Krankenhausclowns

Den Schmerz weglachen

Seriös sieht ihr Arbeitsoutfit nicht gerade aus: Kurzes Kleidchen, Stöckelschuhe. Hinter sich her zieht die grell Geschminkte eine Einkaufskarre aus knallrosa Knautschlack mit Schleifchen. Menschen drehen sich nach ihr um und lachen. Und das ist genau ihre Absicht. Denn Béta Caténine, die mit bürgerlichem Namen Sylvie Krause-Grégoire heißt, ist Clown. Ihr Publikum: kranke Kinder und deren Eltern. Ihre Bühne: Krankenhäuser in Berlin und Umgebung.

Im Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam ist Großkampftag. Wie immer hat das nasskalte Winterwetter jede Menge kranker Kinder beschert. Ärzte und Schwestern hetzen durch die langen Flure. Keine Zeit für Mätzchen. Ausgerechnet jetzt erscheinen die Clowns auf der Station. Während Mediziner und Pfleger mit vollem Einsatz die neuen Patienten verarzten, machen auch die Clowns, was sie am besten können: Unfug. Béta stolpert zusammen mit ihrem spindeldürren Kollegen Filou in das Krankenzimmer von Leonie und Pia. Eigentlich ist den beiden blonden Mädchen gar nicht zum Lachen. Leonie hat eine Lungenentzündung und Pia hohes Fieber. Filou rutscht mit seinen überdimensionalen Schuhen immer wieder aus und verliert dabei fast seine viel zu weite Hose. Zum Entsetzen der Mütter verheddern sich Filou und Beta zielsicher in den Telefonkabeln und Infusionsschläuchen.

Kein Kinderspiel

Ihre Sorge ist unnötig. Die schrägen Vögel wissen genau, was sie tun. Sie sind Profis, wie alle Clowns, die der Verein 'Rote Nasen' in Krankenhäuser schickt, um leidende Kinder aufzuheitern. Filou, der eigentlich Reinhard Horstkotte heißt, ist künstlerischer Leiter der 'Roten Nasen'. "Kranke zum Lachen zu bringen, ist alles andere als ein Kinderspiel", weiß Sylvie Krause-Grégoire. Die französische Schauspielerin, die seit über zehn Jahren in Berlin lebt, hat auf großen Bühnen gestanden, als Synchronsprecherin gearbeitet und in Kino- und Fernsehfilmen mitgespielt.

Die Charakterdarstellerin, die neben ihrer Krankenhaustätigkeit auch als Geschichtenerzählerin, Moderatorin und Akkordeonspielerin in verschiedenen Produktionen arbeitet, verfügt unzweifelhaft über ein komisches Talent. Doch Clown zu sein, ist für die 47-Jährige eine ernste Sache. Den eigenen Clown in sich zu finden, eine Lebensaufgabe. Während die Mimin mit klassischer Schauspiel- und Gesangsausbildung in Frankreich mit Shakespeare und Molièrestücken auf der Bühne stand und in hochkarätigen Musiktheaterinszenierungen mitwirkte, kämpfte sie in Berlin erst einmal mit der deutschen Sprache. Sie besann sich auf ihre Ausbildung bei einem Lehrer der berühmten Pariser Bewegungstheaterschule Jacques Lecoq. Als Clown reichte es, wenn sie sich nur mit Händen und Füßen verständlich machte. Die Leute lachten über ihren französischen Akzent und die eigenwilligen Wortschöpfungen.

Mit ihrem selbstgeschriebenen Ein-Clown-Stück "Paris-Berlin" tingelte sie durch Deutschland. "Ohne zu wissen, dass ich später einmal im Krankenhaus auftreten würde, hatte mein Clownsname bereits eine medizinische Komponente", amüsiert sie sich rückblickend. Beta-Catenine gehören zu einer Gruppe von für die Krebsforschung wichtigen Proteinen. Béta, so nennen die Franzosen aber auch Personen, die hoffnungslos naiv sind.

Am Clownsdasein liebt sie die Freiheit. Die Möglichkeit, sich ihr eigenes Universum zu schaffen. Clown im Krankenhaus zu sein, bedeutet aber auch eine große Verantwortung. Manche der Kinder sind schwer krank oder haben Schmerzen, andere sind einsam, vor allem, wenn sie Feste wie Weihnachten im Krankenhaus und weit weg von ihren Familien feiern müssen. Manchmal haben sie dann sogar Angst vor Clowns. Deshalb findet kein Besuch ohne ein vorheriges Treffen mit dem Krankenhauspersonal statt. Dabei erfahren die Clowns neben dem Namen und Alter der Kinder auch etwas über ihre Krankheit und welche Art der Aufmunterung ihnen gut tut.

"An manche muss man sich erst vorsichtig herantasten", weiß die Komikerin, die versucht, den Kindern und ihren Angehörigen kurze Augenblicke der Freude, Hoffnung und Liebe zu schenken. Doch in diese magischen Momente schleicht sich bisweilen Schmerz. Immer wieder spielt sie für chronisch oder lebensgefährlich erkrankte Kinder. Besonders berührt hat sie das Schicksal eines Jungen, der lange auf ein neues Herz warten musste. Als sie wiederkam, um ihm ein extra für ihn einstudiertes Lied vorzusingen, erfuhr sie, dass der Junge die Transplantation nicht überlebt hatte. Nur eines tröstete sie dann. Dass sie ihm bei ihrem letzten Besuch ein Lächeln in das ernste Gesicht zaubern konnte. Sie hat begriffen. Es gibt Kinder, die wirklich an ihrer Krankheit sterben können. Daran wird sie auch erinnert, wenn sie wegen der Infektionsgefahr manchmal mit Mundschutz auftreten muss.

Den Kindern im Potsdamer Ernst von Bergmann Klinikum geht es vergleichsweise gut. Der dreijährige Christian, der eine Mandeloperation hinter sich hat, ist schon wieder putzmunter. Seine Mutter, Maren Scharnbeck, ist dankbar für die Abwechslung. "Eine gelungene Überraschung im tristen Krankenhaus Dasein", findet auch Pias Mutter Dajana Ellermann. "Das nimmt den Kindern die Angst", glaubt Leonies Mutter Barbara Keil, die selbst Mühe hat, ernst zu bleiben.

Lachen und Weinen eng beieinnander

Die geübten Quatschmacher haben schon das halbe Krankenzimmer auf den Kopf gestellt. Beta singt das bekannte Chanson "Aux Champs-Elysées". Filou fällt mit einer Art Fantasiefranzösisch in den Singsang ein, während er sich hoffnungslos weiter in den Kabeln verstrickt. Ein Mädchen vom anderen Ende der Station ist den Clowns gefolgt. "Weißt du nicht, wie man mit einem Telefon umgeht?", schimpft sie mit Filou in gebrochenem Deutsch. "Bist Du vielleicht ein bisschen 'schickalalla' ?" Selbst die Clowns gucken erheitert. Nicht immer geht es so unbeschwert zu. Für einen Krankhausclown ist das Lachen dem Weinen oft sehr nah. Ein Bild geht Sylvie Krause-Grégoire nicht mehr aus dem Kopf: Als ein behinderter Junge, der sich vor Schmerzen die Lippen zerbissen hatte, sie mit seinem blutverschmierten Mund anlächelte.

Nicht nur bei Auftritten, auch im Alltag liebt die in Dijon geborene Schauspielerin das Lachen. Wenn ihre eigenen Kinder krank sind, liest sie ihnen lustige Geschichten vor. Doch die Clownsnase setzt sie zu Hause nicht auf. Die Mutter von vier Söhnen, befürchtet sonst 'den totalen Autoritätsverlust'. Ihr größter Fan trägt übrigens auch einen weißen Kittel: Nämlich ihr Ehemann, der Chirurg in einem Berliner Krankenhaus ist. Ihre Tätigkeit als Klinikclown hat die beiden noch näher zusammengebracht. Plötzlich ist das Krankenhaus kein anonymer Ort mehr und das medizinische Vokabular keine Fremdsprache mehr. "Im Grunde haben wir jetzt eine gemeinsame Aufgabe: Wir arbeiten beide zum Wohle der Kinder. Schließlich ist das Lachen auch eine sehr wirksame Medizin."