Interview

Verständnis statt Vorwürfe

Wenn die Tochter sich Türen knallend in ihrem Zimmer verbarrikadiert, wenn der Sohn auf die Frage, wo er hin will, nur ein "Kumpel treffen" in den Raum nuschelt, dann ist sie da, die Pubertät. Warum diese Phase so wichtig ist und was Eltern tun können, um ihren Kindern dabei den Rücken zu stärken, darüber sprach Anette von Nayhauß mit dem Schweizer Kinderarzt Remo H. Largo.

Nach seinen Standardwerken "Babyjahre" und "Kinderjahre" hat er jetzt gemeinsam mit Monika Czernin das Buch "Jugendjahre. Kinder durch die Pubertät begleiten" veröffentlicht.

Berliner Morgenpost: Wer muss sich mehr vor der Pubertät fürchten - Eltern oder Kinder?

Remo H. Largo: Sicher die Eltern. Von "fürchten müssen" würde ich aber nicht sprechen. Es stehen Veränderungen bevor, die vor allem den Eltern Angst machen.

Berliner Morgenpost: Warum?

Remo H. Largo: Ein ganz wesentlicher Aspekt der Pubertät ist die Ablösung, der junge Erwachsene muss frei für neue Beziehungen werden. Und das ist für den Jugendlichen kein Problem, er erlebt die Ablösung nicht als einen emotionalen Verlust. Die Eltern aber schon. Sie leiden darunter, wenn ihr Kind sie kaum noch anschaut, wenn es sich nicht mehr umarmen lässt und nicht mehr mit ihnen in den Urlaub fahren will.

Berliner Morgenpost: Warum fällt Eltern das Loslassen so schwer?

Remo H. Largo: Sie haben mit mehreren Schwierigkeiten zu kämpfen, vor allem aber mit einem Kontrollverlust und mit einem Liebesentzug. Die Eltern wollen den Jugendlichen vor Gefahren wie Alkohol, Drogen, Pornografie bewahren. Aber das ist kaum mehr möglich, er hört ja nicht mehr wie als Kind auf sie. Und gleichzeitig verlieren sie die bedingungslose Liebe, die ihnen ihre Kinder bisher entgegengebracht haben. In der Kindheit waren die Eltern "die Größten", in der Pubertät werden sie zu ganz normalen Mitmenschen. Stattdessen werden für den Jugendlichen die Freunde umso wichtiger.

Berliner Morgenpost: Sozusagen als Familienersatz.

Remo H. Largo: Ja. Dort suchen Jugendliche die Geborgenheit, die sie vorher bei den Eltern hatten. Jugendliche brauchen erstens emotionale Sicherheit, die sie immer weniger in der Herkunftsfamilie und immer stärker bei den Gleichaltrigen suchen, später dann beim Freund, der Freundin. Zweitens brauchen sie das Gefühl, sozial akzeptiert zu werden. Deswegen bekommt die Clique, die Peer Group so eine große Bedeutung. Der dritte Bereich, der in der Pubertät wichtig wird, ist die Selbstverwirklichung, das Bewusstsein, Stärken zu haben und diese einsetzen zu können, ob in der Schule oder in der Berufsausbildung. Diese drei großen Herausforderungen muss der Jugendliche in der Pubertät meistern.

Berliner Morgenpost: Können ihnen die Eltern dabei helfen?

Remo H. Largo: In der Pubertät ist der Zug eigentlich schon abgefahren. Der Beitrag der Eltern liegt in der Vergangenheit, in der Kindheit. Jetzt können sie nur noch Rückhalt geben, vor allem, wenn es dem Jugendlichen nicht gut geht und er ihre Unterstützung braucht.

Berliner Morgenpost: Was können die Eltern denn vorher tun?

Remo H. Largo: Ein Kind, das sich geborgen fühlt, das von den Eltern mit seinen Stärken und Schwächen akzeptiert wird, geht gestärkt in die Pubertät. Das ist die wichtigste Aufgabe der Eltern. Und sie sind Vorbilder: Wie kontaktfreudig sind sie beispielsweise, was pflegen sie für Beziehungsnetze? Das beobachtet ein Kind und lernt daraus.

Berliner Morgenpost: Und sie können ihr Kind an Hobbys heranführen.

Remo H. Largo: Ja, das bringt sie in Kontakt mit Gleichaltrigen und hilft ihnen ihre eigenen sozialen Netze zu knüpfen. Sie bekommen hier Anerkennung, was wiederum ihr Selbstbewusstsein stärkt.

Berliner Morgenpost: Hobbys sind wichtig - aber was ist, wenn die Jugendlichen damit aufhören, weil sie "Zeit zum Chillen" brauchen?

Remo H. Largo: Auch da können die Eltern wenig machen. Und die Zeit zum Abhängen ist ja auch tatsächlich wichtig für die Jugendlichen, sie brauchen das Zusammensein mit Gleichaltrigen. Die sozialen Netze in der Pubertät sind zugleich das Übungsfeld für ihr Leben als Erwachsene, dort lernen sie, mit anderen Menschen umzugehen. Leider lässt ihnen der zunehmende Druck in der Schule dafür immer weniger Zeit.

Berliner Morgenpost: Was können Eltern tun, wenn sie merken, dass ihr Kind in eine problematische Clique rutscht?

Remo H. Largo: Da fühlen sich die Eltern zu Recht extrem hilflos. Verbote helfen nichts, kaum ist das Kind zur Tür hinaus, haben die Eltern die Kontrolle komplett verloren. Was helfen kann, sind Bezugspersonen außerhalb, das kann ein Lehrer sein, ein Trainer oder ein Nachbar, jemand, dem der Jugendliche vertraut und auf den er eher hört als auf seine Eltern.

Berliner Morgenpost: Helfen klare Regeln? Etwa: "Wenn du zu spät von der Party kommst, darfst du zur nächsten nicht gehen?"

Remo H. Largo: Daran wird sich ein Teenager ohnehin kaum halten. Für ihn ist es peinlich, vor allen anderen zu gehen - das wäre das größere Übel als nachher mit den Eltern Ärger zu bekommen.

Berliner Morgenpost: Aber wenn er total betrunken nach Hause kommt, müssen die Eltern doch reagieren, oder?

Remo H. Largo: Verbote helfen da gar nichts. Und gerade der Alkohol ist oft ein Zeichen dafür, dass der Jugendliche in einem der drei zuvor erwähnten Bereiche Probleme hat: Er wird von den Gleichaltrigen abgelehnt, seine Freundin hat sich von ihm getrennt oder in der Schule oder bei der Arbeit geht es schlecht. Das Schwierige für die Eltern ist, dass sie oft von den Problemen keine Kenntnis haben. Wenn sie dann mit Verboten kommen, fühlt sich der Jugendliche erst recht unverstanden. Im Gegenteil, Eltern sollten Verständnis zeigen für seine Probleme und ihm soweit wie möglich helfen - oder eine andere Bezugsperson beiziehen.

Berliner Morgenpost: Das klingt ja so, als könnten die Eltern fast nichts mehr tun, wenn ihr Kind erst mal in der Pubertät ist.

Remo H. Largo: Doch. Sie können da sein, Verständnis zeigen. Und wenn ihr Kind mit ihnen reden will, gilt: keine Verbote, keine Vorwürfe. Das treibt einen Jugendlichen weg. Das heißt nicht, dass die Eltern nicht ihre Meinung sagen dürfen. Das müssen sie sogar, aber sie müssen dem Jugendlichen dabei klar machen, dass er jetzt selbst für sein Leben selber verantwortlich ist - und dass sie ihm auch zutrauen, selbst mit seinen Problemen fertig zu werden.

Berliner Morgenpost: Woran merkt man eigentlich, dass die Pubertät vorbei ist?

Remo H. Largo: Wenn der Jugendliche in den drei Bereichen gefestigt ist. Wenn er existenziell unabhängig ist, also Beruf und Einkommen hat, wenn er in einer festen Beziehung lebt und in der Gesellschaft etabliert ist, dann ist er erwachsen. Das kann dauern: Bei vielen jungen Erwachsenen ist es erst mit 30 oder noch später soweit.