Ratgeber

Entwickelt unsere Tochter eine Essstörung?

Wir machen uns große Sorgen um unsere älteste Tochter Sophia (14). Sie macht seit einigen Monaten eine Diät und kontrolliert ihr Essverhalten stark, z.B. zählt sie ständig Kalorien, wiegt sich mehrmals am Tag und isst nur noch "Gesundes". Sie loggt sich auch täglich in ein Internetforum ein, in dem sie scheinbar Tipps und Tricks zum Abnehmen mit anderen Mädchen austauscht. Wir haben Angst, dass unsere Tochter eine Essstörung entwickelt. Heidi B. aus Steglitz

Ihre Sorge ist verständlich und berechtigt. Es gibt tatsächlich Internetforen, in denen sich Jugendliche mit Essstörungen - also Magersucht, Ess-Brech-Sucht und Binge-Eating-Störung (periodischer Heißhunger) - über Tricks und Tipps austauschen. Sie lernen dort, wie sie schnell abnehmen, hungern und erbrechen können. Hungern und extremes "Dünn-Sein" wird verherrlicht und nicht als psychische Erkrankung gesehen. Die bekanntesten Foren heißen "Pro-Ana" und "Pro-Mia". Dort finden sich nicht nur Bilder und Fotos von extrem abgemagerten Models ("Thinspirations"), sondern auch gefährliche Tipps, wie man z.B. essen sollte, um besser erbrechen zu können, wie man Ess- und Brechattacken geheim halten kann usw. Sogenannte "thinlines", Kraftsprüche, die motivieren, dem Hunger nicht nachzugeben, werden publiziert, z.B. "Du bist stark, wenn du nichts isst" oder "Anas 10 Gebote".

Nicht jedes auffällige Essverhalten muss eine Essstörung sein. Gerade in der Pubertät grenzen sich Jugendliche durch "anders Essen" von ihren Eltern ab. Das ist ein Teil eines notwendigen Ablöseprozesses. Übergänge sind schleichend und Eltern sollten aufmerksam reagieren. Wenn Sie feststellen, dass sich neben dem Essverhalten, auch die Persönlichkeit Ihrer Tochter verändert hat, sie sich z.B. stark zurückzieht, sie extrem an Gewicht verliert, sich alles nur noch um die Figur, das Essen, Nicht-Essen oder Kalorien dreht, dann nehmen sie diese Hinweise ernst. Reagieren Sie schnell und suchen Sie sich therapeutische Hilfe.

Ess-Störungen sind Lösungsversuche, um tiefer liegende Probleme zu bewältigen. Je früher die Essstörung erkannt und behandelt wird, desto größer sind die Chancen auf Heilung. Die Berliner Charité bietet eine "Essstörungssprechstunde", die Sie im Internet unter psychosom-ccm.charite.de (Sprechstunde) finden. Infos zum Nachlesen finden sie unter www.bzga-essstoerungen.de . Die Interkulturelle Familienberatungsstelle des ANE bietet eine telefonische Sondersprechstunde, jeden dritten Freitag im Monat, 10-11.30 Uhr, Tel. 25 90 06 33.

Dr. Heidemarie Arnhold ist Pädagogin und Vorsitzende des Arbeitskreises neue Erziehung (ANE)

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