Weihnachtsvorbereitungen

Auf der Suche nach dem perfekten Baum

Hinter Werder schwärmen ganze Familien durchs Unterholz einer Weihnachtsbaum-Plantage. Das Publikum ist wählerisch: "Das sind ja noch Winztannen", mosert ein Mädchen. "Hier die Seite ist ein bisschen kahl", meint ein Vater. Er ist daheim mit dem Schmücken beauftragt und achtet deshalb schon jetzt auf Details.

Jörg Kraft ist mit und für Lennart aus Hohenschönhausen angereist und setzt auf Nordmanntanne: "Da piksen die Nadeln nicht so wie bei Fichte." Der Dreieinhalbjährige ist zum ersten Mal beim Baumschlagen dabei. Zusammen haben sie ihn ausgesucht und jetzt geht es mit Papa ritze-ratze durch den Tannenstamm. Nach wenigen Minuten ist der Baum gefällt und Lennart untersucht den Stumpf, bevor er seinem Vater hilft, den Baum durchs Unterholz zu wuchten und am Eingang der Plantage einnetzen zu lassen. Den Preis bestimmen lange Messlatten. Dann hat sich das Holzfäller-Duo erst mal eine Stärkung verdient. Tee für den Vater, Wurst für den Sohn.

Der Werderaner Tannenhof brummt im Advent. Zwei große, mit Tannenreisig ausgelegte Parkplätze sind gut gefüllt. Überall laden Menschen einen oder mehrere Bäume in und auf Autos. Einige haben ihn fürsorglich in wärmende Decken gehüllt. Der Zugangsbereich zur Plantage erinnert mit Glühwein, Wurst und Stockbrot an einen Weihnachtsmarkt. Im Hofladen gibt es Baum-Zubehör.

Nordmanntannen duften nicht

Weihnachtsbäume selbst schlagen ist für viele Familien Tradition. "Wir verkaufen jedes Jahr einige zehntausend Bäume", sagt Gerald Mai. Er ist der gute Geist in diesem Tannenwald und hat auch den Baum für das Schloss des Bundespräsidenten Wulff geliefert. "Eine 12-Meter-Colorado-Tanne, Baujahr 1992. Die haben wir nachts an der Spitze an einen Ladekran gebunden und dann gefällt. So wird der Baum behutsam abgelegt, damit die Äste nicht brechen. Aber wir liefern auch an weniger prominente", versichert der Mann in Gummistiefeln und Forstoutfit. Dann zeigt er sein 50-Hektar-Revier. Auf langen Hügelflanken wachsen Tausende Bäume. Mai erklärt das Einmaleins des Weihnachtsbaums. "Beliebt sind Nordmanntannen. Weiche Nadeln, die lange halten, leider kein Duft. Dort drüben stehen Blau-, Rot- und die hohen serbischen Fichten. Die nadeln schneller, sagt man. Aber gut gewässert halten Fichten auch lange - und duften. Unsere Schwarz- und Waldkiefern sind eher Liebhaberbäume."

Nicht jeder Tannenbaum ist also eine Tanne. Und geschlagen werden sie auch nicht. Sie werden gesägt. Warum das so ist, merkt der Berliner Holzfällerlaie gleich, wenn er die Axt anlegt. Junge Stämme federn. Also sägen. Dann passt das Bäumchen später auch besser in die Halterung.

Auf der großen Plantage tagen tief versunken die Familienräte. Kinder schleppen Bügelsägen. Väter tragen Lederhandschuhe, Mütter derbes Schuhwerk. Dieser ist zu krumm, jener zu klein oder zu groß. Dort sind die Zweige nicht waagerecht genug. Baum schlagen kann kompliziert sein. Kaum einer bemerkt das Reh, das verstohlen durch die Reihen schleicht. Sonst ist das hier sein einsamer Rast- und Futterplatz. Den Advent findet das Tier wahrscheinlich stressig.

Ganz anders Familie Flachmeyer/Schwabe aus Pankow. Die schlendert routiniert durch die Reihen. Sie sägen schon das dritte Jahr selbst: "Da sind die Kinder schuld", sagt Vater Roman. Die siebenjährige Mariella findet es gut, dass sie mit aussuchen darf. "Der Baum soll ein bisschen größer sein als ich", gibt sie die Richtung für die nächsten Jahre vor. Bei den Flachmeyer/Schwabes übernimmt Mutter Yvonne seit Jahren die Baumdeko. Da will auch sie mitbestimmen. Der Rat entscheidet ganz entspannt nach einer halben Stunde Sichtung. "Den? Na dann los!", sagt Vater Roman. Er und Sohn Enzo lassen die Säge singen und fällen wie 90 Prozent der Berliner eine Nordmanntanne.

"Bisschen krumm ist eben bio"

Mariella und Enzo lernen, wo die Bäume herkommen und wie man ihr Alter bestimmt. Jeder Astkranz, Quirl genannt, steht für ein Lebensjahr. Die meisten Plantagenbäume sehen nur zwölf Winter, den letzten in der guten Stube. Waldbauern denken und ernten in Jahrzehnten. Auch beim Wuchs raten Experten zu Gelassenheit. Weihnachtsbäume sind eben Naturprodukte. "Bisschen krumm ist eben bio", wehrt der Brandenburger Forstarbeiter Manfred Nörgeleien ab.

Selbst schlagende Routiniers umrunden den Aspiranten. Sie wissen, dass so eine Stubentanne meist nur von zwei Seiten gut aussehen muss. Die Restseiten blicken in Richtung Zimmerecke. "Der hier wird gehen", meint Aaron Jetzke und sägt los.

Auf der Plantage schwören alle auf das selbst Aussuchen. Die Bäume sind garantiert frisch und der Wuchs meist gerade. Wer seinen Weihnachtsbaum schon eingenetzt an der Supermarktecke kauft, kann Überraschungen erleben. Krummer Stamm, kahle oder fahle Partien, müde hängende Äste, nur geeignet für Menschen mit einem großen Herz für spillerige Tannen.

Auch die gibt es: Baumaltruisten. Ein Paar in Selbststrick-Partnerlook gesteht, bislang am 23. Dezember des Jahres durch Forst und Park geschlichen zu sein, um einen Kümmerling vor den groben Händen herzloser Gartenlandschaftsbauer gerettet zu haben. "Die hätten den ja sowieso gefällt", verteidigen sie sich. "Das Tännchen hat dann wenigstens noch ein paar schöne warme Tage und bunt geschmückt am Kachelöfen zugebracht." Erspart hat sich das Paar wohl eher den Aderlass im Portemonnaie. Der Berliner gibt durchschnittlich 30 Euro für die grüne Weihnacht aus.

Egal wie schön, wie schmuck: Nach der traditionellen Standzeit kommt der Baum spätestens am 6. Januar, dem Dreikönigstag, aus dem Haus. Dann sammelt die BSR die rund 380 000 Baumleichen vom Straßenrand auf, um sie zu Strom und Wärme zu recyceln. Wer einen Christbaum fällt, braucht also kein schlechtes Öko-Gewissen zu haben. Die Energiegewinnung beim Verbrennen der Bäume ist garantiert CO2-neutral. Und die Dänen freuen sich besonders. Die sind mit elf Millionen geernteter Christbäume im Jahr Exportweltmeister. Deutschland ist der größte Abnehmer - aber nur für diejenigen, die nicht selbst sägen.