Interview: Eckart Altenmüller

"Singen stärkt das Immunsystem"

Singen macht den meisten Kindern nicht nur Spaß, es wirkt sich auch positiv auf ihre Entwicklung aus. In welchen Bereichen sich das vor allem zeigt, darüber sprach Annette Kuhn mit Eckart Altenmüller.

Er hat Medizin und Musik studiert und ist Professor am Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Musikhochschule Hannover.

Berliner Morgenpost: Wieso ist Singen für Kinder so wichtig?

Eckart Altenmüller: Singen, vor allem das gemeinsame Singen, hat sehr viele positive Aspekte. Zunächst einmal ist es eine starke Ausdrucksmöglichkeit und bietet Kindern einen Zugang zu Emotionen. Beim Singen werden Glückshormone ausgeschüttet, und das Immunsystem wird gestärkt, weil Abwehrstoffe im Blut gebildet werden. Außerdem ist die Verhaltenssynchronisation für Kinder eine wichtige Erfahrung.

Berliner Morgenpost: Was heißt das?

Eckart Altenmüller: Kinder arbeiten gern zusammen an einer Sache. Sie üben dabei auch ihre Kooperationsfähigkeit. Singen im Chor ist auf Harmonie ausgerichtet, man geht aufeinander ein, hört auf den anderen. In einer neuen Studie wurde festgestellt, dass Kinder, die singen, hinterher kooperativer sind als Kinder, die gemeinsam Sport treiben. Der gemeinschaftsbindende Charakter ist offenbar beim Singen besonders stark.

Berliner Morgenpost: Wirkt sich Singen auch auf den Spracherwerb aus?

Eckart Altenmüller: Ja, Kinder, die viel singen, haben ein besseres Sprachgefühl. Beim Singen und Sprechen wird zum Teil auf die gleichen neuronalen Netzwerke zurückgegriffen. Kinder lernen beim Singen, ihren Hörsinn zu differenzieren. Sie können sogar besser Emotionen im Sprachklang wahrnehmen. Außerdem können sie akustische Muster klassifizieren, vor allem können sie Stimmen in einer lauten Umgebung heraushören, und sie nehmen grammatische Abweichungen eher wahr.

Berliner Morgenpost: Macht es einen Unterschied, ob man allein unter der Dusche oder im Chor singt?

Eckart Altenmüller: Singen im Chor wirkt nachhaltiger, denn wer unter der Dusche singt, hat nicht dieses Gemeinschaftserlebnis. Aber auch das Singen für sich tut gut und löst Emotionen. Es ist, als würde man ein Revier markieren und zum Ausdruck bringen: Ich bin da. Aber heute trauen sich die Menschen kaum noch, einfach loszusingen.

Berliner Morgenpost: Woran liegt das?

Eckart Altenmüller: Wir haben eine Art Singeloch, das hat historische Ursachen. In den 70er-Jahren, als die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs verstärkt verarbeitet wurden, galt das Singen im Chor als anrüchig, anfällig für Missbrauch. Diese Verunglimpfung des Singens ist heute zwar wieder überwunden. Es dauert aber, bis wir wieder eine neue Gesangskultur entwickelt haben.