"Erzählpaten"

Es fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen

68 Jahre ist es her, aber für Hans Bergfeldt fühlt es sich an, als wäre es gestern gewesen. Die Augen des 86-Jährigen werden feucht, als er über das spricht, was er Weihnachten 1943 erlebt hat.

Als junger Marinesoldat, gerade mal 18 Jahre alt, ist er zu seinem ersten Einsatz ausgefahren. Tausende Kilometer entfernt von seiner Heimat, noch hinter dem Nordkap, ist seine Truppe auf dem Zerstörer Z 38 stationiert, als Unterstützung für das Schlachtschiff "Scharnhorst". Es ist für Hans Bergfeldt der erste Heiligabend ohne seine Eltern. Hans Bergfeldt erinnert sich noch an die Ruhe, die am 24. Dezember über dem Nordmeer liegt. Er erinnert sich, wie er in der Nacht an der Reling des Schiffes steht, in völliger Dunkelheit, nur in der Ferne einige Lichter. Ein Moment des Friedens inmitten des Krieges.

Doch die Ruhe trügt. Nicht einmal zwei Tage später wird der junge Hans Bergfeldt Augenzeuge, wie die "Scharnhorst" im Gefecht mit den Briten untergeht und 1900 Soldaten, fast die gesamte Besatzung, sterben. Hans Bergfeldt versagt kurz die Stimme. Dann stößt er hervor: "Das war das Schrecklichste, was ich jemals erlebt habe." Es ist ein Wunder für ihn, dass er selbst am Leben geblieben ist. Einem Zufall habe er das zu verdanken: "Unser Zerstörer war nicht auf dem Radar der Briten und blieb daher unversehrt."

Authentische Berichte

Wenn Hans Bergfeldt spricht, rückt die Vergangenheit sehr nah heran. Heute leben kaum noch Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs. Und die wenigen, die noch erzählen können, kommen viel zu selten zu Wort. Doch das Bewusstsein dafür, wie wichtig es ist, die authentischen Erlebnisberichte festzuhalten, wächst. Tagebücher werden ausgegraben, es gibt Zeitzeugenbörsen und Angebote, die erlebte Geschichte auf Papier oder CD festzuhalten. Und es gibt das "Erzählpaten"-Projekt.

Dabei werden Senioren aus Berlin, die in den 20er-Jahren geboren wurden, mit jungen Schriftstellern zusammengebracht, die deren Lebensgeschichte literarisch umsetzen. Initiiert wurde das Projekt von der Berliner Schriftstellerin Larissa Boehning, und es war eine Seniorin selbst, die sie auf die Idee gebracht hat. Sie kam in eine der Schreibwerkstätten von Larissa Boehning, weil sie ihre Kindheitserinnerungen aufschreiben wollte. Doch bald ging es der Frau gesundheitlich schlechter, sie bat Larissa Boehning, das Schreiben zu übernehmen. "Fasziniert hat mich vor allem dieses unmittelbare Erzählen", beschreibt Larissa Boehning, "dabei entstand das Bild eines Lebens, das man sich nicht besser ausdenken könnte."

Die Begegnung mit der Seniorin nahm Larissa Boehning zum Anlass, mehr Erzähltandems zu bilden. Sie holte sich drei andere Berliner Autoren mit ins Boot, beantragte Fördergelder und suchte in einer Berliner Seniorenresidenz Bewohner, die bei dem Projekt mitmachen wollten. Anfangs erfuhr sie oft Skepsis. "Viele Senioren konnten nicht glauben, dass sich jemand für ihr, wie sie sagten, ,kleines' Leben interessieren würde", erinnert sich Larissa Boehning. Schließlich haben aber doch zehn Senioren mitgemacht. Darunter auch Hans Bergfeldt.

Dem 86-Jährigen war gleich klar, wem aus dem Autorenteam er sich mitteilen wollte: Daniel Klaus. "Das war ja der einzige Mann, ansonsten waren da nur Weibsen", erzählt Hans Bergfeldt lachend. Mit seinem Impuls lag er richtig - vor allem wohl, weil die Chemie zwischen beiden stimmt. Pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt erschien der Schriftsteller im vergangenen Sommer in der Seniorenresidenz. "Und während ich mir noch überlegte, wie ich Hans Bergfeldt zum Reden bringen könnte, legte der einfach los", berichtet Daniel Klaus.

Zu erzählen hatte der Senior eine Menge. Schon früher hat der 86-Jährige mit Hilfe seiner Frau einen dicken weißen Ordner zusammengestellt, mit 80 ordentlich getippten Schreibmaschinenseiten Lebensgeschichte, Dokumenten und Fotos aus der Vergangenheit. 1925 geboren, wuchs Hans Bergfeldt zunächst in Berlin auf, seine Eltern betrieben in Pankow ein kleines Lebensmittelgeschäft. Mit Berlin verbindet Hans Bergfeldt auch seine erste Erinnerung: "Ich hatte ein grünes Dreirad, damit fuhr ich immer draußen herum. Einmal entdeckte ich einen Luftballonverkäufer. Die Traube bunter Ballons faszinierte mich so sehr, dass ich dem Mann folgte. Immer weiter, bis ich mich nicht mehr auskannte." Seine Eltern hat der damals Dreijährige in Angst versetzt, aber alles ging gut aus und die Erinnerung an den "Lalong"-Mann bringt noch heute ein Strahlen in sein Gesicht.

Die nächste Erinnerung ist schmerzhafter: Der Laden der Eltern ging pleite, die kleine Familie musste mehrfach umziehen. Schließlich landete der Vater in einem Sägewerk, und ein Jahr lang lebte der kleine Hans in einer Hütte mitten im Wald. Dann zogen die Bergfeldts nach Deutsch Krone, heute Walcz, in Westpommern. Vieles war fremd hier für den kleinen Großstädter. Er sagt heute selbst: "Ich war ein schwieriges Kind." Er wechselte die Schulen, wurde schließlich mit 17 Jahren zur Musterung geschickt. Er kam zur Marine und wurde in Flensburg ausgebildet. Im Schnelldurchlauf, denn junge Soldaten wurden gebraucht. Der 17-Jährige war neugierig. Doch schon wenige Wochen später erlebte er die Schrecken des Krieges am Nordkap.

Daniel Klaus hört staunend zu, wenn Hans Bergfeldt spricht. "Meine Großväter sind früh gestoben, da war ich noch nicht mal in der Pubertät und habe mich für die Vergangenheit nur wenig interessiert, und meine Großmütter waren beide schweigsam", erzählt der 39-Jährige. Den Krieg kannte er bislang nur aus Büchern und Filmen. Umso mehr beeindrucken ihn die Berichte von Hans Bergfeldt. Berichte, die er nun literarisch umgesetzt hat. Insgesamt fünfmal trafen sich die beiden im Apartment von Hans Bergfeldt, am Schluss las der Schriftsteller dann dem alten Mann vor, was er aus den Berichten gemacht hatte. "Das war eine ganz intensive Stimmung", erinnert sich Daniel Klaus, "ich las die Geschichte eines Vierjährigen in Ich-Form vor, der mir jetzt als 86-Jähriger gegenübersaß".

Auch für Hans Bergfeldt war das ein berührender Moment. Sein ganzes Leben zog noch einmal an ihm vorbei. Der Augenblick größter Freude, als sich die Familie nach Jahren der Trennung endlich 1945 wieder in die Arme fiel. Aber auch die Angst um die Mutter. Sie war schwer an Typhus erkrankt, musste ins Krankenhaus, wurde verlegt, ohne dass Vater und Sohn es wussten. Hans Bergfeldt weiß noch, wie er und sein Vater endlich erfuhren, wo sie war. Zu spät: Einen Tag, bevor sie ankamen, war die Mutter gestorben.

Die besseren Zeiten

Wieder kommen Hans Bergfeldt Tränen. Aber er fasst sich schnell und erzählt von besseren Zeiten. Der 21-Jährige kam nach Lübeck, besuchte dort die Bauschule - und lernte bald Gerda kennen, beim Tanzen. "Das heißt: Tanzen konnte ich eigentlich gar nicht, und Gerda auch nicht", erzählt er. Also standen sie am Rand der Tanzfläche und fanden zueinander. Für diesen Abend - und für ihr Leben. "Gerda war die beste Frau, die es gibt", sagt er. Als er den Abschluss zum Bauingenieur in der Tasche hatte, heirateten sie 1953, zogen nach Hamburg, bekamen eine Tochter. Hans Bergfeldt braucht keine fünf Minuten, um die nächsten 50 Jahre seines Lebens Revue passieren zu lassen. Wirtschaftswunder, Kalter Krieg, Wiedervereinigung, das alles waren Ereignisse, die sein persönliches Leben längst nicht so auf den Kopf gestellt haben wie die Jahre zuvor. "Nach 1953 hatte ich ein ruhiges, ein schönes Leben", sagt er.

So wie Hans Bergfeldt geht es vielen Senioren, hat Larissa Boehning festgestellt. "Das große Lebensthema ist für die Senioren an die Brüche in der Jugend geknüpft", erklärt die Schriftstellerin. Der Zweite Weltkrieg spiele eine große Rolle, für manche sogar schon die Weltwirtschaftskrise. Und sie hat auch erlebt, wie sehr die meisten Senioren über der Begegnung mit den jungen Schriftstellern aufblühen. Besonders die Senioren, die keine Kinder oder Enkel in der Nähe haben, stellten auch fest, wie sehr diese Gespräche in ihrem Leben fehlen.

Auch Hans Bergfeldt ist mit seinen Erinnerungen oft allein. Als seine Frau vor zehn Jahren starb, holte die Tochter den Vater nach Berlin. Seitdem lebt er in einer Seniorenresidenz in Wilmersdorf. Doch an das Berlin seiner Kindheit findet er keinen Anschluss mehr, zu viel hat sich verändert. Dafür hat er Rita getroffen, sein "Goldstück", wie er sie nennt. Sie ist zehn Jahre jünger, wohnt in der Nähe. Sie telefonieren täglich und er besucht sie regelmäßig.

Hans Bergfeldt ist zufrieden mit seinem Leben, auch wenn es ihm manchmal in seinem Apartment ein wenig langweilig wird. Das sind die Momente, wo er sich seinen weißen Ordner nimmt und in seinen Erinnerungen blättert. "Das ist der größte Schatz meines Lebens", sagt er und zitiert die Worte seiner Frau: "Halte die schönen Momente fest. Und wenn es dir mal schlecht geht, dann erinnere dich an sie."