Babys

Der kleine Puck

Während Yara auf dem Rücken liegend mit ihren Zehen spielt, folgen ihre dunklen Augen interessiert dem weißen Tuch mit roten Sternen, das ihre Mutter Sabrina Dib auf dem Boden ausbreitet. Das Tuch kennt das sechs Monate junge Mädchen gut. Und so schmatzt sie nur entspannt, als sie diagonal daraufgelegt wird.

Ihre Mutter wickelt eine Seite des Sternentuchs auf Schulterhöhe fest um Yaras Arm. Das spitze Ende verschwindet unter dem Rücken. Yara legt den zweiten Arm schon an, bevor auch der und die Beine im Tuch landen. Als der zweite Deckenzipfel unter dem Rücken den ersten berührt, ist der Säugling schon bewegungslos verpackt. Zum Schluss wickelt Mutter Sabrina ihr Kind nach der gleichen Methode in eine wärmende Decke und verschnürt das Kinderpäckchen mit zwei gürtelbreit gefalteten Tüchern. Jetzt schaut nur noch ein Kinderkopf heraus. Yara lächelt und gähnt ein bisschen. Nach einer Minute routiniertem Wickeln ist sie versandfertig für die Reise ins Traumland.

Pucken heißt die alte Wickelmethode, die unruhigen Kindern beim Einschlafen helfen soll. Schon die antiken Griechen und Römer haben sie praktiziert. In Russland ist sie noch heute beliebt. In Westeuropa war sie lange verpönt. Rousseau hat das Ganzkörperwickeln 1762 in seinem Erziehungsroman "Emile" scharf verurteilt Ihm waren die Kinderpakete, die verschnürt an Haken in den Küchen hingen, ein Gräuel: "Wo man Kinder wickelt, wimmelt es von Buckligen, Hinkenden, Krummbeinigen, Krüppeln, Rachitikern und Verwachsenen aller Art."

Pucken hilft bei Unruhe

Erst über Tragetuch & Co setzt sich das Pucken langsam wieder durch. "Unsere Hebamme aus dem Geburtshaus Kreuzberg hat uns erklärt, wie es geht, als Yara mit vier Wochen oft unruhig war", sagt Sabrina Dib. Anfangs waren sie und Vater Nabil Dib beim ersten Kind unsicher: "Man weiß ja nicht, ob man das Kind zu sehr einengt", erinnert sich die 27jährige Physiotherapeutin. Aber schon nach wenigen Tagen schlief Yara deutlich besser. "Seit der neunten Woche schläft sie durch. Jetzt ist von 21.30 Uhr bis 6 Uhr Nachtruhe", sagt Sabrina Dib. "Manchmal schläft Yara schon, bevor ich das Zimmer verlasse", ergänzt Vater Nabil.

Andrea Kührt leitet im Geburtshaus Kreuzberg seit 14 Jahren Säuglingspflegekurse. Die dreifache Mutter ist Krankenschwester und Heilpraktikerin. Sie erklärt, warum das Pucken vielen Kindern hilft. "Das Engegefühl und die Wärme erinnern an den Mutterleib und geben Geborgenheit. Das Kind spürt eine Hülle und im Gegendruck eine Grenze." Das feste Einwickeln in ein Tuch oder einen Pucksack senkt bei vielen unruhigen Säuglingen in den ersten Lebensmonaten messbar die Schreidauer. Es wirkt bei frühen Regulationsstörungen beruhigend, wenn sich erst ein Rhythmus ausbilden muss zwischen Wachen und Schlafen, Trinken, Selbstberuhigung und der Kommunikation mit der Mutter. Nach verschiedenen Untersuchungen schlafen gepuckte Säuglinge nicht nur länger durch, sie schlafen auch traumloser. Das wird vor allem auf die Unterdrückung des Moro-Reflexes zurück geführt. Der Reflex beschreibt das spontane Armausstrecken und Greifen, wenn das Kind in der Rückenlage liegt. Bei der unwillkürlichen Armbewegung wird der Mund geöffnet, Stresshormone werden ausgeschüttet und der Herzschlag beschleunigt sich. Das Kind erschreckt oder weckt sich selbst. Der Moro-Reflex verliert sich normalerweise im dritten bis fünften Lebensmonat. Danach klingt auch der Effekt des Puckens ab.

Pucken ist wie alles andere in der Erziehung kein Allheilmittel. Sarah Birth und Gerald Duwe haben die Methode in der Caritas-Klinik "Maria Heimsuchung" in Pankow nach der Entbindung kennen gelernt. Mittlerweile ist das Pucken in vielen Geburtshäusern und Kliniken Bestandteil der Vorbereitungs- und Säuglingskurse. "Zuhause klappte es aber dann nicht so gut", sagt Gerald Duwe. "Je fester ich Flora verschnürt habe, desto ruhiger wurde sie. Aber dann hatte ich Sorge, das es zu fest ist." Die Eltern waren unsicher und gaben das Pucken wieder auf. "Man sollte ungewohnt nicht mit unangenehm verwechseln", sagt Andrea Kührt. Sie rät dazu, ein paar Tage durchzuhalten und auf die kindlichen Signale zu achten. Entspannt sich das Gesicht? Wird die Atmung ruhig? Wirkt das Kind zufrieden?

Katrin Bautsch, Leiterin der Stillambulanz des St. Joseph-Krankenhauses, sieht das Pucken eher kritisch und setzt auf Tragetuch und Känguru-Sack: "Unsere Idee ist Bindung und körperlicher Kontakt, nicht das Weglegen des Kindes." Sinnvoll sei Pucken als Ersatz für die Körperbindung nur, wenn die Mutter kurzzeitig nicht zur Verfügung stehe, ansonsten das Stillen gelinge und die Mutter-Kind-Bindung stabil sei. Beim "kontinuierlichen Wegwickeln" sieht Bautsch das Risiko von Interaktionsstörungen zwischen Säugling und Mutter. "Pucken kann bei Unruhe kurzfristig helfen, aber Unruhe kann verschiedene Ursachen haben bis hin zu Halsblockaden oder verschiedenen Syndromen. Da behebt das Pucken die Ursachen nicht." Auch in der Klinik für Neugeborenenmedizin beim Martin Luther-Krankenhaus ist man eher skeptisch. Die Pflegeleitung sieht im Pucken "eine situative Option für unruhige Kinder", aber keine Standardlösung.

"Es geht nicht ums Weglegen"

Yara wirkt mit ihrer Standardlösung sehr zufrieden. Wach ist sie ausgeglichen und mobil, abends schläft sie durch. "Uns geht es auch nicht ums Weglegen unseres Kindes. Uns geht es ums Schlafen", weist Sabrina Dib die Kritik zurück. Als gelernte Physiotherapeutin sieht sie auch keine grundsätzlichen körperlichen Nachteile in der Methode. Gepuckte Kinder schlafen auf dem Rücken. Gegenüber Bauchschläfern ist die Atmung damit freier. Werden die Kinder mobiler und drehen sich selbst um, kann man sie lockerer einwickeln und sich mit dem Mehr an Bewegungsfreiheit langsam aus der Methode ausschleichen. Hier leistet ein Pucksack gut Dienste, der die Arme noch spürbar am Körper hält, aber den Beinen mehr Raum lässt. Pucksäcke sind auch bei Kindern mit einer Hüftfehlstellung der beste Kompromiss zwischen gewollter Begrenzung und notwendiger Beinspreizung. Bei Fieber ist das enge Einwickeln nicht angezeigt, da es zum Hitzestau führen kann. Den vermeidet man generell, wenn das Pucktuch nicht zu warm und die Nachtkleidung leicht ist. Also besser Molton und Baumwolle als Daune wählen.

Wem die Puck-Methode unheimlich bleibt, der kann dem Grundgedanken der Begrenzung auf anderen Wegen näher kommen. Der Kinderwagen sollte nicht zu breit sein, und anfangs seitlich mit Schaumstoff gepolstert werden. Im Bettchen leistet ein Stillkissen gute Dienste, das ebenfalls Ruhe und Grenzen schenkt.