Mamas & Papas

Aufbau und Zerfall des Raumschiffs

Wir sind eine ordentliche Familie. Die letzten Tannennadeln sind unters Sofa gekehrt, das Geschenkpapier ist aufgebügelt. Nur die Präsente selbst sehen reichlich mitgenommen aus. Was ein stolzes Flugobjekt sein sollte, bröselt als Kleinteilfriedhof vor sich hin und entzieht sich komplett den elterlichen Vorstellungen vom aufgeräumten Kinderzimmer.

Da hat der Weihnachtsmann eigens in ein sündteures Raumschiff von Lego investiert, in der Hoffnung, das Kind werde das Kunstwerk aus 500 Einzelteilen akribisch zusammenbauen, um es fortan still zu bewundern, aber auf keinen Fall mehr zu berühren. Dummerweise fiel das linke Triebwerk schon am Heiligen Abend ab, noch bevor die Hoppenstedts vorbei waren und obgleich der heimwerkerisch versierte Vater nochmal alles streng nach Bauanleitung auseinander- und wieder zusammengebastelt hatte, absolut fehlerfrei, trotz erhöhten Sherry-Pegels. "Hält einfach nicht", behauptete Hans, was aber gar nicht sein konnte, bei dem Preis. Schließlich handelt es sich hier um dänisches Präzisionsspielzeug. Am ersten Weihnachtstag machte der rechte, am zweiten der linke Flügel schlapp. Gern hätte ich dem Kind die Schuld gegeben. Aber wir hatten es vielmehr mit einem Grundsatzproblem zu tun: Ziselierte Raumschiffe lassen sich zwar gut zeichnen, aber auch von den kreativsten Ingenieuren nicht haltbar in Legosteinen nachbauen, schon gar nicht so stabil, dass normaler Spielbetrieb möglich wäre. Darum geht es ja auch gar nicht: Das Abenteuer besteht erstens im Zusammenbau und zweitens im Beobachten des Zerfalls. In dieser Phase sind wir jetzt: Keine zwei Wochen nach dem Fest steht ein trauriges graues Gerippe auf dem Schrank. Auch mit viel Fantasie ist keinerlei Ähnlichkeit mit dem Fluggerät auf der Packung zu entdecken, die Hans mit viel Klebeband an die Zimmertür geklebt hat. "Kann man reparieren", sagt der Kleine tapfer. Aber: Will man das? Die kleine Hürde besteht darin, dass sich die Einzelteile längst vermischt haben mit den Überresten aus Polizeistation, Hubschrauber, Drachenburg. Früher hatten wir 20 Legosteine, haben aber Universen daraus gebaut. Heute gibt es Universen voller Steine, aber nur eine Anleitung. Drei Topagenten müssten wochenlang wühlen, um die winzigen karminroten Spezialsteine wieder zu finden, die das Raumschiff im Innersten zusammenhalten. Das ist eher was für Mutti. Hat es überhaupt irgendeinen pädagogischen Wert, stundenlang in Steinhaufen zu wühlen? Immerhin lernt das Kind Frustrationstoleranz. Der Junge wird auf eine Karriere in Archäologie oder Reststofftrennen vorbereitet. Bald ist übrigens Geburtstag. Was schenken wir nur dem Kind?

In der nächsten Ausgabe schreibt hier wieder Susanne Leinemann. Das Buch "Mamas & Papas: Wie wir täglich fröhlich scheitern" gibt es im Handel. Es ist im Diana Verlag erschienen und kostet 12,99 Euro.