Ratgeber

"Integrationsstatus": Was bedeutet das für unseren Sohn?

Wir machen uns Sorgen wegen des Schulbesuchs von Jan, acht Jahre. Er ist nun am Ende der Schuleingangsphase und die Lehrer haben uns zu einer Schulkonferenz bestellt. Dabei war eine Sonderschullehrerin anwesend, die uns vorgeschlagen hat, wegen Jans Verhaltensproblemen einen Integrationsstatus zu beantragen.

Wir wollen aber nicht, dass Jan einen "Stempel" erhält und fragen uns, wieso die Schule erst jetzt auf diese Idee kommt, denn Jans Schwierigkeiten waren von Anfang an bekannt.

Britta P., per E-Mail

Im Rahmen der europäischen Angleichung mussten auch in Deutschland zuletzt Anpassungen der gesetzlichen Regelungen zur Förderung der Integration im Schulbereich vorgenommen werden. In Berlin hat dies dazu geführt, dass im Zuge des Abbaus von "Sonderschulen" mindestens in den ersten zwei bis drei Klassen alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Dieser grundsätzlich gute Gedanke wird allerdings in der Praxis stark verwässert: obwohl gedacht war, die Kapazitäten und das spezielle Wissen aus den Sonderschulen in die Regelschulen zu überzuführen, sieht der Alltag oftmals so aus, dass die Lehrer an den Regelschulen den Kindern mit besonderem Förderbedarf allein gegenüberstehen. Insbesondere in den wichtigen ersten beiden Jahren führt dies zu einer Verzögerung in der Diagnostik sowie bei Förder- und Therapieangeboten. Andererseits hoffen natürlich viele Eltern, dass durch die gemeinsame Schuleingangsphase ihr Kind von Integrationsmaßnahmen verschont bleibt, weil die Probleme vielleicht von selbst verschwinden. Ihr Jan ist ein Beispiel dafür, dass diese unausgesprochenen Erwartungen umso heftiger zu Enttäuschungen führen, je später der Förderbedarf ausgesprochen wird - bekannt war er ja schon länger. Dennoch sollten Sie den Antrag jetzt stellen, denn der eigentliche "Stempel" ist ja schon durch die Probleme des Kindes gegeben und es fällt auf Jan zurück, wenn es später gar noch heißt, das die Eltern sich nicht rechtzeitig um Hilfsmaßnahmen gekümmert haben. Haben Sie Vertrauen in die sonderpädagogischen Möglichkeiten der Schule und lassen Sie sich dabei im Sinne einer "zweiten Meinung" von ärztlicher Seite unterstützen, indem Sie mindestens einen ausführlichen Informationsaustausch zwischen den Fachkräften veranlassen oder sogar eine therapeutische Begleitung durch den Kinderarzt oder Kinder- und Jugendpsychiater einleiten.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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