Familienpolitik

Frauen verzichten eher auf Kind als auf den Job

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Viele junge Frauen verzichten heute eher auf ein Kind als auf ihren Beruf. "Das ist mehr und mehr die Option, die die Frauen heute wählen", sagte der Sozialforscher Klaus Hurrelmann. Dies sei auch eine Folge des seit 2008 geltenden Unterhaltsrechts, erklärte er - es schränkt die Ansprüche kinderbetreuender Ex-Partner deutlich ein.

Hurrelmann sprach von einem politischen Bruch: Die Familienpolitik sei ausgerichtet auf eine Arbeitsteilung Berufstätigkeit - Kinderbetreuung. Scheitere das traditionelle Familienmodell, dann erhalte meist die Mutter die Botschaft: "Selbst schuld, dass Du Dich darauf verlassen hast." Die Konsequenzen des Unterhaltsrechts zeigten sich erst jetzt, mit Veröffentlichung einschlägiger Gerichtsurteile: Frauen, die der Familie wegen ihre Berufstätigkeit aufgegeben hätten, gerieten in finanzielle Schwierigkeiten. "Für viele ist das ein echter Schock, weil sie sich gar nicht vorbereiten konnten und nie das Gefühl gehabt haben, dass sie sich darauf vorbereiten müssten", so der Wissenschaftler.

Die gesamte Familienpolitik der vergangenen Jahre beruhe auf der Grundannahme: Das Kind ist zu Hause am besten aufgehoben. "Die Weichen sind alle so gestellt, dass man als Mutter am besten fährt, wenn man sich heraushält aus der Berufstätigkeit", sagte Hurrelmann und verwies zum Beispiel auf das Ehegatten-Splitting im Steuerrecht. Die Familie werde zum absoluten Zentrum der Versorgung gemacht und erhalte Leistungen wie Kinder- oder Elterngeld, die in anderen Ländern schon längst an öffentliche Einrichtungen gehen würden. "Indirekt ist es eine Anti-Berufstätigkeits-Politik", betonte er. Scheitere dann das Familienmodell, sage die aktuelle Rechtslage: "Es war Deine Verantwortung, dass Du Dich auf darauf eingelassen hast."

Für viele junge Frauen sei die Entscheidung zwischen Kind und Karriere deshalb eine ganz klare Kosten-Nutzen-Abwägung, erklärte der Sozialforscher. Sie bezögen das Risiko ein, dass eine Partnerschaft scheitere, deshalb wollten sie auf die Berufstätigkeit nicht verzichten. "Und wenn ich das nicht verbinden kann mit einem Kind, dann verzichte ich auf das Kind", sagten sie sich. Junge Frauen, das zeigten zahlreiche Studien, wollten eine gute Ausbildung plus Karriere und das mit Familie verbinden. "Eine Nichtvereinbarkeit von Familie und Beruf gefährdet den Kinderwunsch", sagte Hurrelmann. Für ein Umdenken in der Familienpolitik könne der Fachkräftemangel führen, der erwartet werde. "Solche ökonomischen oder arbeitsmarktpolitischen Zwänge wirken ganz stark auf die Familien- und Bildungspolitik zurück", so der Sozialforscher. Frauen könnten in diesem Fall als Arbeitsmarktreserve entdeckt werden. Darüber hinaus sprach sich Hurrelmann für ein Bürgerrecht auf Berufstätigkeit sowohl für Männer als auch für Frauen aus. "In der heutigen Gesellschaft kann man nur gut leben, wenn die wichtigste Sache erfüllt ist, die für die Sicherung der eigenen Existenz notwendig ist, und das ist nun einmal Berufstätigkeit", sagte er.