Bei Kindern hört der Spaß auf

Wenn aus Frauen Mütter werden

| Lesedauer: 7 Minuten
Tanja Dückers

Wenn man erst mit 40 Mutter geworden ist, hat man einige Zeit im Erwachsenenalter ohne Anhang zugebracht, man kennt die Situation von Kinderlosen ziemlich gut. Gern hat man in das allgemeine Gemecker über Eltern, die sich von ihren Kindern tyrannisieren lassen oder über Eltern, die unangemessen autoritär sind, mit eingestimmt. Gründe, Eltern doof zu finden, gab es allemal.

Schwierig und spannend, wenn man dann auf einmal selbst die Elternschaft antritt. Nolens volens wird man zum Mittler zwischen zwei Welten.

Die kinderlosen Freunde erzählen wie gewohnt ungerührt, wie sehr die Bekannten mit ihrem Nachwuchs nerven, gern mit dem einführenden Halbsatz "Du bist ja zum Glück anders, aber..." Bekannte mit Kindern wiederum meinen plötzlich, eine Komplizenschaft zu einem herstellen zu müssen. Es ist erstaunlich, wie intolerant viele Menschen - zumal in unserer viel beschworenen "hochindividualisierten" Gesellschaft - sind, wenn es um die Kinderfrage geht.

Man kann heutzutage mit quietschgrünem Irokesen oder ganzkörpertätowiert durch die Stadt laufen, man kann zur Prime-Time seinen gepiercten Hintern in die Kamera halten, dem verrücktesten esoterischen Glaubensmodell anhängen oder sich ausschließlich von Soja ernähren - alles kein Problem. Aber bei Kindern hört der Spaß auf. Wenn jemand ab einem bestimmten Alter keinen Nachwuchs in die Welt gesetzt hat, wird darüber gemunkelt. Wenn jemand sein Kind anders erzieht, als man es selbst für richtig hält, werden flammende Reden, selbst vor Fremden in der U-Bahn, gehalten.

"Kinderlos" als Versäumnis

In der großen Politik können die meisten Menschen nicht mitmischen, umso lieber mischen sie sich in das "System Familie" des Nachbarn oder Freundes ein. In einem Land, in dem man nicht ums nackte Überleben kämpfen muss, scheinen (Lebens-)Stilfragen maßgeblich zur Identität verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen beizutragen. Ein Teil der manchmal kleinkarierten Feindseligkeiten von Kinderlosen gegenüber Paaren mit Kindern scheint mir daher zu rühren, dass sich hier eine gesellschaftliche Minderheit einer omnipräsenten Mehrheit gegenübergestellt fühlt.

Allein schon der Begriff "kinderlos" hat etwas unterschwellig Diffamierendes, er verweist auf ein vermeintliches Versäumnis. In den USA gibt es eine Bewegung, deren Mitglieder sich "childfree" (kinderfrei) statt "childless" (kinderlos) nennen. Tatsächlich bekommt man als Kinderloser stets vermittelt, dass man eine arme, bemitleidenswerte Kreatur ist. Bis man Mitte 30 ist, kann man mit Glanz und Gloria durch Leben gehen, danach wird man, zumindest als Frau, gnadenlos bemitleidet, wenn man kein Kind in die Welt gesetzt hat. Auch wenn nach außen so getan wird, als würde nicht auf einen herabgeschaut werden: Fragen wie "Klappt's denn bei euch nicht?" sprechen eine andere Sprache.

Merkwürdigerweise gehen Leute mit Kindern immer noch mehrheitlich davon aus, dass Kinderlose "egoistisch" sind, auf Fernreisen, ein schickes Auto und rasanten Karriereaufstieg nicht verzichten wollen und daher lieber Kinder "einsparen". Obwohl jeden Tag eine Vielzahl von Leuten ihr Geld für vollkommen unsinnige Dinge ausgibt, wird Menschen ohne Kinder gern nur aufgrund der Tatsache, dass sie keine Kinder haben, gesellschaftlich nicht vertretbarer Luxus und grenzenloser Hedonismus unterstellt.

Bei den Klagen über Kinderlose klingt oft Neid an, nicht selten beschleicht einen das Gefühl, die Klagenden meinen eigentlich gar nicht die Kinderlosen in ihrem Bekanntenkreis, sondern sprechen über ihre eigene Jugend, von der sie sich immer weiter entfernen. Dass sehr viele Kinderlose gern Kinder gehabt hätten und oft einen Leidensweg hinter sich haben, wird manchmal auch ausgeblendet, um das kommod gewordene Feindbild der selbstbezogenen Hedonisten nicht aufgeben zu müssen. Kinderlose wiederum stören sich gern an der Unüberseh- und Unüberhörbarkeit von Kindern. Jede Bahnfahrt mit einem Zweijährigen liefert zahllose Beweise hierfür: Wenn die lieben Kleinen dem Gespräch der Erwachsenen nicht mit angelegten Ohren lauschen oder stundenlang still ein Buch lesen (die Lesefähigkeit und Geduld von Kleinkindern wird oft deutlich überschätzt), gelten die Eltern sofort als Erziehungsversager. Verteidigen sich diese dann legitim mit: "Na, waren Sie denn als Kind immer nur ruhig und still?", wird darauf verwiesen, wie anders die Erziehung doch früher war, wie viel ruhiger und friedfertiger man angeblich selbst als Kind gewesen sei, weil man sich ja früher nicht halb so viel herausnehmen durfte und so weiter. Dabei bemerken die Kinderlosen (die sich ja oft als besonders unkonventionell empfinden) gar nicht, wie sie plötzlich "die guten alten Zeiten" verteidigen und wie ihre eigene Oma klingen.

Eltern mit rosa Brille

Dass Kinder von Geburt an eigene kleine Persönlichkeiten sind und ihr Verhalten nicht einfach eins zu eins als Resultat der Erziehung der Eltern zu betrachten ist, wird dabei gern übersehen. Sobald manch Kinderloser doch zu Nachwuchs kommt, regt er sich natürlich seinerseits über die "weitverbreitete Intoleranz gegenüber Kindern" auf.

Es gibt wohl eine Faustregel: Nerven tun immer nur die Kinder anderer Leute und nicht die eigenen.

Während sich Eltern oft mehr Nachsicht gegenüber dem normalen, altersspezifischen Verhalten von (kleinen) Kindern wie Bewegungsdrang, Ungeduld, und dem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit wünschen und nicht unbedingt Lust haben, sich von Leuten belehren zu lassen, denen die ureigene Erfahrung fehlt, Kinder zu erziehen, sind Kinderlose oft genervt von langatmigen Erzählungen über diese oder jene Heldentat (oder Tragödie) im Leben des geliebten Nachwuchses. Hier scheint tatsächlich bei vielen, vor allem "jungen" Eltern ein seelisch-hormoneller Ausnahmezustand aufgrund von akuter Verliebtheit vorzuliegen. Das, was Kinderlose an frisch gebackenen Eltern stört, scheint oft das Gleiche zu sein, was Singles an frisch Verliebten nervt: die übertriebene Begeisterung für das Objekt der Begierde, die eigentümlich distanzlose Ausbreitung des Privat- und Intimlebens, das geringe Interesse an der Welt außerhalb der eigenen Liebesinsel beziehungsweise des heiligen "Familiennestes".

Überdies stört Kinderlose, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, oft die Erwartungshaltung von Freunden mit Kindern, dass man grundsätzlich für jede extrem kurzfristige Absage oder jedes Terminchaos Verständnis haben muss. So als hätte man selbst, bloß weil man kein Kind hat, nicht auch dringende Verpflichtungen und zeitliche Engpässe. Kinderkrankheiten werden oft als Totschlagargumente"eingesetzt", sicher auch erfundene. Kinderlose wiederum schlagen gern mal Profit aus ihrer größeren zeitlichen Freiheit: Genüsslich breiten sie am nächsten Tag aus, wie viel länger sie noch auf einer gemeinsam besuchten Party bleiben konnten - mit der unterschwelligen Botschaft, was man schon wieder alles furchtbar Wichtiges verpasst hat. Statt zu sagen, "Toll, dass du es einrichten konntest, zu kommen", heißt es hämisch "Wie blöd, dass du nicht länger bleiben konntest."

Ein Trost: spätestens, wenn die Kinder aus dem Haus sind, wird dieser Zwist zwischen Leuten "mit" und Leuten "ohne" (oder: "frei von") doch hoffentlich mal aufhören.

Tanja Dückers ist Schriftstellerin und lebt in Berlin.