Mamas & Papas

Streifenhörnchen im Bikini

| Lesedauer: 2 Minuten
Susanne Leinemann

Am Wochenende fiel uns die Decke auf den Kopf, wortwörtlich, denn die Decke unseres Wohnzimmers bebte. "Ich glaube, über uns wohnt ein Disco-Elefant", meinte der Sohn und verdrehte die Augen. Aber was tun? Rausgehen? Wir starrten aus dem Fenster ins Berliner Schmuddelwetter. Nicht sehr einladend.

Also ab ins Kino. Da unser Lieblingskino, die Charlottenburger "Kurbel", einem Bio-Supermarkt weichen musste, orientierten wir uns um - nach Steglitz in den "Titania-Palast". "Chipmunks III". Ein Elend für elterliche Ohren, denn dieser Streifenhörnchen-Gesang ist unerträglich quäkend. Aber was soll's, ich willigte ein.

Berlin ist eine Reise wert - von einem Bezirk in den nächsten, und schon betritt man eine fremde Welt. Wie sehr unterschied sich dieses Publikum von dem der "Kurbel". Kinder, Jugendliche, Mütter wie in Charlottenburg - aber mit Kopftuch. Die türkischen Mütter bevorzugten grau, braun, blaugrau. Ihre giggelnden Teenies glänzende Kopftücher, ihre ganz jungen Töchter kindliche Motive. Manche waren kaum älter als meine Tochter - die ist jetzt knapp neun - und trugen schon Kopftuch. Ich habe den Eindruck, Kopftücher haben weniger mit dem Glauben als mit zur Schau gestellter weiblicher Schicklichkeit zu tun, um mal dieses altdeutsche Wort zu bemühen. Oder, um es mit manchem Kreuzberger Türkenjungen vom Oberdeck der Buslinie M 29 zu sagen, wenn sie ein türkisches Mädchen ohne Kopftuch sehen: "Du Schlampe!". In vielen Teilen der Welt werden Mädchen und Frauen schlecht behandelt, weil sie für Männerphantasien verantwortlich gemacht werden - wie erstaunt war meine Tochter zu hören, dass Frauen in den orthodoxen Vierteln Jerusalems nicht mehr vorne im Bus sitzen dürfen. Vorwurf: ihre bloße Anwesenheit lenke die Männer ab.

Dann fing der Chipmunks-Film an. Eine Hauptrolle spielen die Chipettes - das weibliche Pendant zu den Chipmunk-Jungs: drei Streifenhörnchen-Mädchen. Und was machen diese Chipettes, gestrandet auf einer einsamen Insel? Erst mal basteln sie sich einen sexy Blumen-Bikini, um hübscher auszusehen. Ihre größte Sorge ist nicht der Hunger, nicht das nackte Überleben, sondern: "Auf dieser Insel gibt es keinen Spiegel. Wie sehe ich nach der Rettung aus? Bestimmt schrecklich!" Sie haben einen Hüftschwung, der Shakira blass aussehen lässt, sind zickig zu den Chipmunks-Jungs und wollen doch nur eines: von ihnen begehrt werden. Dafür klimpern sie ständig mit ihren langen Streifenhörnchenwimpern. Es sind wahre Chipmunks-Sirenen.

Die Mädchen mit Kopftuch im Kino juchzten vor Begeisterung. Die rosa-Bikini-Ami-Welt und ihre rigide Welt scheinen sich wie zwei Pole anzuziehen und abzustoßen. Meine Tochter dagegen fand den Film doof. Denn in ihrem Kinderleben spielen scharfe Bikinis keine Rolle.

Die Welt da draußen, sie ist manchmal schwer zu verstehen.

Kommende Woche schreibt hier wieder Hajo Schumacher.