Schreinermeister, der Pumuckl ein Museum widmen wollte, bekam umgehend Post vom Anwalt der Zeichnerin. Bitte ohne Bilder. Der Pumuckl würde sich im echten Leben über den Schnickschnack sicher köstlich erregen.

Die Figur ging den klassischen Weg über die Hörspiele, Schallplatten, Bücher bis zum Kinofilm von 1982 und danach der Fernsehserie mit 52 Folgen. Da erst bekam Meister Eder mit Gustl Bayrhammer seine gültige Gestalt, er hatte zuvor den Part für Schallplatten gesprochen, war nach seinem Tod 1993 nicht zu ersetzen. Ellis Kaut hatte schon 1973 versucht, den Pumuckl zu den Klabautermännern zu schicken. Es gab wegen der letzten Radiofolge "Pumuckl geht aufs Meer zurück" wütende Proteste und Kinderweinen, die Sendung wurde fortan nicht mehr ausgestrahlt.

So ist der Pumuckl versteckt, versteckt, wird von niemandem entdeckt. Necken hilft wenig. Aber die Geschichten seinen Kindern vorlesen ist weiter fein. Denn das Hin und her zwischen dem kindlichen Kasper und dem gesetzten Alleinstehenden mit Großvaterallüren sind allemal hübsch und gar nicht so verstaubt. Dann merkt übrigens ein jeder, wie sehr die Stimmbänder drangsaliert werden beim "Huii" und "Buhuuu" und dem heißspornigen Krächzen. Immer Volldampf voraus wie auf hoher See.

Er habe, hat Ellis Kaut nun über den Pumuckl erklärt, seine "eigene Art der Vernunft". Man kann also auch Mitleid und Verständnis haben für die vielen kleinen Pumuckls in den Häusern, auf den Straßen und Spielplätzen. Vernunft ist nämlich das höchste Gut des Bürgers, der wir gerne wären. Juchu!