Gynäkologie

Aufklärung in der Praxis

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"Oooh!" 13-, 14-jährige Mädchen können alles in diesen Laut hineinlegen: Entsetzen. Furcht. Oder Begeisterung. So wie in diesem Moment, in dem das Baby im Ultraschall seine Hand hebt und nach dem Daumen sucht. "Wie süß", haucht die 13-jährige Jessica, und Momo (14) schlägt gerührt die Hände vor das Gesicht.

Die Mädchen, die um die Behandlungsliege in der Frauenarztpraxis stehen, sind weder selbst schwanger, noch begleiten sie eine Freundin oder Verwandte. Sie sehen das ungeborene Baby von Nadine Zschunke auf dem Ultraschall-Bildschirm heute zum ersten Mal. Und trotzdem sind die Bilder der Höhepunkt ihres Ausflugs in die Mahlsdorfer Praxis von Britta Leistenschneider.

Die Achtklässlerinnen der Merian-Oberschule in Köpenick sind hier, um sich zu informieren, was bei einem Besuch bei der Frauenärztin passiert. Damit jedes Mädchen Gelegenheit hat, seine Fragen loszuwerden, sind die Schülerinnen in zwei Gruppen aufgeteilt, die Jungen aus der Klasse sind nicht mitgekommen - sie würden nur stören, wenn es um Themen wie die Periode oder die gynäkologischen Untersuchungen geht. Allerdings sind sie nicht etwa stattdessen zum Urologen gegangen, sondern - in eine Autowerkstatt. Die Mädchen erzählen das mit einem amüsierten Augenrollen, das gleich klar macht: Von ihren Mitschülern erwarten sie bei dem Thema nicht allzu viel.

Mit Kondomen kennen sie sich aus

Sie selbst kennen sich dagegen ganz gut aus, was den eigenen Körper angeht. Einige von ihnen haben den ersten Besuch beim Frauenarzt hinter sich. Auf die Frage der Lehrerin, wer schon mal zur Untersuchung war, erzählen zwei oder drei von ihren Erfahrungen, die übrigen murmeln Unverständliches in die Tücher und dicken Schals, die sie um den Hals tragen. Und außerdem hatten sie ja in der Schule schon mehrmals Sexualkunde, "in der zweiten, vierten und sechsten Klasse", erzählt Momo. Den Aufklärungsfilm zum Thema Verhütung haben sie sich trotzdem angesehen, während die andere Gruppe bei Britta Leistenschneider im Behandlungszimmer war. Weil es im Film vor allem um die Pille ging, hat Schwester Nicole anschließend noch andere Verhütungsmittel vorgestellt. Und gestaunt, wie gut sich die Mädchen auskennen: Kondome? Klar, die haben sie schon im Unterricht in der sechsten Klasse über eine Banane gezogen. "Und ihr wisst auch, dass ihr aufs Haltbarkeitsdatum achten müsst?" Die Mädchen nicken, alles längst bekannt. Wo sie schon mal beim Thema sind, lästern sie gleich noch ein bisschen über die Aufklärungskolumnen der Zeitschriften: "Kann ich vom Knutschen schwanger werden?" oder ,Kann ich mit einem Tampon verhüten?", solche Fragen würden dort gestellt, versichern sie. Die Antworten kennen sie alle längst.

Ein Jahr früher hätten sie vielleicht zu einem solchen Termin gehen sollen, da sind sich die Achtklässlerinnen einig, auch wenn Schwester Nicole zu bedenken gibt: Dann seien die Mädchen oft noch "sehr verkichert". Als 12-,13-Jährige hätten sie noch viel mehr Fragen gehabt, aber inzwischen sind sie längst ganz abgeklärt und cool. Jedenfalls meistens. Als Britta Leistenschneider über das "erste Mal" spricht, klingen die Schülerinnen plötzlich doch ein bisschen zaghafter. Aber immerhin: Die Mädchen trauen sich zu fragen - und wollen auch Dinge wissen, die sie mit ihrer eigenen Mutter wohl eher nicht besprechen würden. Ob es blutet, wenn das Jungfernhäutchen reißt, zum Beispiel. Mit ihren Ängsten sind sie bei Britta Leistenschneider gut aufgehoben. Ganz pragmatisch antwortet sie, klingt manchmal fast ein bisschen schnodderig. Zum Beispiel, wenn sie erklärt, warum sie Patientinnen vor dem ersten Geschlechtsverkehr nicht mit dem Spekulum untersucht: "Die Dehnung überlasse ich lieber jemand anders", sagt sie mit einem Grinsen. Die Mädchen lachen, keine Spur von Verlegenheit. Das Spekulum selbst allerdings - das Instrument, mit dem Frauenärzte in die Scheide schauen - entlockt ihnen wieder ein "Oh", ein ziemlich besorgtes diesmal, aber Britta Leistenschneider beruhigt sie: "Das gibt es in verschiedenen Größen."

Damit trifft sie genau den richtigen Ton, um die Gruppe über die Themen aufzuklären, die ihr am Herzen liegen. Vor allem Verhütung ist ihr wichtig: "Eure Jugend ist vorbei, wenn ihr jetzt schwanger werdet", erklärt sie. Und so laut wie die "Süß!"-Rufe vorhin waren, als Nadine Zschunkes Tochter im Ultraschall zu sehen war, so klar ist auch jetzt die Meinung der Mädchen: "Man verbaut sich die Zukunft", sagt Svea, und Momo erzählt von ihrer kleinen Schwester, die mit ihren drei Jahren die ganze Familie auf Trab hält: "Damit würde ich nicht klarkommen!" Britta Leistenschneider stimmt ihr zu und erinnert die Mädchen daran, wie schwierig es ist, mit einem kleinen Kind eine Ausbildung zu bewältigen, "aber nur mit Schulbildung kann man ein Kind nicht ernähren".

Schwanger, weil sie sich nicht zum Frauenarzt getraut haben, um sich die Pille verschreiben zu lassen: Das soll diesen Mädchen nicht passieren. Viele fürchten sich vor dem Besuch beim Gynäkologen, und die Berichte der Freundinnen tragen nicht immer dazu bei, dass sie gelassener damit umgehen.

Aufklärung ohne Geld

Eine der Schülerinnen erzählt von der schmerzhaften ersten Untersuchung, "auch von innen", und Britta Leistenschneider runzelt die Stirn: "Das ist vor dem ersten Geschlechtsverkehr nicht nötig", versichert sie ihren Zuhörerinnen und erklärt: "Ihr könnt dem Arzt oder der Ärztin auch sagen, dass ihr nur mit dem Ultraschallgerät auf dem Bauch untersucht werden wollt."

Wie das geht, führt sie bei ihren Besucherinnen ebenfalls vor. Nachdem die schwangere Nadine Zschunke die Praxis verlassen hat, bittet Britta Leistenschneider eines der Mädchen auf die Liege. Momo traut sich, und beobachtet ganz genau, was auf dem Bildschirm zu sehen ist, als die Ärztin mit dem Schallkopf über ihren Bauch fährt: Harnblase, Eierstöcke, Gebärmutter. Anschließend erklärt Britta Leistenschneider alles noch mal bei ihrem Vortrag, die Geschlechtsorgane von Frauen und Männern und wie die Befruchtung einer Eizelle abläuft. Und kommt dabei immer wieder auf das Thema Verhütung. Zum siebten Mal hat sie heute eine Schulklasse zu Besuch. Geld bekommt sie dafür keines, aber dafür die Gewissheit, "dass die Jugendlichen gut aufgeklärt sind".