Austauschschülerin in Berlin

Ente kross und "Oh, Du fröhliche"

Natürlich kannte sie diesen rauschebärtigen Opa im coca-cola-farbenen Mantel, der am 24. Dezember Rentiere vor den Schlitten spannt, um Geschenke auszufahren. Auch geschmückte Tannenbäume hat Xinyu Liu schon gesehen. Allerdings aus Plastik, in einer Shopping Mall, sagt die 16-jährige Chinesin. "My parents don't care so much about Weihnachten." Ihre Eltern haben nichts mit Weihnachten am Hut. Die Familie ist konfessionslos.

Schon deswegen wird dieser Heiligabend ein ganz besonderer für sie werden. Mit einer echten Tanne, selbst geschlagen in einem brandenburgischen Forst. Mit Geschenken, Ente kross und "Oh, du fröhliche." Xinhu Liu steht die Vorfreude ins Gesicht geschrieben. Mit Weihnachten ist es zwar ein bisschen wie mit der Kuckucksuhr aus dem Schwarzwald: Es ist ein Klischee, das Asiaten mit Deutschland verbinden. Dennoch zeichnet sich schon ab, dass das Fest ein Höhepunkt ihres einjährigen Aufenthaltes werden wird.

8406 Kilometer Luftlinie hat sie mit dem Flugzeug von Shanghai nach Berlin zurückgelegt, um die deutsche Kultur und ihre Sprache kennenzulernen. Ihr Vater, ein Kaffee-Einkäufer, war einige Male geschäftlich hier und hat ihr neben den vielen Museen das Bier und das "Bein vom Schwein" ans Herz gelegt. Emma, 13, die jüngste Tochter der Gastfamilie, kommt ihr zur Hilfe. "Du meinst: Eisbein."

Noch bis August lebt Xinhu Liu bei Familie Bombien in Steglitz. Ihr Reich, das ist das Zimmer von Lea, 16. Die ältere Tochter der Bombiens verbringt ein Jahr als Austauschschülerin im US-Bundesstaat Wisconsin. Ein Ort, von dem ihre Mutter Dorothee sagt: "Er ist weit genug entfernt, um nicht beim ersten Problem gleich wieder nach Hause zu fliegen." Auch für Lea ist es das erste Weihnachtsfest weit weg von zu Hause. Ihr erster Anfall von Heimweh erreichte ihre Eltern via Skype. "Lea vermisst das Keksebacken und die Gemütlichkeit", sagt ihre Mutter. Draußen ist es schon dunkel. Die Familie hat sich um den Küchentisch versammelt. Teetrinken mit Xinyu Liu. Ein Mädchen, das gerne lacht, kocht und Stunden in der Neuen Nationalgalerie verbringen könnte. Eigentlich sollte sie nur für sechs Wochen bleiben. Doch bei einem Spaziergang im Grunewald sei das Eis gebrochen. Xinyu Liu erzählte vom Leben in der Millionen-Metropole Shanghai und davon, wie sehr sie das Leben in der Natur genoss. Berlin erschien den Bombiens plötzlich wie Bullerbü. Sie beschlossen: Xinyu Liu bleibt.

Stinkekäse mag sie nicht

Von Problemen, wie sie andere Familien schon mit Jugendlichen aus Fernost erlebt haben, wollen die Gasteltern nichts wissen. Heimweh? Fehlanzeige. Xinyu Liu hat seit ihrem dritten Lebensjahr im Internat gelebt, vielleicht hat ihr das das Einleben erleichtert. "Gleich am ersten Tag ist sie allein vor die Tür gegangen, um sich eine Currywurst zu kaufen", schwärmt Dorothee Bombien jedenfalls. Auch sonst sei die 16-Jährige sehr pflegeleicht. Sogar "an das viele deutsche Brot" habe sie sich inzwischen gewöhnt, ergänzt Xinyu Liu. "Bloß Stinkekäse mag ich immer noch nicht. " Ihre Gastmutter sagt, Xinyu Liu helfe ihr, die Stadt und ihr Leben mit anderen Augen zu sehen. Und vielleicht tröstet sie sie ein wenig über die Trennung von Lea hinweg.

Vater Dirk hätte seine Tochter Lea gerne nach China geschickt. "Doch als Lea erfuhr, dass die Schule dort von sieben Uhr morgens bis 17 Uhr dauert, war das Thema vom Tisch." Xinyu Liu sagt, das gefalle ihr so gut an Berlin, neben dem vielen Grün, den Museen und den "old houses": Dass der Tag nicht nur aus Schularbeiten und Sport bestehe. Ihr Stundenplan am Arndt-Gymnasium in Dahlem lasse ihr genug Luft, um mit Klassenkameradinnen zu shoppen oder ins Kino zu gehen. "Zu Hause schaffe ich das nur in den Ferien."

Wie Gastschwester Lea hat Xinyu Liu ihre Gastfamilie über den Verein American Field Service (AFS) gefunden, eine gemeinnützige Initiative, die im Ersten Weltkrieg gegründet wurde, als Freiwilligen-Börse für US-Rettungssanitäter. Heute ist sie eine der weltweit größten Austausch-Organisationen für Schüler und Freiwillige in sozialen und ökologischen Projekten. Ihr deutscher Ableger hat in diesem Jahr 1080 Schüler ins Ausland vermitteln, mehr als 30 Prozent davon in die USA. Asien rangiert auf der Wunschliste der deutschen Schüler relativ weit hinten. Umgekehrt ist die Nachfrage nach deutschen Gastfamilien aus Fernost so groß, dass der AFS Mühe hat, alle Schüler unterzubringen.

"An Weihnachten gibt es ausnahmsweise drei warme Mahlzeiten am Tag", sagt Dorothee Bombien. "Wirklich?", fragt Xinyu Liu ungläubig. "Ja", antwortet ihre Gastmutter, wohl wissend, das ihre Gasttochter ihren Sinn für Ironie teilt. "Morgens, mittags, abends: Gans."