Interview mit Holger Dammit

"Die Partner müssen den Unterschied würdigen können"

Wie können ungewöhnliche Paare ihre besonderen Herausforderungen meistern? Ein Gespräch mit dem Berliner Psychologen und Paarberater Holger Dammit.

Berliner Morgenpost: Es heißt gern: "Gegensätze ziehen sich an". Können Sie dies aus Ihrer Praxis bestätigen?

Holger Dammit: Ja, das erlebe ich häufig. Da ist die lebenslustige Frau mit einem in sich gekehrten Mann zusammen oder ein häuslicher Typ mit einem Partygänger. Anfangs wird das als angenehme Ergänzung zum eigenen Wesen empfunden, später sorgt es jedoch oft für Konflikte.

Berliner Morgenpost: Was geht da vor?

Holger Dammit: Die Partner fühlen sich nicht mehr verstanden - und empfinden das Gegensätzliche nicht mehr als Bereicherung, sondern als eigenes Defizit. Da beginnt sich der stille Mann beispielsweise über seine fröhliche Frau zu ärgern, wenn er feststellt, dass sich ihre Fröhlichkeit nicht automatisch auf ihn überträgt. Denn das heißt: Er muss an sich selbst arbeiten, um seinen Mangel auszugleichen.

Berliner Morgenpost: Sie sprechen über charakterliche Unterschiede. Wie sieht es bei äußerlichen Unterschieden aus wie Gewicht oder Alter?

Holger Dammit: Solche Partnerschaften sind schon durch äußere Einflüsse belastet. Oft gibt es Sticheleien oder das Umfeld wartet nur auf den Beweis, "dass so etwas nicht gut gehen kann". Es braucht Mut, Selbstbewusstsein und gute Argumente, sich in seiner Unterschiedlichkeit als Paar zu präsentieren. Das gilt auch innerhalb der Beziehung: Die Partner müssen den Unterschied würdigen und belassen können.

Berliner Morgenpost: Wie meinen Sie das?

Holger Dammit: Keiner darf sich verleugnen. Bei Paaren, die aus unterschiedlichen Generationen oder Kulturen stammen oder einen Bildungsunterschied aufweisen, beobachte ich, dass sie häufig zwischen Familie bzw. Freunden und dem Partner hin- und hergerissen sind. Doch es ist gefährlich, den Kontakt mit dem eigenen Umfeld abzubrechen oder eine solche Trennung vom Partner zu fordern. Lieber sollte das Paar versuchen, Brücken herzustellen.

Berliner Morgenpost: Kann ein Altersunterschied zu spezifischen Problemen führen?

Holger Dammit: Gerade wenn die Frau älter ist, übernimmt sie gern die Verantwortung und beginnt, das Leben des anderen zu gestalten. Das ist für den Mann bequem, aber für die Frau anstrengend. Und auf Dauer engt es den Mann auch ein. Wenn er sich befreit, fühlt sich die Frau ihrer Funktion beraubt und die Beziehung steht auf dem Prüfstand. Hinzu kommen äußere Einflüsse. Es kann trotzdem funktionieren, aber es braucht Arbeit an der Beziehung.

Berliner Morgenpost: Was raten Sie ungewöhnlichen Paaren?

Holger Dammit: Bei Konflikten sollten sie sich schnell Hilfe holen. Sonst werden die Verletzungen womöglich so tief, dass sie nicht mehr heilen können. Zudem sollte man den anderen nicht mit dem Wunsch belasten, anders zu sein, sondern sich lieber fragen: Warum habe ich mir einen so andersartigen Partner ausgesucht? Der Partner ist weder Prinz noch Prinzessin, also nicht für die Rettung des anderen zuständig. Man kann sich aber von seinem Partner wach küssen lassen. Das ist doch toll.