Sprechstunde

Kann mein Sohn jetzt schon Heuschnupfen haben?

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René F. aus Steglitz fragt: Mein Sohn (11 Jahre) leidet an Heuschnupfen, normalerweise von März bis Mai. Jetzt läuft seit Tagen seine Nase - können das bei dem verrückten Wetter etwa schon die Pollen sein?

Gute Frage! Das wäre zwar ungewöhnlich früh, aber wir schauen mal zusammen nach: unter "Freie Universität Berlin, Institut für Meteorologie, Polleninformationsdienst". Das Institut betreibt nämlich ganzjährig eine Pollenfalle auf dem Dach des alten Wasserturms in Steglitz. Dabei wird eine feste Luftmenge pro Zeit angesaugt und auf eine Haftfolie gepustet, die über ein Uhrwerk exakt weitergespult wird. Unter dem Mikroskop zählen Fachleute dann die einzelnen Pollenarten und berechnen ihre Konzentration pro Kubikmeter Luft für diesen Tag. Im Internet können die Daten online abgerufen werden unter www.met.fu-berlin.de/de/polleninfo . Die Messwerte aus den letzten Tagen zeigen: keine Pollen! Ihr Sohn und Sie können also aufatmen, wahrscheinlich ist seine laufende Nase doch nur eine für diese Jahreszeit typische Erkältung...

Wenn Sie jetzt aber eilig zur Apotheke aufbrechen und abschwellendes Nasenspray für Ihren Sohn holen wollen - lesen Sie doch lieber erst noch den Rest der Kolumne und probieren es stattdessen mal mit einer selbst hergestellten Kochsalz-Nasenspülung! Dazu lösen Sie einen halben Teelöffel Salz in einem Glas warmen Leitungswasser auf, setzen sich dann mit seitwärts gedrehtem Kopf vors Waschbecken und spülen einfach das Salzwasser mit einer kleinen Kanne oder Spritze in die Nase. Wenn Sie dabei die Backen aufblasen oder summen, läuft es auch nicht unangenehm in den Rachen, sondern direkt aus dem anderen Nasenloch wieder hinaus. Das kriegen selbst kleinere Kinder schon ganz prima hin, und täglich durchgeführt reinigt und beruhigt diese Prozedur die Schleimhaut ganz ohne Nebenwirkungen.

Jetzt aber zurück zum Thema Klimawandel und Allergien. Die Aufzeichnung von örtlichen Pollenanalysen wie oben beschrieben erlaubt auf jeden Fall viel bessere Vorhersagen und Auswertungen als die herkömmlichen Pollenkalender, die meist nur die übliche Blütezeit der verschiedenen Pflanzen angeben. Den Anfang im Jahr machen die sogenannten Frühblüher - leichte Baumpollen von Hasel, Erle und Birke, die vom Wind über weite Flächen getragen werden. Ihr Flug hängt nicht nur von Windstärke und -richtung, sondern auch von anderen Wetterbedingungen wie Temperatur und Niederschlag ab. Durch die globale Erwärmung hat sich die Pollensaison in Europa in den letzten 30 Jahren um durchschnittlich 11 Tage verlängert, und die ersten Baumpollen können in milden Wintern schon im Januar fliegen. In den Niederlanden und dem Emsland wurden bereits Ende Dezember 2011 erste Erlen- und Haselpollen gemessen, momentan sind jedoch die Konzentrationen überall noch sehr gering.

Auch die Ausbreitung neuer Pflanzenarten wie zum Beispiel der hoch allergenen Beifuß-Ambrosie wird durch höhere Durchschnitts-Temperaturen und weniger strengen Frost begünstigt. Und jetzt noch die letzte Hiobs-Botschaft: Mit zunehmender Feinstaub-Belastung steigt auch noch die Aggressivität der Pollenwirkung. So verursachen Birkenpollen eine dreimal stärkere Immunantwort und häufiger asthmatische Beschwerden, wenn auf ihrer Oberfläche Dieselruß-Partikel gebunden sind.

Wenn wir als Kinderärzte und Allergologen also unsere Aufgabe der Krankheitsvorbeugung wirklich ernst nehmen, sollten wir für entschiedene politische Schritte und wirksame Maßnahmen zur Begrenzung der Erderwärmung eintreten. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, Ihrem Sohn und allen Leidensgenossen mit Heuschnupfen erst mal - Gesundheit!

Michael Barker ist Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin

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